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Frankfurter Stadtplanung : Wohnen und Joggen über der Autobahn

Wachstumszone: Im neuen Viertel an der Europaallee sind Hunderte neue Wohnungen entstanden, doch die Nachfrage wächst weiter. Bild: Wonge Bergmann

Die Stadt von übermorgen ist dichter bebaut als die heutige. Es wird mehr Hochhäuser und weniger Pendler geben. Ohne neues Bauland wird das nicht gehen.

          Ihr Bau hat Millionen verschlungen. Die neue U-Bahn fährt durch die Felder in das Baugebiet „Pfingstberg“ zwischen Nieder-Eschbach und Nieder-Erlenbach. Von dort streift der Blick die Hügel und Felder der nahen Wetterau; die Innenstadt und ihre Sorgen sind fern. Noch ist das Viertel am nördlichen Stadtrand nicht fertig. 15.000 Menschen sollen hier einmal ein neues Zuhause finden. Die ersten Bewohner fühlen sich wie einsame Siedler, der Verkauf der Wohnungen läuft schleppend. Weil die Nachbarstadt näher liegt als das Frankfurter Zentrum, gilt hier oben die Telefonvorwahl von Bad Vilbel.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein anderes Szenario von Frankfurt im Jahr 2025 sieht so aus: Im Nordend herrscht Verkehrschaos, denn über der Autobahn 661 haben die Bauarbeiten begonnen. In fünf Jahren soll das grüne Band aus Wiesen, Gärten und Parks fertig sein. Jogger und Spaziergänger laufen dann vom Günthersburgpark über den Deckel der Autobahn bis zum Huthpark und weiter hinauf auf den Lohrberg. Der neue Modellstadtteil „Innovationsquartier“ an der Friedberger Landstraße ist schon fast fertig. Die Hoffnung, dass die Bewohner nur mit Elektroautos fahren würden, hat sich nicht erfüllt. Aber ein kleines Solarkraftwerk versorgt den ganzen Stadtteil mit Energie. Im Jahr 2025 ist das Passivhaus längst überholt.

          Langfristig nicht genügend Bauland

          Das dritte, wahrscheinlichste Szenario geht so: Keines der beiden Projekte ist realisiert. Jahrelang versuchten die Parteien, die Bürger von der Notwendigkeit der neuen Stadtteile zu überzeugen. Vergeblich. Zwischen Nieder-Eschbach und Nieder-Erlenbach wehrten sich die Bauern gegen die Enteignung. Denkwürdig ist der Tag im Jahr 2020, als sie einen Misthaufen vor den Römer kippten. Und die Freizeitgärtner im Nordend, die dem Innovationsquartier weichen sollten, gründeten die Bürgerinitiative „Auf diese Autobahn passt kein Deckel“. Aber Bauern und Gärtner gingen nicht nur auf die Straße, sie zogen gegen die Pläne der Stadt auch vor Gericht. Die Verfahren laufen noch.

          Zehn Jahre - für Stadtplaner ist das keine lange Zeit. Sie denken ohnehin in Jahrzehnten. Im Jahr 2025 werden den Prognosen zufolge fast 800.000 Menschen in Frankfurt leben. Das sind rund 80.000 Einwohner mehr als heute, mit allen Bedürfnissen an Wohnraum, Schulen und anderer Infrastruktur. Bei einer durchschnittlichen Haushaltsgröße von zwei Personen bedeutet das einen Bedarf von 40.000 neuen Wohnungen. Bleibt das Bauvolumen auf den überdurchschnittlich hohen Werten der vergangenen beiden Jahre - 2013 und 2014 wurden jeweils mehr als 4000 neue Wohnungen genehmigt - ist das zu schaffen. Das Problem ist nur: Wo sollen diese Wohnungen gebaut werden? Noch gibt es genügend Bauland für rund 25.000 Wohnungen, aber schon mittelfristig gehen die Flächen zur Neige.

          Stadtplanung ist derzeit kein Vergnügen

          Die großen Neubaugebiete, das Europaviertel und der Riedberg, sind weitgehend bebaut. Vor einigen Jahren hatte der frühere Planungsdezernent Edwin Schwarz (CDU) ein Bündel von Bauvorhaben vorgestellt. Unter dem Titel „Frankfurt 2030“ hatte sein Stadtplanungsamt verschiedene Möglichkeiten zur Entwicklung zusammengefasst: Überdimensionierte Verkehrsachsen wie die Rosa-Luxemburg-Straße überbauen, einen Grünzug von Bockenheim bis nach Bornheim anlegen, Stadtreparatur betreiben. Einzig die Idee, in der Bürostadt Niederrad Wohnungen zu bauen, wurde bislang realisiert. So sinn- und reizvoll diese Maßnahmen sind, wirkliche Entlastung brächten die auch kostspieligen Projekte nur, wenn sie alle gemeinsam realisiert würden.

          Stadtplanung ist in diesen Zeiten kein Vergnügen. Die größte Herausforderung lautet, das Wachstum zu bewältigen, ohne dass die Lebensqualität sinkt. Dazu gehört der Schutz von Freiräumen und Grünflächen. Aber nicht von jedem Acker und jedem Strauch. Man wird Abstriche machen müssen und an der einen oder anderen Stelle den Rand der Stadt neu ziehen. Das führt zu Konflikten. Wer jahrelang den Blick ins Grüne genossen hat, der will ihn nicht verlieren. Deshalb scheint die Lösung verlockend, das Problem auf einen Schlag mit einem großen Neubaugebiet zu lösen statt viele Konflikte auf einmal auszutragen.

          Wenn das Wachstum dauerhaft anhält - und nichts spricht derzeit dagegen -, wird das eine nicht ohne das andere gehen: Innen- und Außenentwicklung, die Verflechtung von Bornheim und Seckbach über der A 661 und das Neubaugebiet auf dem Pfingstberg, Nachverdichtung, Arrondierung und ein großflächiges Baugebiet.

          Frankfurter beanspruchen größere Wohnungen

          Wichtig ist dabei, dem Wachstum eine gute Gestalt zu geben. Einfach blindlings massenweise Wohnungen auf der grünen Wiese zu bauen, wäre fahrlässig. Die Stadt muss qualitätvoll weiterentwickelt werden. Frankfurt ist eine reiche Stadt. Sie sollte sich in einer angespannten Situation wie dieser die Einhausung der Autobahn 661 leisten. Es ist nur logisch, die Stadt dort weiterzubauen, wo sie am besten funktioniert. Die Stadtteile Nordend und Bornheim sind besonders begehrt. Ein Wiesenband über der Autobahn mit vielen neuen Wohnungen an den Rändern hat etwas Bestechendes. Und der Planungsdezernent Olaf Cunitz (Die Grünen) hat ein Gespür für diese Vision, die er „Ernst May Viertel“ nennt. Es sollte keine Phantasie bleiben.

          Die Zukunft liegt in den Städten, ländlich geprägte Regionen werden mehr und mehr zum Erholungsraum. Das ist ökologisch sinnvoll, weil die Pendlerströme verebben. Die Stadt von übermorgen wird auf jeden Fall höher verdichtet sein. Es gibt mehr Wohnhochhäuser, ein neuer Rahmenplan für die vertikale Entwicklung der Stadt wird über kurz oder lang nötig sein. Aber die hochpreisigen Wohnungen in den Türmen werden die Probleme auf dem Wohnungsmarkt nicht lösen.

          Die Mehrzahl der Frankfurter wird auch in zehn Jahren in „normalen“ Wohnungen leben. Der Flächenverbrauch nimmt seit Jahren zu, in letzter Zeit etwas weniger stark. Im Jahr 2025 wird jeder Bewohner mehr Wohnraum in Anspruch nehmen als heute. Mit dem demographischen Wandel steigt die Anzahl der Singlehaushalte. Aber auch das Bedürfnis, im Alter in Gemeinschaft zu wohnen, ist hoch. Es wird auch in Frankfurt mehr experimentelle Wohnformen geben. Aber man muss ihnen auch Raum geben. Die Stadt tut gut daran, sie weiter zu fördern. Erste vielversprechende Ansätze mit einem Liegenschaftsfonds für diese Projekte gibt es schon.

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