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Junge Unternehmen : Frankfurt wendet sich den Fintechs zu

Bildschirmtext: Blick in das Büro von Vaamo im Frankfurter Stadtteil Gallus Bild: Max Kesberger

Im Wettbewerb um junge Unternehmen aus der Finanztechnologie liegt Berlin in Deutschland vorne. Doch nun geht die Stadt Frankfurt auf solche Firmen zu - und will ihre Kritiker widerlegen.

          Arm, aber sexy zu sein hat bisweilen wirtschaftlich sogar einen Vorteil. Das zeigt sich regelmäßig in der Hauptstadt, wie Oliver Vins sagt. „Der Fintech-Stammtisch in Berlin ist knallvoll“, berichtet der Vorstand der Vaamo Finanz AG aus Frankfurt. Seine Firma gilt als ein Vertreter jener Finanztechnologie-Unternehmen, die kurz Fintechs genannt werden und online etwa Fonds oder Versicherungen vermitteln. Und Vins weiß aus Erfahrung: In Berlin tummeln sich viel mehr Fintechs als in Frankfurt, Deutschlands größtem Finanzplatz. Bis zu 150 Gründer kommen demnach zum Stammtisch in der Hauptstadt - bei einem vergleichbaren Abend in Frankfurt folgten der Einladung der Commerzbank meist „ein paar Fintechs, vor allem aber Banker und Berater“.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dazu passt, dass Vins und sein Geschäftspartner Thomas Bloch eine Interessengruppe für deutsche Fintechs nicht am Main ins Leben gerufen haben. Die sitzt vielmehr in der Stadt, die von ihrem früheren Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) das Prädikat „arm, aber sexy“ verpasst bekam. Zur Anziehungskraft Berlins auf Gründer aus der Finanztechnologie passt auch, dass die Deutsche Bank die Hauptstadt als Standort für ein sogenanntes Innovation Lab ausgewählt hat. Zudem stellte der Frankfurter Finanzwissenschaftler Volker Brühl in einem Gastbeitrag für diese Zeitung fest: „Auch der Finanzplatz muss eine Strategie für die digitale Welt entwickeln.“

          Runde mit 25 Teilnehmern

          Im Rathaus Römer und im Domizil der städtischen Wirtschaftsförderung an der Hanauer Landstraße scheint die Kritik angekommen zu sein. Denn die Stadt verstärkt nicht nur mit der Initiative „Frankfurt forward“ ihr Werben um industrienahe junge Firmen, sie geht nun auch gezielt auf Fintechs zu.

          So hat sich auf Einladung der Stadt gerade erstmals eine Runde mit 25 Teilnehmern getroffen. Zu ihr gehörten Vertreter der Wirtschaftsförderung, des Landes Hessen, der Frankfurt School of Finance and Management und des zur Commerzbank-Gruppe zählenden Main-Incubators, der Start-ups unterstützten will. Anwesend waren aber auch Chefs von Fintechs wie der Vaamo AG, die online Indexfonds-Sparpläne vermittelt, des Online-Versicherungsmaklers Clark und von Traxpay, einer Firma, die Lösungen für den Zahlungsverkehr zwischen Unternehmen anbietet.

          Zweieinhalb Stunden dauerte das Treffen. Das lässt darauf schließen, dass sich die Teilnehmer manches zu sagen hatten. Einigkeit bestand nach Angaben der Wirtschaftsförderung darin, dass die Veranstaltungen für Fintechs in jüngster Zeit sowohl zahlreicher als auch attraktiver geworden seien. So wird es innerhalb der Euro Finance Week im November auch eine Tagung namens Euro Finance Tech geben, die sich an die neuen Finanztechnologen wendet.

          „Brutstätte“ für Gründer

          „Weitestgehend Konsens bestand darin, dass ein zentraler Ort mit Strahlkraft den Standort attraktiver machen würde“, sagte ein Teilnehmer. Denn junge Fintech-Unternehmen in Frankfurt leiden, ebenso wie Start-ups aus anderen Wirtschaftszweigen, unter der Tatsache, dass die Stadt am Main ein teures Pflaster ist - im Gegensatz zu Berlin. Vaamo-Vorstand Vins führt als Beispiele hohe Mieten für Gewerbeimmobilien in zentraler Lage und die von Banken gezahlten Gehälter an, die viele Fintechs nicht bieten könnten.

          Wie es bei der Wirtschaftsförderung heißt, haben die Fintechs während des Treffens allerdings keine genaue Zahlen zum Bedarf an Arbeitsplätzen und Büroflächen genannt. Es werde gleichwohl darüber nachgedacht, ob das gewünschte Fintech-Center unter Federführung der Stadt gegründet werden solle. Falls diese Frage bejaht werde, würde die Stadt diesen Anlaufpunkt wohl kaum allein finanzieren wollen. Vielmehr würde sie sich darum bemühen, das Land Hessen einzubinden, wie weiter zu erfahren war. Es gebe dazu noch keinen Zeitplan, obschon Vertreter von Fintech-Firmen den Wunsch geäußert hätten, ein solches Center möglichst rasch einzurichten. Nicht zuletzt sei klargeworden, dass die Finanztechnologie-Firmen noch vernetzt werden müssten und eine Plattform für den Austausch erhalten sollten. Angesichts dessen wurde das Treffen aus dem Kreis der Teilnehmer als „ermutigendes Signal“ gelobt.

          Frankfurt scheint als Fintech-Standort mehr zu bieten zu haben, als der Ruf der Stadt vermuten lässt: Das Image des Finanzplatzes müsse in dieser Hinsicht stärker durch eine entsprechende Öffentlichkeitsarbeit gepflegt werden, hieß es. Diesem Ziel könnte auch das „Fintech Lab“ dienen, das noch im Oktober an der Goethe-Universität vorgestellt und eröffnet werden soll. Gedacht ist an eine „Brutstätte“ für Gründer.

          Möglicherweise schafft Frankfurt mit vereinten Kräften, was Finanzwissenschaftler Brühl, der Leiter des Center for Financial Studies im House of Finance an der Goethe-Universität, der Stadt als Ziel nahegelegt hat: in zehn Jahren auch ein führender Fintech-Cluster in Europa zu sein.

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