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Warum wählt jemand AfD? : Als gäbe es nur ein Thema

Hochburg: In Griesheim schneidet die rechtspopulistische AfD besser ab als im Frankfurter Durchschnitt Bild: Wonge Bergmann

Im Frankfurter Westen wählen überproportional viele Bürger die AfD. Auch vor der Bundestagswahl schimpfen sie über „die Flüchtlinge“. Warum eigentlich?

          Die sieben Rentner auf der Uferpromenade sind sich einig. „Wir sind Protestwähler. Griesheim wählt AfD“, sagt einer der Senioren, die auf den Sitzbänken am Mainufer des Frankfurter Stadtteils in die Morgensonne blinzeln. Keiner widerspricht. Früher seien die Sozialdemokraten ihre politische Heimat gewesen, erzählen sie. Aber von denen sind sie ebenso enttäuscht wie von der Bundeskanzlerin. Ihre Rente sei klein, aber für die Flüchtlinge habe der Staat genügend Geld übrig. „Die Flüchtlinge kriegen Zucker in den Hintern geblasen“, meint einer. Und ein anderer, der sich auf seinen Rollator stützt, ergänzt „Puderzucker“, und alle lachen.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Alte weiße Männer, das ist das Klischeebild vom AfD-Wähler. Aber das Reservoir der Partei erschöpft sich nicht in diesem Klischee. Ganz groß wirbt die AfD am Griesheimer Bahnhof um die Stimmen der Unzufriedenen und Ängstlichen. „Islamisierung stoppen“ steht unter dem Plakat, das vier vermummte Musliminnen zeigt. Über den AfD-Slogan hat jemand „Fuck“ gesprüht.

          „Die Deutschen verhungern“

          Die sieben Rentner am Ufer machen die bekannten Sprüche über Politiker, die derzeit Verantwortung tragen: „Die sind doch alle gleich“ und „Die lügen doch alle.“ Politikverdrossenheit, gepaart mit materieller Unzufriedenheit. Für den eigenen sozialen Abstieg werden „die Flüchtlinge“ verantwortlich gemacht. Wären die nicht da, dann hätte der Staat mehr Geld für Menschen wie sie übrig, lautet diese Logik. Die Rentner finden es beispielsweise nicht in Ordnung, dass das leerstehende Neckermann-Versandhaus in Frankfurt-Fechenheim von der Landesregierung für viel Geld gemietet und zur Erstaufnahme-Stelle umgebaut wurde und nun leer steht.

          Auch im benachbarten Stadtteil Nied muss man nach Unzufriedenen nicht lange suchen. Auf dem Gehweg beschweren sich zwei Bürger über ihre Lage: Die Frau hat lila gefärbtes Haar und einst das Schneiderhandwerk erlernt. Heute bezieht sie eine kleine Rente. Der Mann ist 63 Jahre alt. Er ist arbeitsloser IT-Fachmann und lebt von Hartz IV. „Die Deutschen verhungern, und für Flüchtlinge hat man Milliarden übrig“, sagt er. Sie rechnet vor, dass sie, wenn sie sich in einem Restaurant einen Kaffee gegönnt hat, vier Tage lang Bratwürste der Billigmarke „Ja“ essen muss, damit die Kasse wieder stimmt. Was genau die Flüchtlinge damit zu tun haben? Auch die beiden sehen sich als die Benachteiligten in einem großen Verteilungskampf: Wären die Flüchtlinge nicht da, hätte die Bundesregierung mehr Geld übrig für Menschen wie sie. Sogar Waschmaschinen bekämen die Flüchtlinge geschenkt. Und dann diese teuren Handys!

          Dass diese Logik möglicherweise schief ist, erkennen sie nicht. Ob die Renten und das Arbeitslosengeld überhaupt angehoben worden wären, wenn es die Flüchtlinge nicht gäbe, fragt sich niemand. Aber eines ist vier Tage vor dem Wahlsonntag auffällig: Wenn Bürger in den Stadtteilen Griesheim und Nied auf die Stimmung vor der Bundestagswahl angesprochen werden, fällt sehr schnell das Wort „Flüchtlinge“. Als gäbe es keine anderen Sorgen, die hohen Mieten zum Beispiel. Vor dem Eiscafé, auf der Straße, am Mainufer: Überall wird die Klage über „die Flüchtlinge“ geführt. Ein Mann, der an der Straße Alt-Nied aus seinem Auto steigt, meint: „Bei den vielen Ausländern könnte ich es verstehen, wenn jemand AfD wählt.“ Er habe „seine Partei“, die etwas für alleinlebende Väter macht, aber noch nicht gefunden, sagt der Eintracht-Fan.

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