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Warum wählt jemand AfD? : Als gäbe es nur ein Thema

13,9 Prozent für die AfD

In Frankfurt sind die Stadtteile Griesheim und Nied kleine AfD-Hochburgen. Stadtweit kam die Partei bei der Kommunalwahl im vergangenen Jahr auf 8,9 Prozent der Stimmen, in Nied machten 15,3 Prozent, also fast doppelt so viele Wähler, ihr Kreuz bei der rechtskonservativen Partei. In Griesheim wählten 13,9 Prozent die AfD.

Womit hängt das zusammen? Die Ortsvorsteherin der westlichen Stadtteile, Susanne Serke (CDU), vermutet, dass es etwas mit den Flüchtlingsunterkünften in Griesheim und Nied zu tun haben könnte. Dabei gebe es dort kaum Probleme, die Proteste im Ortsbeirat wirkten inszeniert. „Das verläuft relativ geräuschlos“, sagt sie. „Das Zusammenleben im Stadtteil klappt doch ganz gut.“ Serke kann den Eindruck nicht bestätigen, dass die Flüchtlingsfrage den Wahlkampf beherrsche. Nach ihrer Wahrnehmung überwiegen kommunalpolitische Themen wie der Verkehr und die Lage auf dem Wohnungsmarkt. Klar, auch zu ihr kämen Menschen, die ihrem Ärger Luft machten und den Eindruck hätten, Flüchtlinge würden besser behandelt als sie. „Wenn ich dann nachfrage, inwiefern es ihnen konkret schlechter geht, seit die Flüchtlinge ins Land gekommen sind, kommt meist nichts mehr. Man stößt an Grenzen in der Argumentation.“

Eine mögliche Erklärung für den Zulauf der AfD in den westlichen Stadtteilen liegt in der sozialen Struktur der Bevölkerung. Im westlichen Stadtgebiet leben überproportional viele, die sich sozial abgehängt fühlen, also eigentlich die Klientel der Linken. In beiden Stadtteilen ist der Anteil der Arbeitslosen und der Ausländer deutlich höher als im gesamten Stadtgebiet. Zum Vergleich: Im wohlhabenden Nordend-Ost wählten bei der Kommunalwahl im vergangenen Jahr nur 4,2 Prozent die AfD.

„Man kann doch nicht alle über einen Kamm scheren“

Diese Erklärung gewinnt an Plausibilität, wenn man sich länger mit Charlotte von Winterfeld unterhält. Sie ist Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde Gemeinde in Nied und kennt persönlich keinen AfD-Wähler. Aber die Ängste in der Bevölkerung vor „Überfremdung“ sind ihr bekannt – wenngleich sie diese Sorgen für unbegründet hält. Nach ihrer Wahrnehmung hat die Flüchtlingswelle eher dazu geführt, dass sich die Vereine zusammengeschlossen haben und sich um Integration bemühen. Auch die Kirchengemeinde habe einen Somalier aufgenommen. Winterfeld wünscht sich, dass sich auch die Stadt und die Wohnungsgesellschaften mehr engagieren und zum Beispiel Quartiersmanager in schwierige Wohnsiedlungen schicken. In ihrer Schulklasse sei ihre Tochter das einzige Kind ohne Migrationshintergrund. Eine bessere Durchmischung in den Schulen und Kitas wäre schön, meint Winterfeld: „Was die Erzieher hier leisten, ist enorm. Aber sie kommen bald nicht mehr gerne in unseren Stadtteil.“ Die Pfarrerin warnt vor einer Spaltung der Gesellschaft und erhofft sich von der Politik mehr Überzeugungsarbeit gegen den Fremdenhass.

Die AfD mag im Westen Frankfurts eine Klientel finden. Aber es gibt auch andere Stimmen: „Man kann doch nicht alle über einen Kamm scheren“, meint eine Frau, die sich als finanziell unabhängig beschreibt und mit ihrem Mann in einem Reihenhaus lebt. „Wenn ich mal mit der Straßenbahn fahre, sind oft die Ausländer diejenigen, die aufstehen und mir ihren Platz anbieten. Die Deutschen bleiben sitzen.“

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