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Frauen und Mädchen im Fußball : Die Erbinnen von Lotte Specht

Starkes Team: für mehr Rechte von Frauen und Mädchen im Fußball Bild: Cabrera Rojas, Diana

Für die Rechte von Frauen und Mädchen im Fußball macht sich ein neuer Verein in Frankfurt stark. Im Emblem prangt der Eintracht-Adler.

          3 Min.

          Das Datum ist wohl gewählt: Am 8. März 1899 wurde Eintracht Frankfurt gegründet, der 8. März ist alljährlich der Internationale Frauentag, seit dem 8. März 2020, gibt es in Frankfurt einen Verein, der sich für die Rechte von Frauen und Mädchen im Fußball starkmacht. Benannt ist er nach Lotte Specht, der fußballbegeisterten Metzgerstocher aus dem Gallus, die vor 90 Jahren den ersten deutschen Frauenfußballverein ins Leben gerufen hat.

          Matthias Trautsch
          Koordination Reportage Rhein-Main.

          Im Foyer des Hotels Nizza im Bahnhofsviertel drängen sich die Menschen, als die beiden Initiatorinnen, Daniela Cappelluti und Kiki Krost, ihren neuen Verein vorstellen. Seit Jahren seien sie zusammen zu den Eintracht-Spielen gegangen, hätten eine Dauerkarte für die Nordwestkurve, erzählt Cappelluti, die im Hauptberuf Geschäftsführerin des Grünen-Kreisverbands und im Verein die Erste Vorsitzende ist. Krost, Unternehmensberaterin und Zweite Vorsitzende, sagt, mit den Jahren seien im Fanblock immer mehr Frauen dazugekommen, inzwischen sei gut ein Drittel der Stadionbesucher weiblich. Für die Frauen unter den Fans, aber auch für die aktiven Fußballspielerinnen und insbesondere für die kickenden Mädchen wolle der Verein sich einsetzen.

          Eine solche Lobby hätte auch Lotte Specht gebraucht. Als sie 1930 per Annonce in den Frankfurter Nachrichten nach gleichgesinnten Frauen suchte, damit auf große Resonanz stieß und kurz darauf mit fast 40 Mitstreiterinnen auf der Seehofwiese in Sachsenhausen das Training aufnahm, sorgte das deutschlandweit für Aufsehen. Die damals Achtzehnjährige landete auf der Titelseite des „Illustrierten Blatts“, wurde aber auch Ziel heftiger Anfeindungen.

          Fußball sei als „Kampfsport“ begriffen worden – dass Frauen kickten, sei ein Affront wider den völkischen Geist gewesen, sagt Helga Roos vom Sportkreis Frankfurt. Von „lächerlicher Megärenhaftigkeit“ sei die Rede gewesen, die jungen Fußballerinnen seien mit Steinen attackiert worden, „selbstverständlich“ habe der Deutsche Fußball-Bund sich geweigert, den Frauenverein aufzunehmen. Wirklich erstaunt dürfte Lotte Specht darüber nicht gewesen sein, denn sie hatte das Fußballspielen von Anfang an auch als politisches Anliegen begriffen. „Meine Idee, die kam nicht nur aus der Liebe zum Fußballsport, sondern vor allen Dingen frauenrechtlerisch“, erinnerte sie sich später. „Ich habe gesagt: Was die Männer können, können wir auch.“

          Eine lange Geschichte war dem ersten deutschen Frauenfußballklub nicht beschieden: Unter dem öffentlichen Druck verboten manche Eltern ihren Töchtern das Kicken, es kamen immer weniger Spielerinnen zum Training, und nach anderthalb Jahren löste sich der Verein wieder auf. Lotte Specht verfolgte ihr Ziel, ein selbstbestimmtes Leben als Frau zu führen, jedoch weiter, besuchte eine Schauspielschule, eröffnete nach dem Krieg das Kabarett „Die Unmöglichen“, war Mitgründerin der „Frankfurter Mundartbühne“ und wurde im Alter, als der DFB seine Position zum Frauenfußball verändert hatte, als Pionierin gewürdigt.

          Viele Verbesserungen

          Vieles habe sich gebessert, aber es gebe noch viel zu tun für Frauen, sagen Daniela Cappelluti und Kiki Krost. Immer noch werde der Fußball als Männerdomäne begriffen. „Wir wollen Mädchen und Frauen sichtbar machen.“ Immer noch gebe es unter Fans, selbst im Eintracht-Fanblock, sexistische ebenso wie rassistische, homophobe und antisemitische Einstellungen und Äußerungen. Dagegen wolle der Verein kämpfen, schon in nächster Zeit mit einem Workshop zum Thema Sexismus sowie mit der Unterstützung einer Ausstellung und eines Mädchenteams.

          Unter den sieben Gründungsmitgliedern ist auch die frühere Frankfurter Frauendezernentin Sarah Sorge (Die Grünen). „Im Fußball ist es wie in der Gesellschaft – die Gleichstellung ist noch nicht erreicht“, sagt sie und verweist auf UN-Generalsekretär António Guterres, der das 21. Jahrhundert zum Jahrhundert der Frauen ausgerufen hat. Derselbe Anspruch solle auch für den Fußball gelten, sagt Sorge. Was der Sport biographisch bewirken kann, schildert die derzeitige Frauendezernentin Rosemarie Heilig (Die Grünen). Unter Brüdern sei sie als „Arbeitermädel“ aufgewachsen und habe, als sie im Verein zur Mittelstürmerin avancierte, enorm an Selbstbewusstsein gewonnen.

          Mindestens ebenso wichtig wie die Unterstützung durch die Politik dürfte für den neuen Verein der Kontakt zur Eintracht sein. Ihr Adler ziert das Trikot, das Lotte Specht auf dem Vereinslogo trägt. Eintracht-Vorstand Axel Hellmann sagt die Solidarität des Klubs zu, der sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sei. „Wir müssen aufpassen: Es gibt bestimmte Kräfte, die die Zeit zurückdrehen wollen.“ Allerdings müsse die Eintracht auch mit sich selbst ins Gericht gehen. Die Führungsgremien des Klubs seien fast ausschließlich mit Männern besetzt. Das müsse sich ändern.

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