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Rentner in Rage : Gefährlicher Wutanfall hinter dem Steuer

Ein 77 Jahre alter Mann ist bei der Autofahrt ausgerastet. Nun wurde er vor dem Amtsgericht verurteilt. Bild: dpa

Wegen einer Straßensperrung hat ein Rentner in Frankfurt die Beherrschung verloren und einen Polizisten angegriffen. Vor Gericht hatte das nun weitreichende Folgen.

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          Einen typischen Angeklagten kann man Gerhard S. nicht nennen. Er sitzt in einem kurzärmeligen Hemd und beigefarbenen Hosen da, trägt Brille und weißen Bart und wirkt überhaupt so, wie man sich einen deutschen Rentner von 77 Jahren vorstellt: drei erwachsene Kinder, Immobilienbesitzer, korrekter Mitbürger. Er hat sich bisher nie etwas zuschulden kommen lassen.

          Anna-Sophia Lang

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Normalerweise sitzen ganz andere Typen auf der Anklagebank des Amtsgerichts. Aber heute ist es Gerhard S., und das wegen einer Sache, die so gar nicht zu einem Mann seiner Generation passen mag. Einer Generation, in der „man noch Respekt gelernt hat“, wie sein Verteidiger später sagt. S. ist wegen eines Angriffs auf einen Polizisten, Gefährdung des Straßenverkehrs und gefährlicher Körperverletzung angeklagt.

          Es war im Juli 2018, als S. im Auto auf dem Heimweg war. Er wollte aus der Innenstadt über die Alte Brücke und dann weiter geradeaus fahren. Doch auf der Strecke war ein Unfall passiert. Polizisten hatten die Straße gesperrt, damit sich Rettungskräfte um die Verletzten kümmern konnten. Ein Beamter lenkte den Verkehr um und gab auch S., der in seinem Mercedes entgegenkam, das Handzeichen, er solle abbiegen. Doch das passte dem Rentner überhaupt nicht. „Die erste Reaktion auf mein Handzeichen war ein Kopfschütteln“, sagt der Beamte vor Gericht. Seine Kollegen bestätigen das.

          Keine Kommunikation möglich

          Als er daraufhin zum Auto ging und die Lage erklärte, begann S. nach Angaben des Beamten sofort zu schreien. „Es war überhaupt keine Kommunikation möglich.“ Nach einem Schrei, so steht es auch in der Anklage, soll S. schließlich das Lenkrad gedreht haben und losgefahren sein, so dass er das Knie des Polizisten traf. Der lehnte sich, um Schlimmeres zu verhindern, ins Auto und schaffte es, den Schlüssel aus dem Zündloch zu ziehen.

          „Mir war überhaupt nicht klar, aus welchem Grund er so überreagiert hat“, sagt der Polizist. S. sei auch danach im Polizeipräsidium „völlig uneinsichtig“ gewesen. Er habe argumentiert, die Strecke sei sein täglicher Weg, von dem er an diesem Tag sowieso schon hätte abweichen müssen. Einen weiteren Umweg sei er nicht bereit zu akzeptieren. „Ich glaube, er wollte mit Gewalt seinen Willen durchsetzen und um jeden Preis geradeaus fahren.“ So berichtet es auch ein anderer Beamter. Er sagt: „Ich habe uns schon in der Notaufnahme gesehen. Wenn ein Auto einen Menschen erwischt, geht das in der Regel nicht glimpflich aus.“ An diesem Tag kam der Polizist mit einer Prellung und einer Zerrung davon.

          „Augenblickversagen“

          Doch die Verteidigung ist der Ansicht, das sei nicht durch ein Anfahren von S. passiert, sondern beim Hineinlehnen. Das will sie mit einem Gutachten belegen lassen. Aber die Richterin lehnt den Beweisantrag ab – denn dass der Beamte so oder so durch das Verhalten von S. verletzt wurde, ist unbestritten.

          Nichtsdestoweniger beantragt die Verteidigung eine Einstellung des Verfahrens oder maximal eine Strafe wegen fahrlässiger Körperverletzung. Es habe sich bei S. um ein „Augenblickversagen“ gehandelt, so die Argumentation. Davor habe es ein Missverständnis gegeben, das durch Kommunikationsfehler auf beiden Seiten entstanden sei. Zudem habe S. nicht erkannt, dass es sich um Polizisten handle. An dieser Stelle gebe es eine Baustelle und am Wochenende Flohmärkte, wo dann häufig Ordner auf der Straße stünden.

          „Mit Verlaub“, sagt die Richterin dazu: Wer die Beamten trotz Uniform und Warnweste mit Polizei-Aufschrift nicht als solche erkenne, „bei dem kommen Zweifel auf, ob er zur Teilnahme am Verkehr geeignet ist“. Sie ist überzeugt, dass sich die Tat wie von den Polizisten geschildert zugetragen hat, und verurteilt S. zu sieben Monaten Haft auf Bewährung. Außerdem muss er den Führerschein abgeben und 2000 Euro spenden. Zum Schluss sagt sie: „Es ist dem Zufall zu verdanken, dass nichts Schlimmeres passiert ist.“ Ob Gerhard S. gegen das Urteil Berufung einlegt, blieb am Mittwoch offen.

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