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Frankfurt und Prag : Zum Wohlfühlen in die Partnerstadt

Goldene Zeiten: Die Karlsbrücke in Prag ist ein Muss für Touristen. Bild: AFP

Mit einem Besuch in der tschechischen Hauptstadt will Oberbürgermeister Feldmann die Verbindung zwischen Frankfurt und Prag neu beleben. Das wird auch höchste Zeit.

          3 Min.

          Partnerschaften zwischen Städten leben von der Begegnung. Was das betrifft, war die Welt 1999 noch in Ordnung. Damals reisten gleich sieben Schulklassen zwischen Frankfurt und Prag hin und her. Prager Architekturstudenten kamen nach Frankfurt, um an der Fachhochschule zu studieren. Eine Delegation aus der tschechischen Hauptstadt besichtigte die Müllverwertung der Frankfurter Entsorgungsbetriebe. Der Prager Bürgermeister kam zum Goethe-Jubiläumsjahr. Und der Kulturdezernent der Goldenen Stadt reiste selbstverständlich zur Buchmesse an.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Heute ist es nicht so leicht, im Alltag Spuren der Freundschaft zwischen Frankfurt und Prag zu finden. Die Berta-Jourdan-Berufsschule pflegt seit Jahren einen Austausch mit einer Prager Hotelschule. Einige tschechische Verkehrsplaner waren kürzlich im Ordnungsamt zu Gast. Aber das war es auch schon. Im 26. Jahr ihres Bestehens scheint die Freundschaft zwischen Frankfurt und Prag weitgehend eingeschlafen zu sein.

          Warum ausgerechnet Prag als Partner?

          Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen. Im März 1990 war der damalige Oberbürgermeister Volker Hauff (SPD) nach Prag gereist, um Vaclav Havel zu treffen, den Staatspräsidenten der jungen Tschechischen Republik. Auch wenn Hauff den Vornamen des berühmten Regimekritikers und Schriftstellers fälschlich mit „Watschlav“ aussprach, wie sich ein Leserbriefschreiber in dieser Zeitung erinnerte, hatte die Reisediplomatie Erfolg: Am 11. Mai 1990 unterzeichneten der Prager Bürgermeister Jaroslav Koran, auch ein Bürgerrechtler, und Hauff im Römer den Partnerschaftsvertrag. Er sei überzeugt, sagte Koran, dass die Beziehungen zwischen den beiden Städten „langfristig prosperieren und freundschaftlich sein werden“.

          Warum ausgerechnet Prag? Die Gemeinsamkeiten der beiden Städte halten sich in Grenzen. Aber die historische Verbindung ist verbrieft. Beide Städte sind Brückenstädte: Die Alte Brücke über den Main und die Karlsbrücke über die Moldau gehörten zu den vier berühmtesten Brückenbauten des Mittelalters. Und Karl IV., der mit der Goldenen Bulle 1356 Frankfurt zum Wahlort der deutschen Könige bestimmte, residierte in Prag.

          Vielseitige Kontakte

          Nach der Unterzeichnung des Partnerschaftvertrags 1990 begann ein munteres Besuchsprogramm mit Prag - derjenigen unter den mittlerweile 17 Partnerstädten, die mit 523 Kilometern Entfernung Frankfurt am nächsten liegt -, von Leipzig abgesehen. Deutschlehrer aus Frankfurt, die ein Jahr lang im Osten unterrichten wollten, wurden unterstützt. Im März 1991 ermöglichte der Kaufhof zehn Praktikanten aus Prag einen „Einblick in die freie Marktwirtschaft“, wie es damals hieß. Anfang Juli 1991 war die Blaskapelle der Prager Garnison in Frankfurt zu Gast und spielte in dicken, dunkelgrünen Uniformen bei 30 Grad im Schatten auf dem Paulsplatz. Man begegnete einander zuvorkommend. „Sie dürfen jetzt ruhig Ihre Jacken ausziehen, sofern man das beim Militär darf“, empfahl eine Stadträtin damals den Musikern.

          Das Höchster Stadtfest stand am 13. Juli 1992 unter dem Motto „Ahoj Prag“, Kontakte wurden geknüpft, die oft bis heute bestehen. Schulklassen entdeckten die Stadt von Kafka und Rilke, des Prager Frühlings und seiner Niederschlagung. Der Schüleraustausch funktionierte lange Zeit hervorragend: 1997 besuchten einander sogar 300 Jugendliche.

          Frankfurter Hilfe beim Prager Hochwasser

          Bei einer Bürgerreise 1996 wurden feste Beziehungen zum Goethe-Institut und zur Karls-Universität geknüpft, zu der die Goethe-Uni bis heute eine lebendige Partnerschaft unterhält. Auch auf der Verwaltungsebene kam man sich näher. Beide Städte haben ähnliche Probleme, etwa in der Drogenpolitik. Weil auch in Prag Ende der neunziger Jahre die Straßenprostitution und die Drogensucht zunahmen, interessierte man sich für die Sperrgebietsverordnung und den Frankfurter Weg.

          Dienstgang: Peter Feldmann auf der Karlsbrücke in Prag

          Auch ganz praktisch stand man einander bei: Als im August 2002 das Hochwasser der Moldau die Prager Altstadt bedrohte, packten 80 Feuerwehrleute aus Frankfurt ihre Sachen und brachen im Konvoi mit 27 Fahrzeugen und großen Pumpen in die tschechische Hauptstadt auf. Die Männer halfen, die Keller von Wohnhäusern, Theatern und Hotels der Partnerstadt leerzupumpen. „Die Menschen haben auf den Autobahnbrücken gestanden und geklatscht“, berichtete einer von ihnen nach der Rückkehr. Die Kosten für den Einsatz trug die Stadt Frankfurt.

          Es wurde ruhiger um die Partnerschaft

          Auch junge Akademiker tauschen ihre Erfahrungen aus. Mit ihrem „Kafka“-Programm, einem Modellprojekt für Städtepartnerschaften, förderte die Hertie-Stiftung Studenten von 2003 bis 2008 mit Stipendien und vermittelte Praktikumsplätze in der Verwaltung, in Unternehmen und Museen.

          Doch bald wurde es stiller um die Partnerschaft. Zum 20. Jahrestag organisierte Prag 2010 noch ein tschechisches Bierfestival auf dem Roßmarkt. In der Festschrift nahm Oberbürgermeister Pavel Bem „einen Schluck vom flüssigen Gold“ zu Ehren der Partnerschaft. Aber im selben Jahr findet sich auch eine andere Schlagzeile im Archiv: Unter der Überschrift „Eschborn ist okay - Prag nicht“ wurde über Proteste von Mitarbeitern der Deutschen Börse berichtet, die gegen die befürchtete Verlagerung ihrer Arbeitsplätze demonstrierten.

          Wird die Freundschaft wieder entflammen? Anlass zur Hoffnung bietet die Partnerschaft der beiden Universitäten: Seit Jahren werden Studenten gefördert, die ein Auslandssemester an der Karls-Universität absolvieren wollen. Ihre Erfahrungsberichte - allein 23 aus den vergangenen Jahren sind auf der Internetseite der Goethe-Universität zu finden - lesen sich wie die schönste Werbung. Kostprobe: „Mein ,Wohlfühl-Semester‘ in Prag mit all dem guten Essen, dem leckeren Bier, den tollen Partys, den gastfreundlichen und offenen Tschechen und natürlich vor allem meinen Kommilitonen bleibt mir in sehr guter Erinnerung.“

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