https://www.faz.net/-gzg-9j05f

Wirtschaftlicher Wandel : Das neue Frankfurt

Sonnenaufgang über der Frankfurter Skyline: Für die Wirtschaftsmetropole bricht ein neuer Tag an. Bild: dpa

Bankenstadt, Drehkreuz, Logistik-Metropole: Wirtschaftlich wird die Stadt am Main von wenigen Branchen dominiert. Das wird sich ändern. Von einem „KI-Hub“ ist die Rede. Doch der Weg zum neuen Frankfurt ist weit und beschwerlich.

          Die größte Zukunftshoffnung der Frankfurter Wirtschaft ist hellblond und trägt ein schwarzes T-Shirt mit lustigem Aufdruck. Chris Boos sitzt in Jeans und mit roten Schuhen in einem schmucklosen Konferenzraum eines Zweckbaus im Frankfurter Stadtteil Eschersheim und philosophiert über eine Branche, auf die die Mainmetropole setzen will und setzen muss: Künstliche Intelligenz. Boos, ein in Sprache und Auftreten auffälliger Typ, will mit seiner 1995 gegründeten Firma Arago nichts Geringeres, als Geschäftsprozesse von Unternehmen unter Einsatz von Künstlicher Intelligenz zu revolutionieren und zu Europas größter Plattform in diesem Markt zu werden.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Damit und mit Hilfe seiner 200 Mitarbeiter ist das Unternehmen Vorzeigeprojekt einer Initiative, mit der das Land Hessen große Hoffnungen verbindet und künftig als Wirtschaftsstandort international punkten will. Unter dem Schlagwort „KI-Hub“ wird ein zweistelliger Millionenbetrag investiert, um Hochschulen, Unternehmen und Forschungseinrichtungen so zu vernetzen, dass neue Dienstleistungen und Produkte intelligenter Maschinen möglichst schnell verkauft werden können.

          Als Standort für Künstliche Intelligenz ist Frankfurt – trotz Arago – allerdings bisher nicht bekannt. Das gilt auch für andere Zukunftsbranchen. Gerade deshalb ist das Bemühen, sich hier als Heimat neuer Technologien zu positionieren, eine Herkulesaufgabe, deren Bewältigung über Wachstum und Wohlstand einer ganzen Stadt entscheiden wird.

          Digitale Transformation kommt

          Denn Arbeitswelt und Wertschöpfungsketten werden sich in den nächsten Jahren der digitalen Transformation unterwerfen müssen oder sind schon mittendrin. Die Frage ist nur: Kann der Standort Frankfurt davon profitieren, oder wird er durch diese Entwicklung abgehängt?

          Zwar sind Konzerne wie der französische Pharmahersteller Sanofi in Frankfurt-Höchst, die Finanzgiganten Deutsche Bank und Commerzbank sowie große Arbeitgeber wie der Flughafen und der Industriepark immer noch das Rückgrat der Frankfurter Unternehmenslandschaft. Doch die revolutionäre Kraft des digitalen Wandels geht an niemandem vorüber. Für Wachstumshoffnungen sorgen immer weniger Unternehmen mit Namen wie Deutsche Bank oder Sanofi, sondern sie heißen Clark, Emma, Crowddesk oder Minds Medical, und sie vergleichen Versicherungen, verkaufen Matratzen über das Netz, betreiben Crowdfunding-Plattformen, oder sie setzen auf Künstliche Intelligenz zur Abrechnung von Krankenhauskosten.

          Bilderstrecke

          Traditionelle Branchen werden schrumpfen, andere dafür wachsen. Für eine Metropole wie Frankfurt stecken in dieser Bestandsaufnahme Risiko und Chance zugleich. Wenn Tätigkeiten von Computern erbracht werden, wenn sich Wertschöpfungsketten verändern und wenn etwa in den Hochhäusern der Finanzbranche massenweise Arbeitsplätze abgebaut werden, dann muss an anderen Stellen Neues entstehen.

          Frankfurt soll breiter aufgestellt sein

          Die bisher auf traditionell starke Branchen fokussierte Aufmerksamkeit von Politikern und Wirtschaftsförderern wird zunehmend anderen Segmenten zuteil, die zu Säulen der hiesigen Wirtschaft aufgebaut werden sollen.

          Das neue Frankfurt zeichnet aus ökonomischer Sicht vor allem eines aus: Es ist breiter aufgestellt. Als ein wichtiges Standbein ist dafür die Künstliche Intelligenz fest vorgesehen. Der Claim „KI made in Hessen“ soll Anziehungskraft ausüben, unter anderem sollen in einem DataLab Informationen aus dem Finanzwesen zusammengetragen und ausgewertet werden. Im Koalitionsvertrag ist zudem von der Neugründung eines Tech-Campus die Rede, wo KI-Spezialisten ausgebildet werden sollen.

          Die Stadt am Main ist zudem beinahe unbemerkt der größte Internetknoten der Welt geworden. Bis zu sechs Terabit Daten durchlaufen allein die Rechenzentren von De-Cix in Spitzenzeiten pro Sekunde. Die Durchleitungskapazität des Frankfurter Knotens ist zehn Mal so groß (siehe Grafik). Bei dieser Bandbreite könnte der gesamte Wissensbestand der Universitätsbibliothek Frankfurt innerhalb von Sekunden weltweit verschickt werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Hat sich zum Zwei-Prozent-Ziel der Nato-Staaten bekannt: Annegret Kramp-Karrenbauer

          Akks Wehretat : Der Streit schwelt weiter

          Die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bekräftigt das Ziel der Nato, dass die Verteidigungsausgaben steigen sollen. Das provoziert Widerstand – in der Opposition und selbst beim Koalitionspartner.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.