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Frankfurt schreibt : Die Orthografie am Schlafittchen gepackt

  • -Aktualisiert am

Es gilt das geschriebene Wort: Schüler beim Diktatwettbewerb „Frankfurt schreibt“ Bild: F.A.Z.

Beim Wettbewerb „Frankfurt schreibt“ sind Fehler keine Schande, sondern Ansporn, es beim nächsten Mal besser zu machen. Oder beherrschen Sie die Rechtschreibung aus dem Effeff?

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          Effeff? Welch hanebüchenes Wort. Woher genau die Redewendung „etwas aus dem Effeff beherrschen“ kommt, wissen selbst die Germanisten beim Duden nicht genau. Womöglich lässt sie sich darauf zurückführen, dass bestimmte Waren im Kaufmännischen früher mit dem Zusatz „f“ für „fein“ bewertet wurden, gesteigert nur noch durch „ff“. Und weil sich die Schreibweise nach den Regeln der neuen Rechtschreibung an die Aussprache anlehnt, wird daraus das etwas seltsame „Effeff“.

          Das Adjektiv „hanebüchen“ hat unterdessen nichts mit dem Hühnerhof zu tun, sondern wird vom früheren Namen der Hainbuche, „Hagebuche“, abgeleitet. Weil das Holz des knorrigen Baumes nur schwer verarbeitet werden konnte, beschrieb „hagebüchen“ zunächst etwas „Grobes, Klotziges“. Daraus entwickelte sich im Lauf der Zeit die heutige Bedeutung „abwegig, unerhört“.

          Natürlich keine Sisyphusarbeit

          Dass beim stadtweiten Finale des Diktatwettbewerbs „Frankfurt schreibt“ niemand mit null Fehlern glänzen würde, war schon am belustigten Raunen zu erahnen, das während der Auflösung bei jedem Satz aufs Neue durch die Aula der Musterschule ging. Kein Wunder, hatten doch der Duden-Verlag und die Stiftung Polytechnische Gesellschaft, die den Wettbewerb für Schüler, Lehrer und Eltern im vergangenen Jahr ins Leben rief, in orthografischer Sisyphusarbeit Beispiele für Regeln und Ausnahmen der deutschen Sprache zu einem 314 Wörter langen Text zusammengetragen, 120 Stolpersteine inklusive.

          So ganz stimmt der Vergleich mit Sisyphus natürlich nicht, war der Held der griechischen Mythologie doch dazu verdammt, den Marmorblock den Hügel vergebens hinaufzuwälzen, da dieser, oben angekommen, immer wieder ins Tal herabrollte. Die Arbeit an der Rechtschreibung ist hingegen eine sinnvolle und im Fall von „Frankfurt schreibt“ auch eine lustvolle. Scheitern inbegriffen: Nicht nur die Reihenfolge von I und Y, das O oder U in Sisyphusarbeit lädt dazu ein, sondern auch die Frage der Getrennt- oder Zusammenschreibung. Bei Kombinationen mit einfachen Personennamen wird im Allgemeinen kein Bindestrich gesetzt, deshalb schreibt sich auch die Sisyphusarbeit in einem Wort - genau wie die thematisch verwandte Achillesferse.

          Koryphäen am Schlafittchen gepackt

          Mit neun Fehlern ging der Gesamtsieg wie im vergangenen Jahr auch diesmal an eine Vertreterin der Eltern: Antje Freyberg trat für die Europäische Schule Frankfurt an und wird beim großen Hessen-Finale am 17. April als Favoritin ins Rennen gehen. Mit zehn Fehlern holte Anneke Thaler von der Max-Beckmann-Schule den Sieg in der Lehrer-Kategorie. Bei den Schülern errang Tilman Jacob von der Musterschule mit 19 Fehlern den Sieg für die Gastgeber des Stadt-Finales. Bei einem Durchschnitt von 33,23 Fehlern kann er sich nun zu Recht als Rechtschreib-Koryphäe bezeichnen. Das Fremdwort, das einen „herausragenden Experten“ beschreibt, geht auf das Griechische zurück, wird aber trotz seiner ursprünglichen Bedeutung des „Chorführers“ mit „k“ geschrieben. Das „Schlafittchen“ hingegen ist ein urdeutsches Wort, das sich vom „Schlagfittich“ ableitet. So wurden die Schwungfedern der Gänse bezeichnet, an denen man die Tiere zum Transport packte.

          Einen klaren Generationenvorteil hatten die Schüler beim aufmüpfigen Sprayer. Woher das Wort „Graffiti“ kommt, wussten aber die wenigsten: Das italienische „graffito“ kommt vom Verb „graffiare“, „kratzen“. Die Technik, Botschaften in Häuserwände einzuritzen, erfreute sich schon im alten Pompeji großer Beliebtheit, heutzutage sind derartige Sperenzien jedoch eher verpönt. An diesem Beispiel wird deutlich, wieso das Latinum noch immer wichtig ist: des Lateinischen Unkundige hatten „sperentia“ (Hoffnung) mit „sich sperren“ übersetzt.

          Das von Grauen abgeleitete Adjektiv „gräulich“ wurde übrigens bis zur Rechtschreibreform 1996 mit „eu“ geschrieben, um die Verwechslung mit der Farbe zu vermeiden. Die Unterscheidung wurde jedoch zugunsten des Stammprinzips aufgegeben. Wer beim Selbstversuch auf www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt-schreibt weniger als neun Fehler gemacht hat und es für eine gräuliche Injurie hält, nicht selbst den Sieg davongetragen zu haben, der darf beim nächsten Mal gerne selbst mitmachen.

          Die Sieger von „Frankfurt schreibt“ Der erste Platz in der Kategorie Schüler ging an Tilman Jacob (19 Fehler). Er kommt ebenso von der Musterschule wie Eva Klein, die mit 21 Fehlern den zweiten Platz belegte. Jonathan Weber von der Freien Christlichen Schule wurde mit 24 Fehlern Dritter. Bei den Lehrern siegte Anneke Thaler von der Max-Beckmann-Schule mit zehn Fehlern, Brigitte Bergmann (Ziehenschule) erreichte mit 13 Fehlern Platz zwei vor Stefanie Forcher (Goethe-Gymnasium) und Angelika Wagner (Freiherr-vom-Stein-Schule) mit jeweils 16 Fehlern. Für die Eltern erzielte Antje Freyberg von der Europäischen Schule mit neun Fehlern den Sieg vor Barbara Erbe mit zehn und Maria-Christina Nimmerfroh mit zwölf Fehlern (beide Heinrich-von-Gagern-Gymnasium). (kern.)

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