https://www.faz.net/-gzg-9p1mn

Rudergesellschaft Germania : Im Fluss der Zeit

Maskenball der Rudergesellschaft

Der Maskenball der Rudergesellschaft im Palmengarten gehört im frühen 20. Jahrhundert zu den beliebtesten Frankfurter Veranstaltungen. Die glanzvollen Tage enden, als der Erste Weltkrieg einsetzt. Doch in den Goldenen Zwanzigern erstarkt die Germania wieder und verzeichnet die höchste Mitgliederzahl der Vereinsgeschichte. Rund 1300 sind es im Jahr 1924. In den frühen dreißiger Jahren verbietet die FRG zunächst das „Tragen politischer Abzeichen und Uniformen im Klubhaus“. Doch dem Einfluss der Nationalsozialisten kann sich der Sport bald nicht mehr entziehen. 1936 wird der Deutsche Ruderverband aufgelöst und vom Fachamt Rudern im „Deutschen Reichsbund für Leibesübungen“ ersetzt. Wie es jüdischen Vereinsmitgliedern in der Zeit des Nationalsozialismus erging, untersucht die Germania derzeit. 1937 sind von rund 570 Mitgliedern nur noch rund 220 aktiv. Im März 1944 wird das Bootshaus bei einem Luftangriff schwer beschädigt. Nach dem Krieg machen sich die Sportler gleich daran, es wiederaufzubauen. Im Juli 1946 erlaubt der Alliierte Kontrollrat die Wiederaufnahme des Wettkampfsportes. Die Germania errudert in der Nachkriegszeit bald wieder Erfolge. Bei den Olympischen Spielen in Mexiko 1968 holt Lutz Ulbricht im Achter die einzige Goldmedaille der Vereinsgeschichte.

Frankfurter Regatta:  Die Crew der Frankfurter Rudergesellschaft Germania liegt mit dem Boot „Nymphe“ in Führung.

Trotz dieser sportlichen Hochphasen kann die Germania nicht in jeder Hinsicht an alte Traditionen anknüpfen. „Wir haben es nach dem Krieg nicht geschafft, das Geschäftsmodell eines in die Bürgerschaft integrierten, mit Gesellschaftsbedeutung operierenden Vereins neu zu etablieren“, sagt Bub. Mitte der siebziger Jahre sei die Germania „eigentlich nur noch ein kleiner Ruderverein“ gewesen, der mit seinem Bootshaus ein „viel zu großes Kleid“ hatte, erinnert sich der 61 Jahre alte Bub. Der Verein habe den Unterhalt des Bootshauses kaum noch tragen können. Hans-Joachim Schreiber wurde Vorsitzender. „Hanjo“, sagt Bub, „hat die Germania zweimal aufgebaut.“ Erst als Junior nach dem Krieg und dann als Vorsitzender. Auf Betreiben Schreibers, der damals Vorstandsmitglied der Dresdner Bank war, werden die Gesellschaftsräume renoviert und an das Geldinstitut vermietet; auch nach der Übernahme durch die Commerzbank bleibt es dabei. Der Verein bekommt Aufwind, eine Damenabteilung wird gegründet. In der Amtszeit des Vorsitzenden Walther von Wietzlow wird das Bootshaus erweitert. Der Jurist von Wietzlow ist es auch, der das alte Vereinsmotto wiederbelebt: „Aus Tradition – Leistung, Verantwortung, Erfolg.“ 2009 überwirft sich die Germania mit ihrem früheren Vorsitzenden Schreiber. Die Wunden seien später wieder verheilt, sagt Bub. Im vergangenen Monat hat der Verein ein Porträt des Verstorbenen enthüllt.

Sportliche Erfolgsgeschichten

Die sportlichen Erfolgsgeschichten der Germanen setzen sich fort. Mit den Leistungsruderern im sogenannten „Top Team“ reüssiert der Verein auch international. Welchen Stellenwert der Nachwuchs hat, zeigen die Pläne für ein Jugend- und Schulruderzentrum im Mainfeld. Seit Jahren arbeitet die FRG mit Schulen zusammen. Bub bezeichnet den geplanten Bau als eines der ambitioniertesten Erweiterungsprojekte in der Vereinsgeschichte. Seinem verstorbenen Vorgänger von Witzlow sei es zu verdanken, dass mehr als fünf Stiftungen das Zentrum unterstützten. Indem die Rudergesellschaft auf ihrer Internetseite klarmacht, dass Rudern nichts für Personen ist, die „keinen Bock auf Verein“ haben, verteidigt sie einen weiteren bürgerlichen Wert. Gleichzeitig beschreitet sie neue Wege, denn Bub möchte den Neubau für ein weiteres Ziel nutzen. „Wir müssen den gesellschaftlichen Teil der Germania wieder zum Leben bringen“, sagt Bub. Man darf daraus folgern: Die Germania soll ein Ort bleiben, an dem Einwohner zu Bürgern werden. Darum macht der Verein neben dem Leistungs- und Breitensport unter anderem Angebote für Unternehmen, die mit ihren Teams rudern wollen.

Erfolgreiches Mitglied: Achilles Wild

Bislang wird die FRG hauptsächlich von Ehrenamtlichen getragen. Bei rund 900 Mitgliedern, wovon etwa 300 Kinder und Jugendliche sind, ist das eine Herausforderung. Bub möchte eine professionelle Struktur schaffen, wozu er Einnahmen von rund 300.000 Euro brauchte. Momentan lägen die Mitgliedsbeiträge bei etwa 216.000 Euro. Fördermitglieder sollen es richten. Doch in dieser Woche wird erst mal gefeiert. Worauf sich Bub am meisten freut? „Das Highlight wird die akademische Feier am Freitag mit Oberbürgermeister Dr. Peter Feldmann.“ Sie wird standesgemäß sein. Im Kaisersaal.

Siegertyp – der Germane Achilles Wild

Achilles Wild trug seinen stolzen Vornamen zu Recht. Er ist zwar keine mythische Gestalt wie jener Achill der alten Griechen. Aber er ist eine Frankfurter Legende. Die Sportpresse feierte den Ruderer schon zu Lebzeiten über alle Maßen. Die „Frankfurter Sportzeitung“ ließ in ihrer Ausgabe vom 10. August 1882 keinen Zweifel daran, dass Wild der erste deutsche Meister im Rudern werden würde: „Wild ist ein so mächtiger Gegner, ein so feingeschulter, fachlich durchgebildeter Sculler, ein so colossal starker Ruderer, ein so wohltrainierter Kämpe, dass wir an seinem Siege nicht im Mindesten zweifeln“, schrieb die Zeitung. Als Wild drei Tage später im Einer auf dem Main an den Start ging, sollte er der Vorhersage recht geben. Unter den Augen Tausender Zuschauer, die sich laut den Recherchen des Historikers Thomas Bauer am Festplatz an der Gerbermühle versammelt hatten und dem Spektakel teilweise in überbesetzten Kähnen auf dem Main paddelnd beiwohnten, fuhr Wild am Ende der 2500 Meter als Erster ins Ziel. „Er passierte unter donnerndem Hochrufen der versammelten Zuschauer als Meister von Deutschland den Richtpfosten 30 Secunden vor Hintermann, dem dann 15 Secunden später Meixner folgte“, heißt es in historischen Aufzeichnungen. Wild wird den Ordensstern als erster Meister von Deutschland auf stolzer Brust getragen haben. Sein Verein, die Rudergesellschaft Germania, hatte das Schmuckstück gestiftet. Ein Frankfurter Juwelier hatte dazu zwei goldene Ruder über Kreuz gelegt, ringsum einen Lorbeerkranz aus Smaragden geflochten und ihn mit einem diamantenen Strahlenkranz veredelt. Noch heute vergibt der Deutsche Ruderverband die „Meisterkette mit Brillantstern“ an den erstplazierten Skuller im Einer. Wenn Wild auch im Folgejahr 1883 den Sieg bei den deutschen Meisterschaften verpasste, so siegte er doch fortan fünfmal in Serie. Wenige Jahre vor den ersten deutschen Meisterschaften siegte Wild am 6. Juli 1877 im Germania-Vierer mit Steuermann bei der Kaiserregatta in Bad Ems. Den Preis für das Rennen auf der Lahn hatte Kaiser Wilhelm selbst gestiftet. Die Preisverleihung soll unmittelbar nach dem Schluss des Rennens erfolgt sein. Das zwang die Mannschaft dazu, „so wie sie gerudert hatte vor Sr. Majestät zu erscheinen, der die Preise persönlich überreichte und sich dabei mit den Siegern unterhielt“, heißt es in der Chronik. In 22 Jahren errang Achilles Wild 105 Siege und wurde 37 Mal geschlagen. Der hochgewachsene Ruderer hatte ein Wettkampfgewicht von 80 Kilogramm und galt als Autodidakt. Als Schüler und während seiner kaufmännischen Ausbildung hatte er sich noch allein dem Turnen gewidmet. Nach seiner Rückkehr aus dem Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) trat er in die wenige Jahre zuvor gegründete Rudergesellschaft ein. Bei ihren sensationellen Anfangserfolgen in Rotterdam und Amsterdam 1874 und Hamburg 1875 saß der Recke mit im Boot. Wild, der auch Herrchen zweier Möpse war, wurde am 29. Oktober 1854 im Nassauischen Land als eines von zehn Kindern geboren. Am 24. April 1889 heiratete er die Frankfurter Metzgerswitwe Magdalene Sibylle Fränznick; die Ehe blieb kinderlos. Nach Kräften unterstützte Wild die Nachwuchsarbeit seines Rudervereins. Am 6. April 1917 – es war ein Karfreitag – verstarb er. Geblieben ist die Erinnerung. Die Stadt errichtete ihm ein Ehrenmal auf dem Hauptfriedhof, und sein Stiefsohn schenkte der Germania in den frühen zwanziger Jahren ein Ölgemälde, das den Ruderer zeigt. Im Traditionssaal des Bootshauses am Schaumainkai hat es seinen Platz über dem Kamin. Hier wacht Achilles Wild, die starken Arme verschränkt, über die Germanen. tobs.

Weitere Themen

Gedenken, Gutleutstraße, Gesundheit

F.A.Z.-Hauptwache : Gedenken, Gutleutstraße, Gesundheit

In Frankfurt wird um die Opfer des Anschlags in Halle getrauert, das Ferienende macht Autofahrern zu schaffen und die Frankfurter Buchmesse beginnt. Das und was sonst noch wichtig ist in Rhein-Main, lesen Sie in der F.A.Z.-Hauptwache.

Topmeldungen

Impeachment-Ermittlung : Trumps Flucht nach vorn

Der Stabschef des Präsidenten gibt zu, dass Militärhilfe für Kiew an parteipolitische Bedingungen geknüpft wurde. Trump will so tun, als wäre das ganz normal – und könnte damit durchkommen.

Brexit-Abkommen im Unterhaus : Schicksalstag in Westminster

Boris Johnson hat im Unterhaus bisher alle Abstimmungen verloren, denen er sich stellen musste. Am Samstag entscheiden die Abgeordneten über „seinen“ Deal, seine politische Zukunft und die des Vereinigten Königreichs.

Deal mit Amerika : Ein Erfolg für Erdogan

Die Verhandlungen des türkischen Staatspräsidenten mit dem amerikanischen Vizepräsidenten Mike Pence führen zu einer fünf Tage langen Waffenruhe. Wie hoch ist der Preis? Eine Analyse.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.