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Prozessbeginn in Frankfurt : Am nächsten Morgen war er tot

Streit mit Todesfolge: Der Angeklagte war ein Freund des Opfers (Symbolbild). Bild: Picture-Alliance

Am Freitag hat am Landgericht Frankfurt der Prozess um einen fatalen Streit unter Freunden in Hattersheim begonnen. Die Strafkammer gibt an, dass der Fall komplizierter sein könnte, als bislang angenommen.

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          Als im Juli vergangenen Jahres nach einem Polizeieinsatz ein Mann tot in seiner Hattersheimer Wohnung gefunden wurde, kannten die Spekulationen keine Grenzen. Freitagabends hatten Beamte den Achtunddreißigjährigen wegen einer Drogengeschichte vorläufig festgenommen und seine Wohnung durchsucht. In der Nacht auf Samstag verschickte er dann per Whatsapp Fotos von üblen Gesichtsverletzungen und schrieb, die Polizisten seien dafür verantwortlich. Am Morgen war er tot, die Obduktion ergab kurze Zeit später, dass er an einer Hirnschwellung gestorben war.

          Anna-Sophia Lang

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein Anwalt, von Familienmitgliedern beauftragt, erstattete Anzeige, die Staatsanwaltschaft ermittelte. Waren die Polizisten wirklich gewalttätig geworden? Hatten sie den Mann, den sie offenbar für einen Drogendealer hielten, so schlimm verprügelt, dass er seinen Verletzungen erlag? Es wäre ein Skandal gewesen.

          Polizei nicht verantwortlich

          Doch es dauerte nicht lange, bis sich herausstellte: Verantwortlich war nicht die Polizei. Sondern vermutlich ein Freund des Toten. Fast genau eine Woche nach den Ereignissen wurde er festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Am Freitag hat am Landgericht Frankfurt der Prozess wegen Totschlags gegen ihn begonnen.

          Was sich an jenem Abend zwischen den zwei Männern abgespielt hat, beginnt laut Staatsanwaltschaft einige Stunden nach dem Polizeieinsatz. Kurz nach Mitternacht soll der Angeklagte, 33 Jahre alt, seine Wohnung verlassen haben, um Alkohol zu kaufen. Nahe des Lokals Hattersheimer Pub soll er zufällig seinen Freund, das spätere Opfer, getroffen haben. Die beiden kannten sich seit langer Zeit. Der Staatsanwaltschaft zufolge tranken sie zusammen im Pub etwas und machten sich danach gemeinsam auf den Heimweg. In einer Unterführung soll es dann zum Streit gekommen sein, in dessen Folge der Angeklagte seinen Freund angriff. Die Staatsanwaltschaft spricht von vielfachen Schlägen und Tritten gegen Oberkörper und Kopf, die unter anderem mehrere Rippen und das Nasenbein brachen. Ein Tritt gegen den Kopf sei so stark gewesen, dass der Mann einen Schuhabdruck auf der Stirn gehabt habe. All dies habe schließlich zu der Hirnschwellung geführt, die in einem zentralen Regulationsversagen geendet habe. „Der Angeklagte nahm den Tod des Geschädigten billigend in Kauf“, lautet das Resümee.

          Ausmaß der Verletzungen nicht bewusst

          Doch selbst diese Attacke, die irgendwann ohne bekannten Grund geendet haben soll, war für die beiden Männer offenbar nicht Grund genug, die Polizei zu rufen oder auseinanderzugehen. Stattdessen machten sie sich auf den Weg zur Wohnung des Verletzten, wobei der Angeklagte den Geschädigten stützte. Dort angekommen, wurde weitergetrunken, gekifft und wohl auch gekokst. Gegen 2.30 Uhr tauchte plötzlich die Cousine des Verletzten in der Wohnung auf, weil er ihr die Bilder mit den Wunden geschickt hatte. Sie kühlte einige Stellen oberflächlich. Schließlich schliefen alle drei ein. Der Verletzte verstarb im Lauf der Nacht.

          Das Landgericht muss nun klären, ob sich die Nacht wirklich so zugetragen hat. Der Angeklagte schwieg zu Prozessbeginn, seine Verteidiger kündigten für den nächsten Verhandlungstag eine Einlassung zu den Vorwürfen an. Die Strafkammer sieht weiterhin dringenden Tatverdacht und hat eine Haftbeschwerde deshalb abgelehnt. Sie gab am Freitag jedoch einige Hinweise darauf, dass der Fall komplizierter sein könnte, als es auf den ersten Blick wirkt – und dass die Aggression möglicherweise nicht einseitig war. In seinen bisherigen Aussagen, unter anderem beim Haftrichter, hat der Angeklagte demnach offenbar davon gesprochen, dass ihm die schweren Verletzungen seines Freundes nicht bewusst gewesen seien und dass er in Notwehr gehandelt habe.

          Sprachnachrichten des Verletzten aus jener Nacht scheinen dies zumindest in Teilen zu bestätigen. Sie deuten darauf hin, dass der Mann nicht gerade ruhig, sondern „sehr erregt“ gewesen sei, wie es im Gericht hieß. Aus einem beschlagnahmten Brief geht laut dem Vorsitzenden Richter hervor, dass dem Angeklagten der Tod seines Freundes sehr nahegegangen sei.

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