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Frankfurter Bahnhofsviertel : Drogenszene in Bewegung

Schwieriges Klientel: Mit einem Großaufgebot hat die Polizei am Donnerstag die Drogenszene an der Taunusstraße kontrolliert. „Ihr wollt mich kontrollieren?“ rief dieser Mann - und zog sich dann komplett aus. Bild: Helmut Fricke

Im Frankfurter Bahnhofsviertel geht die Polizei härter gegen Dealer vor. Erste Erfolge sind sichtbar, aber neue Probleme bereiten den Ordnungshütern Kopfzerbrechen.

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          In einer langen Reihe stehen sie da. An der Wand die Dealer, davor die Polizisten. Fast schon zur Routine ist dieser Anblick im Bahnhofsviertel geworden, seit die Sicherheitsbehörden die Szene täglich kontrollieren. Und doch ist am Donnerstagabend manches anders als sonst. An der Wand stehen neue Rauschgifthändler, junge Dealer, die sich kaum auskennen in der Stadt, die kein Deutsch sprechen, denen gesagt wurde, sie sollen sich an die Taunusstraße stellen und dort Drogen verkaufen. Und wenn die Polizei kommt, wie an diesem Abend, sollen sie rennen. Irgendwohin. Hauptsache, der Stoff kommt nicht weg.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Als die Hundertschaft dann tatsächlich vorfährt, haben die jungen Männer keine Chance. Einige versuchen noch zu flüchten, werden aber nach wenigen Metern eingeholt. Sie werden durchsucht, ihre Pässe werden eingesammelt, die Personalien durchgegeben. Gerade eben volljährig sind die meisten, mal kommen sie aus Marokko, mal aus Algerien. Auch einige Eritreer sind dabei. „Was passiert jetzt?“, fragt einer, der ein bisschen Deutsch spricht. Die Antwort bekommt er umgehend: Er muss die Taschen leeren, den Rucksack ausräumen, die Schuhe ausziehen. Dann schauen sich die Beamten alles genau an. Drei Handys hat er dabei, und größere Mengen Bargeld. In Zwanzigern. Die Scheine und die Telefone werden sichergestellt.

          Strukturen erkennen

          Dass die Szene inzwischen derart junge Dealer rekrutiert und das mit enormem Tempo, beobachtet die Polizei schon seit Anfang des Jahres. „Die Alteingesessenen wurden weitgehend abgelöst“, sagt Matthias Block-Löwer. Er gehört der sogenannten BAO Bahnhofsviertel an, einer gesonderten Einheit, die sich seit nunmehr vier Monaten ausschließlich mit der Drogenkriminalität befasst. „Es findet ein reger Wechsel innerhalb der Szene statt, die wir vor allem dem hohen Kontrolldruck zuschreiben.“

          Der Druck ist tatsächlich so hoch wie nie zuvor. Rund 200 Razzien hat es seit Ende vergangenen Jahres gegeben. Insgesamt wurden drei Kilogramm Marihuana, 1600 Gramm Haschisch, 225 Gramm Heroin und 165 Gramm Crack sichergestellt. Erst vor wenigen Tagen gelang der Polizei ein größerer Schlag gegen eine Gruppe, die sich auf den Verkauf von Kokain und Marihuana spezialisiert hatte. Über Wochen hatten die Beamten die Verdächtigen observiert. Als am vergangenen Mittwoch ein 20 Jahre alter Marokkaner an der Elbestraße eine Lieferung von 380 Gramm Kokain und 220 Gramm Marihuana abliefern sollte, griffen die Beamten zu. Allein das Kokain hatte einen Straßenverkaufswert von 20 000 Euro.

          „Wir sind zuversichtlich, dass solche Erfolge kein Einzelfall bleiben“, sagt Polizeivizepräsident Walter Seubert. Es gehe nun darum, Hintermänner ausfindig zu machen, zu observieren und Strukturen zu zerschlagen. Es gebe derzeit einige Anhaltspunkte, von denen sich die Beamte weitere Schläge gegen die Banden versprechen. Auch Erkenntnisse zu Crack-Küchen. Mindestens bis über den Sommer hinaus wird es die BAO noch geben. Bis dahin sollen neben den täglichen Razzien vor allem Erkenntnisse gewonnen werden, wie die Strukturen des Drogenhandels aufgebaut sind, wie viele Ebenen es gibt vom einfachen Boten bis hin zu den Personen, die das Ganze steuern. „Wir haben inzwischen alle Beschlüsse, die wir brauchen“, sagt Seubert. Die Zusammenarbeit mit der Justiz laufe gut. Ziel sei es nun, „dass die Szene nach und nach ausgedünnt wird.“

          Drogenkonsument zieht sich aus

          Zumindest an diesem Donnerstagabend gelingt den Beamten das. Nach zwei Stunden sind kaum noch Dealer zu sehen. Sie haben sich aus dem Bahnhofsviertel zurückgezogen – wenn auch nur vorübergehend. Einige sind in Spielhallen untergekommen, einem beliebten Zufluchtsort, den allerdings auch die Polizei bestens kennt. Ein Mann in blauem T-Shirt steht hingegen immer noch an der Wand. In Handschellen. Vor ihm liegt ein Rucksack mit einer Schirmmütze. Darin größere Mengen Bargeld. Als die Beamten in die Taunusstraße einbogen, ist der Algerier weggerannt. Die Polizisten haben noch gesehen, wie er im Laufen etwas weggeworfen hat. Womöglich war es das Messer, das die Beamten nun vom Bürgersteig aufheben und sicherstellen. Der Mann wird ins Präsidium mitgenommen. Es ist eine von vielen Festnahmen an diesem Abend.

          Die wahre Herausforderung jedoch wartet wenige Meter weiter: ein älterer Drogenkonsument. „Ihr wollt mich kontrollieren?“, ruft er. Dann zieht er sich aus. Jacke, Pullover, Hose, Schuhe, bis er nackt auf der Straße steht. Etwa zehn Minuten reden die Beamten auf ihn ein, er solle sich doch bitte wieder anziehen. Zuerst bleibt der Mann stur, dann wird ihm kalt.

          Erst in der Nacht beenden die Polizisten ihren Einsatz. Eine Bilanz wollen sie am nächsten Tag ziehen – dann werden sie wiederkommen.

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