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Straßenfeste in Frankfurt : Schutz vor Terror hat seinen Preis

Großes Trara: Die Bernemer Kerb versetzt einen ganzen Stadtteil in den Ausnahmezustand. Bild: Hauri, Michael

Strengere Auflagen für die Sicherheit bei Straßenfesten belasten die Veranstalter. Vereine und andere ehrenamtliche Organisatoren fühlen sich finanziell überfordert. Die Stadt bietet nun Hilfe an.

          3 Min.

          Die Sommerferien neigen sich ihrem Ende zu, und zugleich beginnt die zweite Saison der Straßenfeste und Kerbefeiern. In Bornheim etwa wird von Freitag an die 410. Bernemer Kerb gefeiert. Die Vorbereitungen für das mehrtägige Fest, das von der Bernemer Kerwegesellschaft organisiert wird, laufen nach Angaben ihres Vorsitzenden Ralf Moritz seit Monaten. Bis Mitte nächster Woche, wenn mit dem Straßenfest am „Bernemer Mittwoch“ die Kerb endet, wird sich der Stadtteil nach Moritz’ Worten wieder in einem „mittleren Ausnahmezustand“ befinden. Dabei denkt er nicht nur an enthemmte Festgäste, sondern auch an die Sicherheitsvorkehrungen.

          Bernd Günther
          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein öffentliches Fest dieser Größe im Stadtteil zu organisieren ist zu einer aufwendigen Angelegenheit geworden. Seit sieben Jahren steht Moritz der Kerwegesellschaft vor und hat seitdem viele Veränderungen miterlebt, wie er sagt. Es beginne mit einem deutlich gestiegenen Verwaltungsaufwand und ende nicht mit der Aufstellung von fünf Meter hohen beflaggten Fahnenstangen, die die Fluchtwege signalisierten.

          „Behörden häufig einen Schritt voraus“

          Polizei und Feuerwehr verlangen, dass der Veranstaltungsort schnell evakuiert werden kann. Dies gilt nicht erst seit den jüngsten Anschlägen, sondern schon seit dem Love-Parade-Unglück vor sieben Jahren in Duisburg. Wegen der Terrorgefahr wurden die Vorschriften nochmals verschärft. Während des Straßenfestes am „Bernemer Mittwoch“ etwa würden einzelne Zufahrten zur Festmeile gesperrt, sagt Moritz.

          Der Vorsitzende gibt sich dennoch vergleichsweise entspannt: „Wir sind gut organisiert.“ Auch, weil der Kerweverein professionelle Veranstaltungsmanager und -techniker zu seinen Mitgliedern zähle. Dies sei eine große Hilfe beim Erstellen des Sicherheitskonzepts, das jeder Festveranstalter vorlegen müsse.

          „Den Behörden waren wir häufig sogar einen Schritt voraus“, sagt Moritz. Es gebe akribische Lagepläne, auf denen die Standorte aller Feststände, der Bühnen, Theken, Toiletten und alle Fluchtwege verzeichnet sein müssten. So könnten sich Rettungskräfte im Notfall schnell orientieren.

          Minus von 2000 Euro

          Andere Veranstalter fühlen sich von den bis ins Detail konkretisierten Bedingungen für die Organisation von Festen überfordert. Vergangenes Jahr etwa sagte der Gewerbeverein Bockenheim das Leipziger Straßenfest ab – vor allem wegen der kaum noch abzuarbeitenden Liste organisatorischer Aufgaben von der Abfallbeseitigung bis zur Wasserversorgung, aber auch wegen der gestiegenen Sicherheitsanforderungen und den damit verbundenen Ausgaben.

          Gestiegene Kosten beklagt auch Kerb-Veranstalter Moritz. Die zusätzlichen Ausgaben müssten kompensiert werden. Vor allem die Wirtschaftlichkeit des „Bernemer Mittwochs“ leide unter den gestiegenen Auflagen. Im vergangenen Jahr hatte die Kerwegesellschaft bei der Abrechnung des Straßenfestes ein Minus von 2000 Euro verbuchen müssen. In diesem Jahr rechne man aber mit städtischen Zuschüssen, sagt Moritz.

          Einzelne Feste schon unterstützt

          Anfang des Jahres hatten Kämmerer Uwe Becker und Ordnungsdezernent Markus Frank (beide CDU) unter dem Titel „Frankfurter Feste sichern“ eine Finanzhilfe angekündigt, mit der die gestiegenen Sicherheitsausgaben abgefedert werden sollen. Vereinen, Verbänden und Organisationen solle weiter ermöglicht werden, große Feste auch in den Stadtteilen zu veranstalten. Denn die Kosten für mehr Sicherheit allein den Veranstaltern aufzubürden würde die Festkultur in den Vierteln gefährden, hatten die beiden Stadträte erkannt.

          Zunächst stehen für die Unterstützung 500.000 Euro bereit. Gefördert würden ausschließlich ehrenamtlich organisierte Feste, sagt die Sprecherin von Ordnungsdezernent Frank. Schausteller auf dem Mainfest oder die städtische Tourismus- und Congress GmbH, die für die Bahnhofsviertelnacht zuständig sei, könnten nicht auf eine Finanzspritze hoffen. Die Richtlinien für die Förderung würden derzeit konkretisiert. Im Haushalt für 2018 könne das Geld dann bereitgestellt werden.

          Einzelne Feste seien schon in den vergangenen Monaten unterstützt worden: Für den zusätzlich veranlassten Schutz des Weihnachtsmarkts in der Höchster Altstadt und für das Schweizer Straßenfest im Juni hätten die Veranstalter Geld bekommen. Gefördert würden zudem die beiden Fastnachtszüge in der Innenstadt und in Heddernheim.

          Verantwortlichkeiten müssen geklärt sein

          Bezahlt würden jedoch nur die „über das normale Maß hinausgehenden Auflagen zur Sicherung eines Festes“. Jede einzelne Ausgabe werde geprüft, dies verlange das Revisionsamt; denn je nach Größe des Festes könne sich die Subvention zwischen 5000 und 25 000 Euro bewegen, heißt es im Dezernat.

          Die Abwicklung übernimmt das Service-Center Veranstaltungen im Ordnungsamt. Es war einst eingerichtet worden, um den Veranstaltern den Umgang mit Polizei, Feuerwehr und Straßenverkehrsbehörden zu erleichtern. Vereine, in denen vieles auf Zuruf geregelt würde, mögen hier formale Hürden sehen, doch vieles müsse eben dokumentiert werden, damit im Schadensfall klar sei, wer die Verantwortung trage, sagt die Dezernatssprecherin. Dabei gehe es auch nicht immer um Terror – auch Blitzeis auf einem Weihnachtsmarkt sei eine Gefahr, auf die man vorbereitet sein müsse.

          Bornheim feiert seine Kerb

          Mit der „Blues & Folknight“ beginnt am Freitag die Bernemer Kerb. Der Festplatz an der Turmstraße öffnet um 17 Uhr. Vor der Johanniskirche werden jeweils für zwei Stunden die Gruppen „Taylers Friends“, „Chris Kramer & Beatbox’n’Blues“ und „Marvin Scondo Band“ spielen. Am Samstag wird der Kerbebaum aus dem Wald geholt und gegen 11.30 Uhr auf dem Festplatz aufgestellt; dort gibt es bis 16 Uhr ein Kinderfest. Der Festzug der Bernemer Kerwe-Gesellschaft beginnt um 17 Uhr. Er bewegt sich über Saalburgallee, Ringel-, Mainkur-, Roßdorfer- und Eichwaldstraße zur Berger Straße und endet am Kerbeplatz. Dort übernimmt Oberbürgermeister Peter Feldmann um 18.45 Uhr den Fassbieranstich. Im Anschluss gibt es Live-Musik. Für Sonntag wird um 11.30 Uhr zum Frühschoppen, um 12 Uhr zum Kinderfest und um 16 Uhr zum traditionellen Gickelschmiss vor die Johanniskirche eingeladen. Festbesucher müssen dabei mit verbundenen Augen versuchen, mit einem Dreschflegel einen Tontopf zu zerschlagen. Am Montag und Dienstag verlagern sich die Kerwefeiern in die Gaststätten im Ortskern. Die Kerb endet mit dem „Bernemer Mittwoch“, dem Straßenfest auf der Berger Straße. Gefeiert wird von 14 Uhr an zwischen Saalburgstraße und Freihofstraße. Die Strohpuppe „Lisbeth“ wird um 21.45 Uhr in Höhe der Berger Straße 214 verbrannt.

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