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Teilstudienplätze : Laufpass nach bestandenem Physikum

Medizinisches Studium mit Hindernissen: Fünf Studenten sind exmatrikuliert worden (Symbolbild). Bild: dpa

Obwohl sie das erste Examen bestanden haben, sind elf Frankfurter Medizinstudenten exmatrikuliert worden. Schuld sind die Spätfolgen eines Gerichtsurteils.

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          Kurz nach seinem größten Erfolg erlitt Andreas Winter seine größte Niederlage. Der 27 Jahre alte Medizinstudent bestand das Physikum an der Universität Frankfurt, anschließend wurde er exmatrikuliert. Winter hatte alles versucht, um an der Uni bleiben zu können. Er lernte, wann es ihm möglich war, und fiel in keiner einzigen Klausur durch. Ein ordentlicher Medizinstudent also.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Winters Leistungen aber konnten seine Exmatrikulation nicht verhindern. Im März musste er die Universität zusammen mit zehn weiteren Kommilitonen verlassen; wie es für sie weitergeht, ist offen. Der Grund: Sie besaßen nur einen Teilstudienplatz. Er hatte Bestand für die ersten vier Semester des Medizinstudiums, genannt Vorklinik. Der vorklinische Abschnitt des Studiums endet mit dem Physikum, anschließend beginnt der klinische Teil.

          Winter klagte sich Studienplatz ein

          Regulär vergeben nur die Universitäten in Marburg und Göttingen Teilstudienplätze. Wer ihn andernorts erhält, hat sich eingeklagt, so wie Winter. Nach dem Abitur im Jahr 2007 arbeitete er in der Notdienst-Zentrale eines kleineren Krankenhauses in Seligenstadt. „In der Zeit ist mir klargeworden, dass ich auch im medizinischen Bereich arbeiten wollte“, sagt er. Winter trägt ein Jeanshemd, auf dem Tisch seiner Wohnung in Frankfurt-Sachsenhausen steht eine Karaffe mit Minzwasser. Er wirkt aufgeräumt; seine Geschichte zerlegt er sauber in ihre Einzelteile. Nach der Schule machte Winter eine Ausbildung zum Rettungssanitäter, anschließend eine zum operationstechnischen Assistenten. Ein Jahr lang arbeitete er als Pfleger in der herzchirurgischen Abteilung des Frankfurter Uniklinikums. Der Entschluss, Medizin zu studieren, reifte lange in ihm heran.

          Winter hat eine Abiturnote von 2,8. Das reicht nicht, um über die Stiftung für Hochschulzulassung, ehemals ZVS, einen Studienplatz für Medizin zu bekommen. Derzeit liegt der Numerus clausus in fast allen Bundesländern bei 1,0. Zwar werden nur 20 Prozent aller Studienplätze nach der Abiturnote vergeben, weitere 20 Prozent an Bewerber, die genügend Wartesemester angesammelt haben, und die restlichen 60 Prozent nach uni-internen Auswahlverfahren. Aber auch in diesen ist die Abiturnote meist entscheidend. Winter war dennoch entschlossen, Arzt zu werden, und wollte nicht länger warten. Ihm blieb daher nur, sich einzuklagen.

          Gründe für einen Teilstudienplatz

          Manche Anwaltskanzleien haben sich auf „Kapazitätsklagen“ spezialisiert. Sie versuchen, das von der Universität berechnete Studienplatzkontingent in Zweifel zu ziehen. Den Nachweis, dass es stimmt, muss die Uni erbringen. Warum aber bekommen erfolgreiche Kläger nur einen Teilstudienplatz? Das erklärt sich mit unterschiedlichen Berechnungsgrundlagen für die Studienplätze in der Vorklinik und Klinik. Im ersten Studienabschnitt zähle das Betreuungsverhältnis von Studenten und Dozenten, erklärt Reinhard Lohölter, Dekanatsleiter des Fachbereichs Medizin an der Universität Frankfurt. In der Klinik entscheide zusätzlich noch die Zahl der Patientenbetten. Deswegen gibt es stets weniger Studienplätze in der Klinik als in der Vorklinik. „Die patientenbezogene Ausbildung ist der Engpass. Das ist in ganz Deutschland so.“

          Jahrelang ließen die Universitäten nur so viele Bewerber zu, wie es Studienplätze für den klinischen Abschnitt gab. Statt beispielsweise 400 Studenten, die in der Vorklinik hätten betreut werden können, fingen also etwa nur 300 im ersten Semester an. Ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1981 untersagte das allerdings: Es sei nicht die Aufgabe staatlicher Institutionen, ein gegebenenfalls risikobehaftetes Studienwahlverhalten zu verhindern. Schon 1972 hatten die Verfassungsrichter festgestellt, dass Universitäten ihre Ressourcen ausschöpfen müssen. Das ergibt sich aus dem Grundsatz der freien Berufswahl.

          Wieder auf der Suche nach einem Platz

          Dieses Urteil holt die Universität Frankfurt nun ein. Bisher war es ihr meist möglich, Mediziner, die nur einen Teilzeitstudienplatz hatten, auch für die Klinik zuzulassen. „Es gab fast immer genügend Plätze“, sagt Robert Sader, Studiendekan für den klinischen Abschnitt. Nicht alle Studenten halten bis zum Physikum durch und bestehen es, einige entscheiden sich für ein anderes Fach. Für die Ausdauernden mit Teilstudienplatz blieb also ein Schlupfloch. In den vergangenen Jahren habe die Universität Frankfurt bei den Physikumsleistungen allerdings im oberen Drittel gelegen, zuletzt an vierter Stelle, sagt Sader. Wer einen regulären Studienplatz für Medizin in Frankfurt erhält, beißt sich also meistens durch - Pech für die mit einer Teilzulassung. „Ich bin da auch traurig“, sagt Sader. Er könne die Studenten aus Frankfurt aber nicht einmal bevorzugt behandeln. Denn nach dem Grundsatz der Gleichberechtigung, der im EU-Recht festgeschrieben ist, muss Sader jeden verfügbaren Platz für den klinischen Abschnitt neu ausschreiben. Das betrifft jedes Jahr ungefähr 700 bis 800 Bewerber.

          Winter und seine Schicksalsgenossen müssen sich also von neuem auf die Suche begeben. Die Landesärztekammer Hessen kritisiert das scharf. Den Universitäten werde ein solches Verhalten durch die Kapazitätsverordnung aufgezwungen; die Landesregierung solle sie endlich überarbeiten und sich nicht „hinter bürokratischen Argumenten verstecken“. Angesichts des zu erwartenden Ärztemangels werde jeder Medizinstudent gebraucht. Myrella Dorn, AStA-Vorsitzende der Universität Frankfurt, sagt: „Es gibt immer Wege, um so etwas nicht auf dem Rücken der Studenten auszutragen. Leider werden nicht alle Wege gegangen.“

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