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Frankfurt ohne Krematorium : „Der Leichentourismus nimmt zu“

  • Aktualisiert am

In Frankfurt nun Vergangenheit: Feuerbestattung Bild: dpa

In einer 1000-Seelen-Gemeinde verdient ein Familienbetrieb ganz gut mit der Einäscherung von Toten - in der 700.000-Einwohner-Metropole Frankfurt wurde das Krematorium gerade mangels Nachfrage dicht gemacht.

          Mehr als jeder zweite Hesse wird mittlerweile nach seinem Tod verbrannt, Tendenz steigend. Für die Feuerbestattung müssen die Särge zum Teil weit reisen. Nur neun Krematorien gibt es nach Angaben der Gütegemeinschaft Feuerbestattungsanlagen im Bundesland - wenig angesichts der mehr als 150 bundesweit. 2014 gibt es in Hessen noch eine weitere Besonderheit: Frankfurt ist die einzige Großstadt in Deutschland ohne eigenes Krematorium.

          Mehr als 100 Jahre lang wurden auf dem Frankfurter Hauptfriedhof Leichen eingeäschert. Mitte Dezember war Schluss. Ausgelegt war die Anlage mit vier Öfen auf 8000 Kremierungen pro Jahr, zuletzt wurden gerade noch gut 800 Leichen verbrannt. Die Stadt zahlte drauf - rund 100 Euro je Einäscherung, wie der Leiter des Frankfurter Grünflächenamts, Stephan Heldmann, zugibt. Der Grund: private Anbieter mit moderneren Anlagen, 24-Stunden-Betrieb und Mengenrabatt.

          Kosten höher als Erlöse

          Das Krematorium auf dem Hauptfriedhof einem Privatinvestor zu
          überlassen habe man „aus politischen Gründen“ verworfen, sagt Heldmann. Die Anlage zu verkleinern hätte sich nicht gerechnet, sie zu vergrößern wäre schwer gewesen, weil das Gebäude denkmalgeschützt ist. „Investitionen und die Betriebskosten wären auf jeden Fall höher gewesen als die Preise, die wir hätten erzielen können.“

          Während in der 700.000-Einwohner-Metropole das Krematorium unrentabel ist, leben in manch kleiner Kommune manche Betreiber ganz gut von der wachsenden Nachfrage nach Einäscherungen. Viele Frankfurter Bestatter fahren jetzt zum Beispiel nach Obertshausen im Landkreis Offenbach oder ins rheinland-pfälzische Dachsenhausen. Der Familienbetrieb beschäftigt 32 Mitarbeiter und nimmt rund 27.000 Einäscherungen im Jahr vor.

          Das Erfolgsrezept beschreibt Geschäftsführer Karl-Heinz Könsgen mit dem Schlagwort „Dienstleistungsorientierung“: Die Angehörigen müssen - wenn die Papiere vollständig sind - auf die Asche in der Urne maximal drei Tage warten. Ein Tochterunternehmen holt wenn gewünscht den Sarg beim Bestatter ab und bringt die Urne zurück. Wenn Angehörige bei der Einäscherung dabei sein wollen, können sie das. Die Firma hat Spezialöfen für extrem übergewichtige Menschen und ist an sieben Tagen die Woche 24-Stunden geöffnet.

          Ganz anders sieht es bei den Anlagen aus, die in kommunaler Hand sind - und das sind immer noch die meisten, wie der Bestatterverband Hessen berichtet. Die machen zum Teil um 17 Uhr dicht, haben am Wochenende zu und die Einäscherung kann unter Umständen Wochen dauern.

          Obwohl die Zahl der Krematorien in Hessen geringer ist als in
          anderen Bundesländern, herrsche tendenziell ein Überangebot, sagt der Vorsitzende Dominik Kracheletz: „Es gibt mehr Kapazitäten als Einäscherungen“. Also herrsche Konkurrenz, „ein Verdrängungswettbewerb“. Die kommunal betriebenen Krematorien scheinen diesen Wettbewerb zu verlieren, die privaten Anbieter legen zu. Laut Gütegemeinschaft Feuerbestattungsanlagen übernehmen sie deutschlandweit immer größere Teile des Geschäfts.

          „Frankfurt braucht eigenes Krematorium“

          „Der Wettbewerb läuft über die beste Dienstleistung, nicht über den niedrigsten Preis“, beteuert Kracheletz. „Der  Leichentourismus nimmt zu.“ Berichte über Geheim-Provisionen mag er nicht glauben: „Kein Bestatter würde ohne Not ein paar hundert Kilometer weiter fahren, nur um ein paar Euro zu sparen.“ Die Preise seien überall recht ähnlich - zwischen 300 bis 500 Euro je nach Service. Allerdings gebe es zum Teil Rabatte für eine bestimmte Zahl von Einäscherungen.

          Dass die größte Stadt des Landes kein eigenes Krematorium mehr hat, wundert die Fachleute. „Eine Stadt wie Frankfurt braucht ein eigenes Krematorium“, findet Kracheletz vom Bestatterverband. Auch Svend-Jörk Sobolewski von der Gütegemeinschaft wundert sich: „Ich bin sicher, man hätte einen Investor finden können.“ Der Leiter des Grünflächenamts sieht das Thema gelassen: „Es gibt genug Anbieter in der Umgebung - mehr Angebot als Nachfrage.“

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