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Frankfurt : Occupy-Aktivisten wollen überwintern

  • -Aktualisiert am

Dauercamper: Etwa 50 bis 80 Personen übernachten nach Angaben von Occupy im Schein des Euro-Symbols. Bild: Wonge Bergmann

Die Demonstranten vor der EZB richten sich auf einen längeren Aufenthalt ein. Gegen Dreck und Kälte sollen Paletten helfen. In manchen Zelten stehen schon Gas-Brenner.

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          Im Kessel im Küchenzelt blubbert die Gulaschsuppe. Auf einer Parkbank liegt ein Buch von Trotzki, ein Plakat informiert über die Gefahren von Zusatzstoffen in der Zahnpasta. An einer Bretterwand hängen Sinnsprüche von Buddha, nicht zum Kapitalismus, aber zum Leben allgemein. Daneben hängen die Ergebnisprotokolle der „AK Inhalte und Prozeduren“. Zettel flattern an einer Wäscheleine im Wind, ein dreckiges Plakat hält sich gerade noch so an einem Baum. Ein junger Mann mit Guy-Fawkes-Maske springt über den Weg. Sonst ist nicht viel los im Occupy-Zeltlager. Eine Frau aus Japan fotografiert erst das große Euro-Zeichen und dann den Informations-Stand des Camps.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Seit gut zwei Monaten stehen die 100 Igluzelte auf dem Rasen vor der Europäischen Zentralbank. Es waren schon einmal mehr, aber die Zahl ist in etwa konstant. Hier schlafen, arbeiten und diskutieren Demonstranten aller Coleur, die sich in ihrer Kritik am Kapitalismus und an den Banken zusammengefunden haben. Regelmäßig werden von hier aus Demonstrationszüge durch die Stadt organisiert, an denen anfangs bis zu 4000 Personen teilnahmen. Inzwischen aber ist der Protestzug auf gut 100 Leute geschrumpft. Dennoch sagt Thomas aus dem Camp: „Uns geht nicht die Luft aus.“

          Das Camp werde gerade winterfest gemacht

          Thomas ist hauptsächlich für den Informations-Stand zuständig, und so möchte der 52 Jahre alte Frührentner auch genannt werden: Thomas vom Info-Stand. Im Moment sei man damit beschäftigt, das Camp winterfest zu machen. Schließlich habe man nicht vor, die Wiese am Willy-Brandt-Platz bald wieder zu räumen.

          Konkret heißt das, dass die Zelte auf Paletten gesetzt werden. Im Info-Stand wurde bereits ein Holzboden eingezogen und das Küchenzelt, das wegen Reparaturarbeiten am Euro-Zeichen ein paar Meter nach hinten versetzt werden musste, wird bald wieder an seinem alten Platz stehen, dann auch mit Paletten gegen Dreck und Kälte versehen. In einigen Gemeinschaftszelten stehen schon Gas-Brenner zum Heizen. Auf einer Tafel am Eingang des Zeltlagers sind die Dinge aufgelistet, die für den bislang milden Winter gebraucht werden: „Ziegel- /Backsteine (als Heizung), Socken, Schuhe, Unterwäsche“. Auch die technische Infrastruktur wurde ausgebaut: Schon seit längerem gibt es im Camp Internet, jetzt kamen noch ein eigener Server und Intranet dazu.

          Derzeit übernachteten 50 bis 80 Personen in den Zelten

          Beim Ordnungsamt der Stadt heißt es, dass das Camp bis zum 27. Dezember genehmigt sei. Im Zeltlager selbst will man schon von einer Genehmigung bis zum 15. Januar wissen. Einig sind sich Behörde und Demonstranten darin, dass es bislang keine Beschwerden oder sonstige Probleme gegeben habe. Die Polizei komme zwei bis drei Mal am Tag vorbei, mache einen Rundgang und frage nach, ob alles in Ordnung sei. Auch das Camp hat eigene Ordnungskräfte, die im Notfall für Ruhe sorgten. In der Vergangenheit kamen nachts ein paar Störenfriede vorbei und riefen feindliche Parolen. Zwar komme es auch heute immer mal wieder zu kleineren Zwischenfällen, etwa mit angetrunkenen Gästen der benachbarten Diskothek „Living XXL“, sagt Thomas. „Aber das hält sich alles sehr in Grenzen.“ Äußerst selten käme es etwa zu einer Schlägerei unter Übernachtungsgästen. Gegebenenfalls erteile man auch Platzverweise gegenüber störenden Camp-Bewohnern.

          Derzeit übernachteten 50 bis 80 Personen in den Zelten. Vor zwei Wochen seien es noch 100 bis 200 gewesen, aber man zähle die Zeltenden in der Regel nicht. Nur wenige hätten sich Urlaub genommen, die meisten gingen morgens normal zur Arbeit und kämen nachmittags oder am Abend wieder. „Die meisten haben eine eigene Wohnung“, sagt Thomas. Im Zeltlager wohnen zurzeit einige Studenten, Lehrlinge, ein Englischlehrer und auch ein Selbstständiger, der fünf Nächte in der Woche hier verbringe und in Frankfurt eine eigene Firma habe. Etwa zwei Drittel der Camp-Bewohner kämen aus Frankfurt und der direkten Umgebung. Tagsüber kommen dann noch diejenigen vorbei, die nicht im Camp wohnen, es aber unterstützen. Dann seien bis zu 150 Menschen im Zeltlager unterwegs.

          Über die Zukunft wird spontan entschieden

          Die kühleren Temperaturen und der seltene Regen trieben viele wieder ins eigene Bett, berichtet Thomas. Die Fluktuation im Camp ist also recht hoch. So sei es aber auch für Interessierte möglich, nur eine oder wenige Nächte - sozusagen mietweise - in einem der Zelte zu verbringen.

          Noch sei nicht geklärt, wie es genau weitergehe, das entscheide man spontan, heißt es im Zeltlager. Man richte sich aber auf einen längeren Aufenthalt vor der Europäischen Zentralbank ein.

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