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Linie 11 in Frankfurt : Nachts fahren die Prinzen Straßenbahn

  • -Aktualisiert am

Augen auf und durch: Die Linie 11 ist berüchtigt. Sie fährt durch viele soziale Brennpunkte der Stadt. Bild: Waldner, Amadeus

Vor Gericht geht es häufiger um Straftaten in der Linie 11, die wegen der vielen Dealer manchmal „Steine-Express“ genannt wird. Eine Fahrt von Höchst nach Fechenheim.

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          Wer gedacht hat, dass es längst out sei unter jungen Männern, Baseballkappen nur andeutungsweise aufzusetzen, sie quasi einer Krone gleich auf dem Schädel abzulegen, der sollte mal nachts mit der Straßenbahnlinie 11 fahren: Überall Gruppen von Kronenträgern, lauter Prinzen, deren Blick leerer wird mit der Tiefe der Nacht, vom Kaugummikauen oder vom Biertrinken oder von beidem. Vielleicht ist diese Art, sich vorsichtshalber jeder Norm inklusive der des Ankleidens zu widersetzen, aber ebenso zeitlos wie die Art, mit der an der Galluswarte im grellsten Licht der Haltestelle kleine Tütchen mit weißem Pulver von der einen in die andere Hand gehen: die Blicke der Beteiligten gelangweilt voneinander abgewandt, zwischen sich einen sauberen Einkaufstrolley.

          Die Straßenbahnlinie 11 ist die längste der Stadt, sie führt von Fechenheim nach Höchst und zurück, vorbei am Allerheiligentor, durchs Bahnhofsviertel und das Gallus. Manche nennen die Linie den „Steine-Express“, wegen der ganzen Crack-Dealer, die hier angeblich mitfahren und die Droge in kleinen Klumpen bei sich tragen. Irgendetwas ist dubios an der 11, da passieren Dinge, mit denen man nichts zu tun haben will, jedenfalls klingt der Begriff danach. Gleich mehrfach ging es in diesen Tagen vor Gericht um kleine und größere Gaunereien in der 11, und diese Häufung ist natürlich Zufall. Aber die Geschichten erzählen davon, wie so eine nächtliche Fahrt mit der Linie manchmal ausgehen kann, wenn es ganz dumm läuft.

          „Bist’n paar Leute ballern?“

          So wie für den Algerier, der in den frühen Morgenstunden des 16. August vergangenen Jahres noch mit einer Schädelprellung und einer geschwollen Oberlippe prahlte, er habe 13 Flaschen Bier getrunken. In der 11 hatte sich Akran A. neben den Algerier gesetzt, ganz absichtlich war das laut Anklage, denn kurz vor der Galluswarte riss A. seinem Opfer zwei Goldketten vom Hals und rannte los zur Tür, die sein Komplize schon geöffnet hatte. Der Bierselige, um seinen Schmuck beraubt, zog die Notbremse und nahm die Verfolgung von A. auf. Draußen, an der Mainzer Landstraße, fuchtelte der 19 Jahre alte A. noch mit einem Messer herum und zog seinem taumelnden Opfer eine Flasche über den Kopf. Für zwei Jahre und sechs Monate muss A. nun ins Gefängnis.

          „Bist’n paar Leute ballern?“ Die Prinzen in der Linie 11 werden wach am Hauptbahnhof. Seit dem Gallus sind sie pulkweise in die Bahn geströmt, haben breitbeinig in den Vierern gelümmelt, jetzt ist die Fahrt für viele von ihnen vorbei. Zurück bleibt das Rätsel ihrer Sprache und die müde Hoffnung, dass der gesagte Satz doch eine Chiffre ist für etwas ganz anderes, Harmloses.

          „Eine der gefährlichsten Ecken hier“

          Es ist ein bisschen banal und unfair der Linie 11 gegenüber, ausgerechnet hier nach dem Bösen zu gucken. Immerhin fährt die 11 ziemlich genau eine Stunde lang einmal quer durch die Stadt, einmal herein in und einmal heraus aus fast allen sozialen Brennpunkten. Wer den geordneten Norden und das schöne Sachsenhausen links und rechts liegenlässt, der ist anfällig für das Unerlaubte, das ist eher eine Binsenweisheit. Und, zur Ehrenrettung: Auch in der 21, eine kleine Schwester der 11 sozusagen, und der 12, eine entfernte Cousine, da kommen Straftaten vor, manchmal auch gehäuft, heißt es bei der Staatsanwaltschaft. Und bei der Verkehrsgesellschaft und der Polizei gibt es keine Statistik, die die 11 ganz besonders brandmarken würde.

          Dennoch ist der Ruf der Linie und der Viertel, die sie verbindet, sogar in den Wagen selbst ein Thema. „Das ist eine der gefährlichsten Ecken hier“, raunt ein Mädchen am Allerheiligentor ihrem Begleiter zu und erzählt von einem Freund, der von seinem Fenster aus sehen könne, wie die, die auf der Zeil Zuckerwatte und Ballons verkaufen, ihre Sachen in rumpeligen Garagen lagerten. Kein allzu schauerliches Beispiel des Verbrechens, aber die beiden, das Mädchen und ihr Begleiter, ziehen die Grenze zwischen dem fremden Vergehen und dem eigenen ohnehin krakelig: Eine gute Methode, sich ein Bettgestell zu bauen, seien Europaletten, stellen sie fest. „Gibt es die im Baumarkt?“, fragt das Mädchen. „Nee, die musste klauen“, antwortet der Junge.

          Überfall einer Schülerin

          Einen Diebstahl im Sinn hatte auch Mustafa B., als er im März 2013 an der Mönchhofstraße an den Einkaufstaschen einer 18 Jahre alten Schülerin riss. Das Mädchen kam telefonierend von der Straßenbahnhaltestelle, und B. soll sie von hinten überfallen haben. Sie versuchte, sich zu wehren, riss dem Angreifer seine Mütze vom Kopf. Später fanden die Ermittler zwar die DNA von B. an der Mütze, das Gericht hatte aber Zweifel: Das Opfer hatte den Angreifer nicht gesehen, es waren noch andere Männer bei dem Überfall in der Nähe. Deshalb wurde B. freigesprochen.

          Sicher ist nur, dass ein großer Mann der Schülerin zu Hilfe kam, der zum Schmuck seiner Glatze hinten am Schädel die Haare quadratförmig stehen ließ. Er schrie und vertrieb B. „Er hat nichts geklaut, und da hab ich mich gefreut, dass er es nicht geschafft hat“, sagte der Helfer vor Gericht. Und das ist dann die gute Geschichte aus der Straßenbahnlinie 11: Wo viele unterwegs sind, sind es auch die Guten.

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