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„Frankfurt liest ein Buch“ : Rückkehr nach Paris

Es hat ihm gefallen: Drei Tage lang war Pierre Radványi in Frankfurt. Bild: Helmut Fricke

Abschied vom Festival: Pierre Radványi zieht eine Bilanz der ersten Tage von „Frankfurt liest ein Buch“. Der 91 Jahre alte Sohn von Anna Seghers ist sehr angetan.

          Dem Streik der französischen Eisenbahner ist Pierre Radványi entkommen. Am Donnerstag ist der Sohn von Anna Seghers nach Paris zurückgeflogen, nur, um am dortigen Flughafen in einen zusätzlich anberaumten Ausstand des Nahverkehrs zu geraten. Es hat den 91 Jahre alten Reisenden nicht abgeschreckt. Er und seine Frau würden abwarten, wie sie sich vom Flughafen weiter nach Hause durchschlagen könnten, sagte er. Am Sonntagabend ist er mit dem Zug am Main angekommen, drei Festivaltage lang hat er anschließend an dieser und jener Veranstaltung von „Frankfurt liest ein Buch“ teilgenommen und von der Arbeit seiner Mutter am Roman „Das siebte Kreuz“ berichtet. Von den ersten Tagen des Lesefests, das am 29. April zu Ende geht, ist er sehr angetan: „Ich war beeindruckt davon, wie vielgestaltig das Programm ist.“

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          In der Oper Frankfurt hat er Liedern der Zwischenkriegszeit gelauscht und in der Zentralbibliothek an der Hasengasse die Fotografien zahlreicher Romanschauplätze betrachtet, die die Anna-Seghers-Gesellschaft dort während des Festivals zusammen mit der Stadtbücherei zeigt – vom Gasthof „Zum Engel“ in Mainz-Kostheim, den es noch immer gibt, bis zum Blick über den Rhein auf den Mainzer Dom mit dem Heiligen Martin, nach dem Georg Heisler im Buch Ausschau hält und nach dem auch Radványi suchte, als er nach dem Krieg zum ersten Mal wieder in der Heimatstadt seiner Mutter und seiner Großeltern war.

          Glückliche Kindheit in Paris

          Und er hat erzählt. Von der glücklichen Kindheit, die er nach 1933 im Exil der Familie in Paris erlebte, spricht er zur Eröffnung der Ausstellung im „Fenster zur Stadt“ an der Braubachstraße, wo mit alten Postkarten und ausgewählten Zitaten aus Briefen der Anna Seghers die Flucht der Schriftstellerin und ihrer Kinder nach Mexiko nachvollzogen wird. Er erzählt aber auch vom Unglück seiner ersten französischen Schule, an der die Lehrer Kindern, die Fehler machten, mit dem Lineal auf die Finger schlugen. Und Radványi machte Fehler – schließlich sprach er zu diesem Zeitpunkt nur Deutsch. An Details wie diese und an die nächste Schule, an der es besser wurde, denkt er in der gemütlichen Bibliothek des Hotels Villa Orange im Nordend zurück, in dem er und seine Frau während ihres Aufenthaltes in Frankfurt übernachtet haben.

          Davon, dass seine Mutter sich für die illustrierte Version des Romans, die 1942 Millionen amerikanische Zeitungsleser fand, nur wenig interessierte („Sie hat es zur Kenntnis genommen“), berichtet er in der Filiale der Buchhandlung Hugendubel am Steinweg. Dass sie mit der Hollywood-Verfilmung aus dem Jahr 1944 weit mehr anfangen konnte, fügt er im Hotel hinzu: „Das Kino war ihr wichtig.“ Den Film „Katharina oder die Kunst, Arbeit zu finden“, den die Regisseurin Barbara Trottnow 1995 nach einem sechzig Jahre zuvor von Seghers verfassten Skript drehte, hat gestern Abend das Deutsche Filmmuseum gezeigt.

          Atomphysiker statt Schriftsteller

          Die 75 000 Dollar, die Seghers für die Filmrechte am „Siebten Kreuz“ erhielt, waren der Familie eine große Hilfe: „Wir waren endlich nicht mehr abhängig von der Hilfe anderer Menschen oder irgendwelcher Komitees.“ Vom Geld wurde ein Jahr später auch Radványis Rückkehr nach Europa bezahlt. Der Zwanzigjährige hatte sich entschlossen, nach Frankreich zu gehen – der glücklichen Kindheit wegen. Deutschland kam nicht mehr in Frage: „Nach dem, was wir von dort hörten, schien es, dass ein großer Teil der Deutschen Hitler gefolgt war.“ Im Oktober 1945 kam er auf einem amerikanischen Schiff im zerstörten Hafen von Le Havre an. Hat er zwischen all seinen Erlebnissen jemals daran gedacht, selbst Schriftsteller zu werden? „Im Gegenteil. Als ich merkte, dass die Mutter bekannt war, dachte ich mir, ich will etwas anderes machen.“ In Frankreich wurde aus ihm ein Atomphysiker: „Es war ein ganz neues Gebiet. Junge Leute wie ich hatten das Gefühl, da könne man Entdeckungen machen.“

          Nach der Entscheidung seiner Mutter für ein Leben in Ost-Berlin und dem Beginn des Kalten Krieges begann für ihn und seine Eltern eine Zeit der Trennung. Die Familie sah sich ein bis zwei Mal im Jahr, Treffen mussten lange vorher beantragt werden: „Meine Mutter fragte mich im Januar, wann wir im Sommer kommen wollten.“ Äußerte sie jemals Enttäuschung oder Befremden über das Leben in der DDR? „Aber ja“, sagt Radványi. „Aber sie dachte, wenn man sich einmal entschieden hat, verrät man diese Entscheidung nicht. Das tut man nicht.“

          Sein 1978 gestorbener Vater, der an der Humboldt-Universität und der Akademie der Wissenschaften der DDR Wirtschaftswissenschaft lehrte, habe ihm gegenüber irgendwann bemerkt, das politische und ökonomische System der DDR könne nicht mehr lange weiter funktionieren. Als er ihn daraufhin fragte, wie viele Wähler sich seiner Meinung nach in freien Wahlen für die SED entscheiden würden, habe er nach einigem Überlegen eine Zahl genannt, die sich nach der Wende ziemlich exakt so ergab. Fühlte sich seine Mutter bis zu ihrem Tod im Jahr 1983 denn wenigstens frei in ihrem eigenen Schreiben? Radványis Einschätzung: „Sie hat vermieden, über manches zu schreiben. Aber was sie geschrieben hat, das wollte sie so schreiben.“ Mehr zu Leben und Werk der Anna Seghers bietet „Frankfurt liest ein Buch“.

          Das Festival endet am 29. April. Das Programm findet sich unter www.frankfurt-liest-ein-buch.de.

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