https://www.faz.net/-gzg-8foqk

„Frankfurt liest ein Buch“ : Stadt und Buch

Der Autor: Dieter David Seuthe ist Psychologe, „Frankfurt verboten“ sein erster Roman. Bild: Stephan Morgenstern/laif

In „Frankfurt verboten“ beschreibt Dieter David Seuthe, wie eine deutsche Großstadt in die Nazizeit abstürzt. Nun ist dem Roman das Festival „Frankfurt liest ein Buch“ gewidmet.

          5 Min.

          Max ist Rettungsschwimmer. Er studiert Jura und arbeitet später in der Verwaltung der Frankfurter Universität, aber an diesem Sommernachmittag im Juli 1929 interessiert er sich in der Badeanstalt am Frankfurter Mainufer nur für das Mädchen mit dem dunklen Haaren und den blauen Augen, das sich unter den Palmen am Rande der Rollschuhbahn in die Sonne gesetzt hat. Aus der ersten Begegnung im Mosler, dem Schwimmbad mit vier Becken, einem beliebten Restaurant und der Bahn für die Rollschuhläufer, wird nach einem zufälligen zweiten Aufeinandertreffen ein abendlicher Spaziergang, der von Bornheim die Berger Straße hinab in Richtung Innenstadt führt.

          Florian Balke
          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ehe Elise den Mauerweg erreicht, in dem sie bei Bekannten untergekommen ist, lädt sie den netten jungen Mann mit dem hellblonden Haar, das ihm dauernd in die Stirn fällt und zurückgeschoben werden muss, noch auf einen Apfelwein in eine nahegelegene Wirtschaft ein. Sie rechtfertigt das damit, dass eine deutsche Rennfahrerin gerade die Welt umrundet hat und sechzig Passagiere versuchen, es ihr in einem Zeppelin nachzumachen, während Max und Elise sich unter den Laternen unterhalten. Frauen ist jetzt alles erlaubt, auch das Einladen des Mannes, den jungen Leuten scheint die ganze Welt offenzustehen.

          Elise entkommt der Falle

          Was so idyllisch beginnt, ist der Beginn einer großen Liebe, die an ihrem Ende, sieben Jahre später, im olympischen Sommer des Jahres 1936, aus ebendieser Zuneigung zur Trennung auf immer führt. Denn Elise, die in Frankfurt Klavier studiert hat und Pianistin geworden ist, ist Jüdin. Für sie ist kein Platz mehr im nationalsozialistischen Deutschland, sie wird ausgestoßen aus dem Leben ihrer Stadt, Verwaltungsakt um Verwaltungsakt, persönliche Schikane um persönliche Schikane. Elise und Max ahnen, dass die Bestimmungen der 1935 beschlossenen Nürnberger Gesetze noch nicht das Ende sind, Elise ist daher immer fester entschlossen, ihre Heimat zu verlassen. Die Eltern sind tot, ihr Vater hat sich nach seiner Entlassung aus dem Schuldienst das Leben genommen, es hält sie nichts mehr, zumal sie zwar noch Klavierschüler, aber keine Auftrittsmöglichkeiten mehr hat und eine Freundin aus Studientagen auf die brillante Idee gekommen ist, Elise zu sich nach Neuseeland zu holen. Max, der seinen altgewordenen Vater nicht alleinlassen kann, ist fest entschlossen, seine Freundin bei ihrem Versuch der Rettung ins Ausland zu unterstützen.

          Dass Elise der Falle entkommt, die Deutschland für sie und seine anderen jüdischen Bürger im Laufe der dreißiger Jahre aufspannt, ist von Beginn an klar in Dieter David Seuthes Roman „Frankfurt verboten“, dem in den nächsten zwei Wochen das Festival „Frankfurt liest ein Buch“ gewidmet ist. Der Roman besteht im Wesentlichen aus den Aufzeichnungen, die die altgewordene Elise in Neuseeland anfertigt, als sie unter einem anderen Namen schon lange am anderen Ende der Welt lebt. Bald nach ihrer Ankunft hat sie eine Tochter bekommen, später auch einen kleinen Sohn, der kurz nach seiner Geburt gestorben ist. Nun ist sie Witwe und hält fest, was sie in ihrem zweiten Leben nach der Rettung keinem anderen Menschen erzählt hat, auch ihrem Mann Geoffrey und ihrer Tochter Sarah nicht.

          Weitere Themen

          Eine Lastenträgerin der Lebenden

          Roman von Emine Sevgi Özdamar : Eine Lastenträgerin der Lebenden

          Der Blick auf Fremdsein und Fremd-gemacht-Werden, auf Sprachverlust und Sprach­ermächtigung, gehört zu den großen Geschenken dieses Buchs an seine Leser: Emine Sevgi Özdamars Roman „Ein von Schatten begrenzter Raum“.

          Wie man um die Ecke schießt Video-Seite öffnen

          Geht doch! : Wie man um die Ecke schießt

          Ecken direkt verwandeln – auf dem Fußballplatz geht das noch vergleichbar einfach. Beim Tipp-Kick braucht es viel Feingefühl. Wir verraten, wie der perfekte Schuss um die Ecke gelingt.

          Topmeldungen

          Atomkraft: Zu Unrecht undiskutabel?

          Energiewende unter der Ampel : Die Atom-Diskussion wagen

          Die Energiewende ist kein einfaches Unterfangen. Die Ampel möchte vermehrt auf erneuerbare Energien setzen, aus Gründen des Klimaschutzes. Eine andere Energiequelle fällt aus der Diskussion.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.