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Goethe-Universität Frankfurt : „Frankfurt braucht Lehrstuhl für Holocaustforschung“

Spricht sich für einen Lehrstuhl zur Erforschung des Holocausts an der Universität Frankfurt aus: Jutta Ebeling. Bild: Frank Röth

In ganz Deutschland gibt es keinen Lehrstuhl für Holocaustforschung - andere Länder sind da weiter. Nun macht die Stiftungsratsvorsitzende des Fritz-Bauer-Instituts Werbung für eine ordentliche Professur an der Goethe-Universität.

          Wer wird der neue Direktor des Fritz-Bauer-Instituts an der Universität Frankfurt? Den Nachfolger des scheidenden Raphael Gross kennt noch niemand, nicht einmal die Vorsitzende des Stiftungsrats, Jutta Ebeling. Aber eines steht für die frühere Frankfurter Bürgermeisterin fest: Der neue Direktor des Instituts sollte gleichzeitig eine ordentliche Professur an der Universität Frankfurt innehaben oder bekommen, möglichst im Fachbereich Geschichte.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vielleicht ist die Professur der am Ende ausschlaggebende Grund dafür gewesen, dass Gross nach Leipzig wechselt, wo er die Leitung des Simon-Dubnow-Instituts übernimmt. Gross war auch in Frankfurt Professor – aber nur Honorarprofessor mit einem jeweils auf fünf Jahre befristeten Vertrag. In Leipzig dagegen wird er ordentlicher Professor.

          Kein Lehrstuhl dafür in Deutschland

          Schon seit geraumer Zeit versucht die Stiftungsratsvorsitzende Ebeling, die Universität zu einer Umwandlung der Honorarprofessur für den Fritz-Bauer-Direktor in eine normalen Professur zu bewegen. Es gebe in Deutschland keinen Lehrstuhl zur Erforschung des Holocausts, argumentiert Ebeling. Das sei ihr völlig unverständlich. In Amerika und England, Ländern also, die nicht verantwortlich für den Mord an den Juden gewesen seien, existierten mehrere solcher Lehrstühle. Deutschland müsse endlich nachziehen. „Frankfurt“, so sagt die Stiftungsratsvorsitzende, „ist dafür der richtige Ort, und das Fritz-Bauer-Institut die richtige Institution.“ Leider habe sie bisher die Goethe-Universität nicht davon überzeugen können.

          Mittlerweile ist Ebeling etwas optimistischer. Die neue Präsidentin Birgitta Wolff, sagt sie, habe sich ihr gegenüber sehr aufgeschlossen gezeigt. Auch Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU), der für das Land Hessen im Stiftungsrat sitzt, hat ihren Angaben zufolge Interesse gezeigt.

          Institut an Uni angegliedert

          Doch zuerst einmal kommt es auf den Fachbereich Geschichte an, er müsste einen Holocaust-Lehrstuhl beantragen. Aber warum der Fachbereich Geschichte? Könnte ein solches Forschungsgebiet nicht zum Beispiel in der Judaistik angesiedelt werden? „Nein“, sagt Ebeling entschieden. Den Holocaust müssten nicht die Juden aufarbeiten, sondern die Nachfahren der Täter. Für Ebeling ist eindeutig der Fachbereich Geschichte der richtige Ort für einen solchen Lehrstuhl.

          Sein Nachfolger soll ein ordentlicher Professor an der Uni sein: Raphael Gross verlässt zum Mai das Fritz-Bauer-Institut.

          Das Fritz-Bauer-Institut, das die Geschichte und Wirkung des Holocaust erforscht, wurde 1995 von drei Stiftern, nämlich dem Land Hessen, der Stadt Frankfurt und dem Förderverein gegründet. Mit dem Einzug des Instituts im Sommer 2001 in das IG-Farben-Haus auf dem Campus Westend wandelte es sich zu einem An-Institut der Universität Frankfurt, die Hochschule trat als viertes Mitglied in den Stiftungsrat ein. Seither übernehmen ihre Mitarbeiter Lehrverpflichtungen am Historischen Seminar und am Seminar für Didaktik der Geschichte. Stadt und Land tragen jeweils 350.000 Euro im Jahr zur Finanzierung bei.

          Zügige Entscheidung sei nötig

          Für die Universität sitzen jetzt Präsidentin Wolff und Frank Bernstein, der Dekan des Fachbereichs Philosophie und Geschichtswissenschaften, im Stiftungsrat. In der Vergangenheit hat es gewisse Missstimmungen zwischen dem Fritz-Bauer-Institut und einigen Professoren des Fachbereichs Geschichte gegeben. Nun vermeldet Ebeling, dass der Fachbereich hinsichtlich eines Holocaust-Lehrstuhls positive Signale ausgesandt habe. Die Vorsitzende des Stiftungsrats dringt darauf, dass die Angelegenheit nicht auf die lange Bank geschoben, sondern zügig entschieden werde. Denn Gross scheide als Direktor des Fritz-Bauer-Instituts schon am 1.Mai aus.

          Eine allzu lange Vakanz schade dem Institut, das einen Ruf zu verteidigen habe. Gross habe die Einrichtung auf ein internationales Niveau gehoben. „Das Fritz-Bauer-Institut darf jetzt auf keinen Fall in Provinzialität und Irrelevanz abfallen“, warnt Ebeling. Sie wies darauf hin, dass die Forschungseinrichtung in den vergangenen Jahren nennenswerte Beträge an Drittmitteln eingeworben habe. Dafür bedürfe es aber einer starken Leitung.

          Von der Krise zum Glücksfall

          Bisher hatte Gross in Personalunion sowohl das Fritz-Bauer-Institut als auch das Jüdische Museum Frankfurt geleitet. Die Zusammenlegung der beiden Aufgaben ist nach Ebelings Worten aus der Not heraus beschlossen worden, als das Institut in einer Krise gewesen sei. Am Ende habe sie sich als Glücksfall erwiesen.

          Doch man dürfe nicht davon ausgehen, dass anderer Direktoren beide Ämter so meistern könnten wie Gross. Deshalb sei es besser, sie wieder zu trennen und sowohl für das Museum wie auch für das Institut jeweils einen eigenen Leiter zu suchen. Der neue Leiter des Fritz-Bauer-Instituts müsse nicht Jude sein, aber auf jeden Fall eine Kapazität, die international vernetzt sei.

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