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Frankfurt : Kein Verkehrsschild ist auch keine Lösung

Museumsreif: Dieses Schild wird nicht mehr gebraucht Bild: Sick, Cornelia

Parkraum ist in jeder Lücke. Nach diesem Motto haben Autofahrer in Nieder-Erlenbach einen Verkehrsversuch zum Scheitern gebracht, der große Erwartungen geweckt und eigentlich auch ganz gut begonnen hatte. Geblieben ist am Ende eine Spielstraße.

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          Es ist rechteckig, blau-weiß und trägt die Aufschrift „Gemeinschaftsstraße“. Das Verkehrszeichen wird künftig im städtischen Verkehrsamt im Büro von Joachim Bielefeld hängen. Dort erinnert es an ein ambitioniert gestartetes, letztlich aber gescheitertes Verkehrsprojekt in Nieder-Erlenbach. Fünf Jahre lang ist im Ortskern von Nieder-Erlenbach auf sämtliche Verkehrsschilder verzichtet worden. Ziel des von Bielefeld geleiteten Feldversuchs war es, Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger in der schilderlosen Zone zur gegenseitigen Rücksicht anzuhalten.

          Bernd Günther

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bei der Entscheidung des für Nieder-Erlenbach zuständigen Ortsbeirats 13, das auch Shared Space genannte Projekt endgültig abzubrechen, hatte Verkehrsplaner Bielefeld angekündigt, eines der Verkehrsschilder - mit denen Beginn und Ende der schilderlosen Gemeinschaftsstraße gekennzeichnet wurden - als Souvenir mitzunehmen. Anwohner und Ortsvertreter des nördlichen Stadtteils quittierten das Ansinnen zunächst mit einem Lächeln. Umso nüchterner und von der früheren verkehrspolitischen Visionen abgerückt, beschlossen die Fraktionen des Ortsbeirats dann aber in ihrer letzten Sitzung vor der Sommerpause, die „Gemeinschaftsstraße Alt-Erlenbach“ wieder aufzuheben. Das Votum dafür war einmütig.

          Projekt Shared Space

          Ebenso einstimmig hatten sich die Ortsvertreter einst dafür ausgesprochen, die durch den Ortskern führende Hauptstraße samt einmündender Seitenstraßen als Sonderverkehrszone auszuweisen. Rund 60 Verkehrsschilder waren im Herbst 2009 abmontiert worden. Das Konzept, Autofahrer, Zweiradfahrer und Fußgänger sich den Straßenraum als gleichwertige Verkehrsteilnehmer teilen zu lassen, hatte über Nieder-Erlenbach hinaus Aufmerksamkeit erlangt. Immerhin waren mit dem Projekt Shared Space in anderen deutschen und europäischen Städten gute Erfahrungen gesammelt worden. In Frankfurt sollte die Versuchszone Nieder-Erlenbach der Vorreiter für andere Stadtteile sein.

          Das Projekt startete durchaus verheißungsvoll und war nach sechs Monaten Versuchszeit unbefristet verlängert worden. Die befürchteten Gefahrensituationen waren ausgeblieben; die Vorfahrt wurde nach der Regel „rechts vor links“ gewährt; durch Handzeichen wurde geklärt, wer weiterfahren und gehen darf oder warten soll. So weit, so gut - lediglich die Regel, dass geparkt werden darf, wo niemand behindert wird, brachte das Projekt schließlich zum Kippen. Denn manche Autofahrer parkten die Gemeinschaftsstraße immer wieder hemmungs- oder gedankenlos zu.

          Fußgänger und Radfahrer mussten immer öfter parkenden Fahrzeugen ausweichen. Häufig wurden Autos und Lieferwagen in Kurven abgestellt, wo sie andere Fahrzeuge an der Weiterfahrt hinderten. Auch die im engen Ortskern verkehrenden Linienbusse seien deswegen häufig auf der Strecke stecken geblieben, heißt es. Zahlreiche Diskussionen waren deswegen geführt und auch eine Planungswerkstatt eingerichtet worden, um gemeinsam mit Anwohnern eine Lösung zu suchen, wie der ruhende Verkehr besser organisiert werden könnte.

          Verkehrsplaner Bielefeld versuchte noch, durch das Setzen von Pollern an besonders prekären Stellen das Projekt zu retten. Doch bei den Bürgern hatte sich die Ansicht durchgesetzt, dass es im Ortskern von Nieder-Erlenbach doch nicht ganz ohne Schilder und Markierungen gehen werde. Weil jedoch andererseits keiner wollte, dass sämtliche Vorfahrts-, Stopp- und Parkverbotsschilder wieder aufgebaut werden, wurde nach einem Kompromiss gesucht - das Zauberwort heißt „Spielstraße“. In einer solchen verkehrsberuhigten Zone dürfen Fahrzeuge nur Schrittgeschwindigkeit fahren, und Parkmöglichkeiten werden deutlich ausgewiesen und Fußwege durch Poller geschützt.

          Widerstand bei Verkehrsgesellschaft

          Verkehrsplaner Bielefeld hatte für eine Spielstraße denn auch in der jüngsten Ortsbeiratssitzung einen Entwurf vorgestellt. Außer zum schnellen Be- und Entladen dürfe künftig nur in den gesondert ausgewiesenen Flächen geparkt werden, erläuterte Bielefeld die wesentliche Änderung. Zudem darf in der Zone, deren Anfang und Ende mit Schildern und Piktogrammen auf der Fahrbahn gekennzeichnet werden sollen, nur Schrittgeschwindigkeit gefahren werden.

          Wegen der längeren Fahrzeiten für die durch den Ortskern fahrenden Linienbusse sei dies zwar zunächst auf Widerstand bei der Nahverkehrsgesellschaft Traffiq gestoßen, doch habe auch hier ein Kompromiss erzielt werden können, indem die verkehrsberuhigte Zone etwas verkürzt werde.

          So werde die Straße Alt-Erlenbach nur im Abschnitt zwischen der Einmündung Alte Fahrt und der Evangelischen Kirche als Spielstraße ausgewiesen, kündigte Bielefeld an. Die Ortsvertreter stimmten dem zu; ob damit in Sachen Verkehr in Nieder-Erlenbach eine gemeinhin akzeptierte Übereinkunft gefunden worden ist oder doch wieder der Schilderwald angelegt werden muss, wird die Zukunft zeigen.

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