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Frankfurt : House of Pharma soll kein Lobbyverein werden

Ausweichquartier: Mangels Haus veranstaltet das House of Pharma den Kongress im Campus-Westend-Casino. Bild: Klein, Nora

Dem House of Pharma in Frankfurt fehlt noch eine Immobilie. Vertreter von Arzneimittelherstellern haben aber schon klare Ideen, wie es sich profilieren könnte.

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          Ein Haus im Wortsinne ist es noch lange nicht. Doch gedanklich stehen die Pfeiler für das House of Pharma in Frankfurt schon. Seit dem Frühjahr arbeitet eine Projektgruppe, die mit Landesmitteln gefördert wird und an ein Aachener Fraunhofer-Institut angeschlossen ist. Sie gesellt sich zur Goethe-Universität und dem Zentrum für Arzneimittelforschung, die das House of Pharma mittragen. 15 Forscher befassen sich in Frankfurt mit Schmerztherapie und Entzündungen, Autoimmunkrankheiten und Multipler Sklerose. „Da wird schon im Labor hart gearbeitet, wir sind keine Ankündigungsrhetoriker“, sagt der klinische Pharmakologe Gerd Geißlinger, der mit Uni-Vizepräsident Manfred Schubert-Zsilavecz das House of Pharma auf den Weg gebracht hat. Sogar Forschungsgelder aus der Industrie hat die Gruppe schon eingeworben - wobei Stillschweigen über Einzelheiten vereinbart worden ist.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Kein Geheimnis ist dagegen ein weiterer Baustein für das Pharma-Haus. Für Mitte September lädt die im Aufbau befindliche Institution zu der ersten Jahrestagung ein. Vertreter von Arzneimittelherstellern aus Deutschland und Amerika sowie die hessische Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann und Finanzminister Thomas Schäfer (beide CDU) werden dort sprechen. Mangels eigener Immobilie wird das Casino auf dem Campus Westend der Universität der Ort für den auf zwei Tage angelegten Kongress sein. „Pharmastandort Deutschland im internationalen Wettbewerb“ lautet das etwas allgemein gehaltene Motto, deutlich konkreter dürfte es in den einzelnen Plenumsrunden werden.

          „Sehr gute Initiative“

          So soll über den „Kostenfaktor Gesundheit“ ebenso gesprochen werden wie über „Wege aus der Innovationslücke“ - angesichts der Schwierigkeit von Pharmakonzernen in aller Welt, neue Mittel zur Marktreife zu bringen, ein lohnendes Thema. Denn Arzneimittelhersteller fürchten nicht von ungefähr ein „Patentcliff“, hinter dem die Umsätze steil abstürzen dürften, falls günstigere Nachahmermittel die Originalpräparate nach Patentablauf zurückdrängen sollten. Besondere Verdienste könnte sich das House of Pharma auch auf einem anderen Gebiet erwerben. Geht es nach Jochen Maas, den Frankfurter Forschungschef von Sanofi, wird es sich mit Pharmako-Ökonomie befassen und im weiteren Sinne an das Kongressthema „Kostenfaktor Gesundheit“ anknüpfen.

          Wissenschaftliche Arbeit etwa zu der Erstattung von Gesundheitskosten, zur Wirtschaftlichkeit in der Pharmabranche und -forschung - dergleichen gibt es bisher anderorts noch nicht, wie Maas sagt. „Wenn das House of Pharma an dieser Stelle ansetzen würde, wäre dies ein extrem glücklicher Startpunkt, um mit großen Pharmakonzernen zusammenzuarbeiten.“ Maas lobt das House of Pharma als sehr gute Initiative. Er verhehlt aber nicht, dass es aus Sicht von Sanofi in Konkurrenz zu Anbietern wie der Havard Medical School steht, wenn es um eine Kooperation geht. Außer Sanofi in Höchst haben in der jüngeren Vergangenheit mehrere Pharmaunternehmern aus dem Frankfurter Raum und andernorts in Deutschland ein Interesse an der neuen Einrichtung signalisiert. Darunter sind Fresenius aus Bad Homburg und Mundipharma, ein Mittelständler aus Limburg, aber auch Merck aus Darmstadt.

          Pharmastandort Rhein-Main stärken

          Auch der Blutproduktehersteller Biotest aus Dreieich will am Pharmahaus mitbauen. Wie eine Sprecherin sagte, gibt das börsennotierte Unternehmen Geld für ein Graduiertenkolleg an der Frankfurter Universität und fördert 15 Stipendiaten sowie zwei Doktoranden. Dies will Biotest als Beitrag zum House of Pharma verstanden wissen.

          Wann aus der virtuellen Immobilie einmal ein wirkliches Haus wird, steht in Zeiten der Schuldenbremse für den Landeshaushalt dahin. Immerhin verwies der neue Wirtschaftsminister Florian Rentsch (FDP) erst im Juni in Frankfurt auf laufende Gespräche. Auf Nachfrage hob er zudem hervor, die Biotechnologe sowie die im Rhein-Main-Gebiet traditionell starke Chemie- und Pharmabranche zu Schwerpunkten seiner Arbeit machen zu wollen.

          Das House of Pharma soll ungeachtet der Immobilienfrage einen Beitrag dazu leisten, den Pharmastandort Rhein-Main zu stärken. „Wir wollen ein guter Kooperationspartner sein, aber auch Patente aus der Universität weiterentwickeln“, hebt Geißlinger hervor. So arbeiteten die 15 Wissenschaftler in der Fraunhofer-Projektgruppe auch an „der gesamten Wertschöpfungskette entlang“. Dessen ungeachtet soll das Pharmahaus nach seiner Meinung aber eines nicht werden: ein Lobbyverein für Arzneimittelfirmen.

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