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„Gemeinsam gegen einsam“ : Hilfe auf drei Rädern

Lieferdienst: Biliana Kozic und Ioannis Triantafidillis versorgen Obdachlose im Frankfurter Ostpark. Bild: Cabrera Rojas, Diana

Menschen ohne Zuhause trifft die Pandemie besonders – sie haben keinen Rückzugsort, oft fehlt es am Nötigsten. Aber auch sie werden unterstützt.

          3 Min.

          Die 70 Kilogramm drückt Ioannis Triantafillidis locker. Der Bornheimer radelt flott auf dem geliehenen Lastenrad Richtung Ostpark, in der Kiste vor seinen Knien warten 70 Flaschen Wasser und Limo darauf, einen neuen Besitzer zu bekommen. Triantafillidis – groß, dunkles Haar, laute Stimme hinter der Maske – verteilt an diesem milden Samstagmittag mit seiner Frau Getränke und Lunchpakete an Menschen in der Stadt, die diese Unterstützung dringend brauchen. Berührungsängste hat er nicht: Auf der Ostparkstraße, kurz hinterm Ostbahnhof, sieht er auf der anderen Seite einen älteren Mann in zerschlissenen Hosen, der dort mit seinem Wägelchen entlangzieht. „Gude!“, ruft Triantafillidis, bremst das sperrige Dreirad sofort ab und fragt, welches Getränk er möchte. Biliana Kozic, auf einem zweiten Lastenrad hinter ihrem Mann, reicht ihm eine Tüte mit Bananen und Nektarinen, dazu ein Brötchen.

          Theresa Weiß

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Kozic und Triantafillidis machen ehrenamtlich bei der Aktion „Gemeinsam gegen einsam“ mit. Die Initiative der Bernd-Reisig-Stiftung bringt an den Wochenenden, an denen es weniger Angebote für Obdachlose gibt, Essen zu Bedürftigen. Bernd Reisig hat sich das ausgedacht: „Ich war am Gründonnerstag im Bahnhofsviertel unterwegs, und das ist erschreckend.“ Menschen ohne Wohnung, Geld und Job haben es in der Corona-Krise schwer: Kaum jemand ist auf den Straßen unterwegs, also können sie nicht betteln, keinen Pfand mehr sammeln und nicht einmal klauen, weil die Läden zu sind – so habe es ihm ein Obdachloser erzählt, den er angesprochen habe, sagt Reisig. Das Wasser, das er dabei hatte, habe ein Mann vor seinen Augen in einem Zug ausgetrunken.

          Mehr als 400 ehrenamtliche Helfer

          Eigentlich sind die Obdachlosen in der Stadt gut versorgt, ist vom Frankfurter Verein zu hören, der den Kältebus und Obdachlosenunterkünfte betreibt. 170 Menschen leben auf der Straße, jeder wird täglich von einem Sozialarbeiter aufgesucht. Hungern müsste eigentlich keiner, und es gebe auch für jeden einen Schlafplatz. Doch es ist nicht immer leicht, Kontakt zu den Betroffenen herzustellen.

          Reisig traf sich mit einigen Hilfsorganisationen und entschied, dass er etwas tun wollte. Er rief die Helferplattform ins Leben, organisierte Spenden von Betrieben wie Hassia, der Bäckerei Huck, der Lohrberg-Schänke. Weil die Mitarbeiter der Organisationen, die den Ärmsten in der Stadt helfen, an den Wochenenden seltener unterwegs sind, suchte er Helfer, die Samstag und Sonntag die Lebensmittel per Lastenrad ausfahren. Bis zum ersten Samstag hatten sich mehr als 400 Helfer gemeldet. Zwei davon sind Kozic und Triantafillidis. Sie engagierten sich eigentlich ehrenamtlich bei der Eintracht, berichten sie. „Aber da ist ja grad nichts“, sagt Triantafillidis.

          Dankbarkeit und Freundlichkeit

          Jeweils zu zweit fahren mehrere Teams zu den Orten in der Stadt, an denen sich Obdachlose aufhalten. Das Bahnhofsviertel ist dabei, natürlich. Kozic und Triantafillidis haben das Ostend zugeteilt bekommen. In den Kästen der dreirädrigen E-Bikes lagern die Lunch-Portionen. Erste längere Station: die Obdachlosenunterkunft im Ostpark. Dort können Menschen ohne Zuhause zwar unentgeltlich schlafen, doch für Essen wird nicht gesorgt. Triantafillidis schellt mit der Fahrradklingel, als er auf den Bau zusteuert. Ein paar Bewohner kommen heraus, nähern sich den Lastenrädern. „Abstand bitte“, poltert Triantafillidis. „Gibt es Bier?“, fragt ein junger Mann. „Bier? Skandal! Ham wer nicht!“, gibt Triantafillidis zurück und lacht. Der Mann nimmt eine Limo.

          Da stürmt Hassia aus der Unterkunft, im wallenden bodenlangen Nachthemd. Hassia hat gehört, dass es Hassia-Getränke gibt, und zeigt allen seinen Personalausweis, um zu beweisen, dass er wirklich genau so heißt. Er nimmt gern eine Flasche und ein Lunchpaket, bedankt sich bei den Helfern und dreht sich eine Zigarette. „Ich hab Rente“, sagt er, darum sei es für ihn nicht so schlimm. Aber er hat keine Wohnung, darum schläft er in der Unterkunft. Wie da die Stimmung so ist? „Ein Irrenhaus“, sagt er, lächelt aber.

          Die Lastenräder rollen weiter Richtung Europäische Zentralbank, vorne Triantafillidis voller Energie, mit etwas Abstand Kozic. Sie freut sich, dass die Leute so freundlich sind und die Hilfe gern annehmen. Auf dem Weg zum Bankenturm hält das Paar noch einige Male. Der junge Mann, dem sie vor der ehemaligen Kleinmarkthalle Obst und Brötchen zuwerfen, kann kein Deutsch und bedankt sich nicht. Aber das spielt keine Rolle.

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