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Nach tödlichem Angriff : Mutmaßlicher Bahnhofstäter wurde seit mehreren Tagen gesucht

  • Aktualisiert am

Bild: Reuters

Der mutmaßliche Täter von Frankfurt war in der Schweiz zur Festnahme ausgeschrieben. Er soll eine Nachbarin bedroht haben – und war wohl in psychiatrischer Behandlung. Dem Eritreer wurde 2008 in der Schweiz Asyl gewährt, er galt als gut integriert.

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          Der mutmaßliche Angreifer vom Frankfurter Hauptbahnhof, der einen achtjährigen Jungen und seine Mutter vor einen Zug gestoßen haben soll, ist nach Angaben der Bundespolizei in der Schweiz zur Festnahme ausgeschrieben gewesen. Der Tatverdächtige hatte am vergangenen Donnerstag seine Ehefrau und die drei gemeinsamen Kleinkinder im Alter von ein, drei und vier Jahren sowie eine Nachbarin in ihren Wohnungen in Wädenswil eingesperrt. Zuvor hatte er demnach die Nachbarin tätlich angegriffen und sie verbal sowie mit einem Messer bedroht, wie Bundespolizeipräsident Dieter Romann am Dienstag in Berlin sagte.

          Dies habe die Schweiz „zum Anlass genommen, ihn national zur Festnahme auszuschreiben“. Laut Polizei gaben sowohl die Nachbarin als auch seine Ehefrau an, dass dieser Gewaltausbruch des Mannes für sie überraschend gewesen sei. „Sie sagten übereinstimmend aus, dass sie ihn noch nie so erlebt hätten“, sagte ein Polizeisprecher.

          Der 40 Jahre alte Verdächtige sei aber auch im Vorfeld mit entsprechenden Delikten bereits in der Schweiz auffällig gewesen, sagte Romann. Zudem war er nach Angaben der Züricher Kantonspolizei in psychiatrischer Behandlung – bei der Hausdurchsuchung seien Dokumente gefunden worden, die darauf schließen lassen. Der Tatverdächtige arbeitete den Angaben zufolge seit Januar 2019 nicht mehr. Er war wegen psychischer Probleme krankgeschrieben. Hinweise auf eine Radikalisierung oder ideologische Motive des mutmaßlichen Täters seien bei den Ermittlungen und der Hausdurchsuchung nicht gefunden worden.

          Zur Person des mutmaßlichen Täters sagte Romann weiter, er sei 1979 in Eritrea geboren, verheiratet und Vater dreier Kinder. Seinen Wohnsitz habe er in der Schweiz. 2006 sei der Mann unerlaubt in die Schweiz eingereist und habe dort Asyl beantragt, was ihm zwei Jahre später gewährt worden sei. „Er besitzt seitdem in der Schweiz die Niederlassungsbewilligung der Kategorie C, das heißt gut integriert“, sagte Romann. Der Verdächtige sei einer festen Arbeit nachgegangen, „aus Sicht der Ausländer- und Asylbehörden in der Schweiz vorbildlich“. Der Mann sei in Publikationen sogar als Beispielfall gelungener Integration genannt worden, sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU).

          Tatmotiv noch unklar

          Der Mann soll am Montagvormittag am Frankfurter Hauptbahnhof einen Achtjährigen und seine Mutter vor einen einfahrenden ICE gestoßen haben. Die Mutter konnte sich nach dem Sturz abrollen und auf einen schmalen Fußweg zwischen zwei Gleise retten. Ihr Sohn wurde vom Zug erfasst und erlag am Tatort seinen Verletzungen. Der Angreifer versuchte zudem, eine 78 Jahre alte Frau in die Gleise zu stoßen, die sich aber in Sicherheit bringen konnte.

          Unklar ist weiter, ob der Mann nach Frankfurt gereist sei, um die Tat zu begehen. „Er hat angegeben, er sei vor wenigen Tagen von Basel mit dem Zug nach Frankfurt gefahren“, sagte die Sprecherin der Frankfurter Staatsanwaltschaft, Nadja Niesen.

          Der Tatverdächtige wurde am Dienstag dem Haftrichter vorgeführt und muss nun in Untersuchungshaft, wie eine Sprecherin der Frankfurter Staatsanwaltschaft gegenüber der F.A.Z. bestätigte. Ihm wird Mord und versuchter Mord in zwei Fällen vorgeworfen. Erkenntnisse zum Tatmotiv gibt es bisher nicht: Der Verdächtige habe noch keine Angaben zum Tatgeschehen gemacht. Hinweise, dass der Mann unter Alkohol oder Drogeneinfluss gestanden habe, habe die Staatsanwaltschaft bislang nicht. Eine erste Atemkontrolle auf Alkohol nach der Tat habe 0,0 Promille ergeben, sagte die Sprecherin.

          Debatte über Sicherheit an Bahnhöfen

          Zur Frage nach dem Gesundheitszustand des Verdächtigen sagte sie: „Die Tat spricht ja schon dafür, dass man an eine psychische Erkrankung denkt.“ Geplant seien psychiatrische Gutachten, um zu ermitteln, inwieweit der Mann schuldfähig war.

          Am Tatort herrschte am Dienstag Entsetzen. Zahlreiche Menschen legten am Bahnsteig 7 des Hauptbahnhofs Blumen, Kerzen und kleine Teddybären nieder. Am Abend soll es im Bahnhof eine öffentliche Andacht geben, an der Vertreter von katholischen und evangelischen Gemeinden teilnehmen werden.

          Die Attacke im Hauptbahnhof löste auch eine Debatte über die Sicherheit an Bahnhöfen aus. Der CDU-Innenpolitiker Philipp Amthor sagte: „Nach dieser furchtbaren Straftat braucht es jetzt rasche und spürbare Konsequenzen für den Täter. Zusätzlich zum Strafverfahren sollten auch aufenthaltsbeendende Maßnahmen diskutiert werden. Darüber hinaus bin ich offen für eine Diskussion über bessere Sicherheitsvorkehrungen an unseren Bahnhöfen.“ Der SPD-Verkehrsexperte Martin Burkert bemängelte in der „Bild“-Zeitung eine unzureichende Aufsicht an den Bahnsteigen, außerdem fehle es an den Bahnhöfen an Bundespolizisten.

          Passanten und Bahnmitarbeiter legen Blumen und Kerzen in der Nähe des Tatorts am Frankfurter Hauptbahnhof nieder.

          Der stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jörg Radek, warnte unterdessen vor Nachahmungstätern. Aus Großstädten wie Berlin seien Fälle sogenannter S- und U-Bahn-Schubser schon länger bekannt. „Die Polizei versucht sich nach jedem Fall präventiv besser einzustellen. Bei Taten, die vorsätzlich geschehen, stößt sie jedoch an ihre Grenzen“, sagte Radek dem RND. Angesichts von 5600 Bahnhöfen und Haltestellen in Deutschland dürfe nicht mit schnellen Lösungen gerechnet werden. „Die sind alle so unterschiedlich strukturiert, dass es schwer sein dürfte, ein Konzept für alle zu entwickeln.“ Forderungen nach mehr Personal bezeichnete der GdP-Vize als unseriös.

          Eritreische Gemeinde in der Schweiz schockiert

          Die eritreische Gemeinschaft in der Schweiz zeigte sich schockiert. Die Menschen seien zutiefst bestürzt, sagte Yonas Gebrehiwet, Mediensprecher des Eritreischen Medienbund Schweiz (EMBS), am Dienstag der Online-Ausgabe der Zeitung „Blick“. Dass ein Kind gestorben ist, sei einfach schrecklich. Die Gemeinschaft fürchte nun die Reaktionen aus der Schweizer Gesellschaft: „Wir haben Angst, dass das Geschehene gegen uns eingesetzt wird“, sagte Gebrehiwet weiter. „So etwas wird benutzt, um Angst und Hass zu verbreiten. Es wird dadurch wieder Öl ins Feuer gegossen.“

          Die Schweiz hat mit mehr als 30.000 Eritreern eine der größten Gemeinschaften aus diesem afrikanischen Land. Der Eritreische Medienbund Schweiz, gegründet 2015, versteht sich als Sprachrohr dieser Gemeinschaft.

          Die Eritreer in der Schweiz seien wütend auf den Mann, sagte der Sprecher. Gebrehiwet meinte enttäuscht: „Wir selbst setzten uns für eine gerechtere Gesellschaft ein und dann passiert so etwas.“ Der Frankfurter Fall erinnert an eine Attacke, die sich vor gut einer Woche in Voerde in Nordrhein-Westfalen ereignet hatte: Dort hatte ein Mann eine Frau an einem Bahnhof vor einen Zug gestoßen und so getötet.

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