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Nach Mord in Frankfurt : „Die Angst ist da, dass die Stimmung kippt“

Das Konsulat des Staates Eritrea in der Frankfurter Lyoner Straße Bild: Wolfgang Eilmes

Nach dem Mord am Frankfurter Hauptbahnhof wächst in der eritreischen Gemeinde die Sorge vor Fremdenfeindlichkeit. Ein Besuch am eritreischen Konsulat.

          2 Min.

          Sie liest Nachrichten auf dem Smartphone, während sie darauf wartet, dass die Fußgängerampel endlich auf Grün schaltet. Unter den Schlagzeilen ist auch eine Zusammenfassung des Mordanschlags auf einen acht Jahre alten Jungen und dessen Mutter am Hauptbahnhof. Die Frau an der Ampel beginnt zu lesen, schüttelt immer wieder den Kopf, liest weiter. Die erste Grünphase hat sie verpasst.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vor wenigen Minuten erst ist sie aus dem Generalkonsulat des Staates Eritrea gekommen. Es hat seinen Sitz in einem Gebäude in der Niederräder Bürostadt. Sie habe dort noch etwas erledigen müssen, sagt die 50 Jahre alte Frau, die aus Eritrea stammt. Wieder schaut sie auf ihr Handy. Das, was da am Montagmorgen geschehen sei, lasse sie nicht mehr los. „Ich bin selbst Mutter von zwei Kindern. Mich schockiert das“, sagt sie. Dass der mutmaßliche Täter, genau wie sie, eritreische Wurzeln hat, erfährt sie erst an diesem Morgen. „Ich habe mich noch gar nicht mit dem Täter auseinandergesetzt, sondern nur das Leid der Mutter gesehen“, sagt sie. Und das nehme ihr förmlich die Luft zum Atmen. Sie schließt die Nachrichtenseite auf ihrem Handy. Die Ampel schaltet auf Grün. Sie geht los, dreht sich um und sagt noch: „Wenn meine Kinder aus dem Haus gehen, bete ich immer, dass ihnen nichts passiert.“

          „Ein normaler Mensch macht doch sowas nicht“

          Vor dem Konsulat parkt ein 63 Jahre alter Mann gerade sein Auto. Er ist mit seiner Tochter aus Heidelberg angereist. Sie soll in den nächsten Wochen die Großmutter in Eritrea besuchen. Da seine Tochter nur einen deutschen Pass habe, müsse sie für solche Reisen vorher zum Konsulat, um ein Visum zu beantragen, erklärt er. Beide, Vater und Tochter, haben von dem Vorfall in Frankfurt gelesen, beide sind schockiert. „Ein normaler Mensch macht so etwas doch nicht“, sagt der Mann. Seine 30 Jahre alte Tochter zeigt sich ebenfalls bestürzt. Unter die Betroffenheit mischt sich bei ihr noch Unsicherheit. „Es löst Angst aus, was da noch auf einen zukommen mag.“ Sie fürchtet, dass die Fremdenfeindlichkeit weiter zunehmen, Rechtspopulisten das Geschehene für ihre Zwecke missbrauchen könnten.

          Dieses Gefühl der Verunsicherung kennt auch eine 35 Jahre alte Frau, die gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter aus dem Konsulat kommt. Sie habe ein Visum für ihre nächste Reise beantragt, die sie auch nach Eritrea führe, erzählt die junge Mutter mit äthiopischen Wurzeln. Seit den Geschehnissen am Montagmorgen habe das Gefühl zugenommen, fremd in dem Land zu sein, das sie eigentlich ihre Heimat nennt. „Ich habe Angst, aufgrund meiner Hautfarbe vorverurteilt zu werden“, sagt sie. Schon der Anschlag auf einen jungen Eritreer in Wächtersbach habe sie verstört. Das Gefühl, jederzeit Opfer von rassistischen Übergriffen werden zu können, lähme. Dass nur wenige Tage später ein Eritreer eine solche Tat begangen haben soll, sei doch für viele „Wasser auf die Mühlen“. Die Tat eines Einzelnen dürfe nicht genutzt werden, um pauschal Kritik an Ausländern zu üben, fordert sie.

          Ähnlich sieht das Aklilu Ghirmai. Er ist in Frankfurt sowohl in der Flüchtlingshilfe als auch in der Eritreischen Gemeinde aktiv. Einen Tag nach der Tat ist er in Wiesbaden auf einer Konferenz der „Eritrean People’s Democratic Party“, einer Partei, die sich für den politischen Wandel in Eritrea einsetzt. Viele Mitglieder aus aller Welt sind angereist – und sie alle haben gestern Morgen über das diskutiert, was sich nur wenige Kilometer von ihnen entfernt abgespielt hat.

          Weltweit, so Ghirmai, hätten die Medien den Fall aufgegriffen. „Es war den ganzen Morgen Thema“, sagt der 52 Jahre alte Familienvater. „Die Tat ist unvorstellbar. Alle sind betroffen. Man muss hoffen, dass das alles schnell aufgeklärt wird.“ Gleichzeitig habe auch er die Befürchtung, dass der Mord das Zusammenleben nachhaltig verändern, dass Fremdenhass zunehmen könnte. „Die Angst ist da, dass die Stimmung kippt. Jeder guckt sich irgendwie um“, sagt er. Die Parteimitglieder wollen laut Ghirmai ein Kondolenzschreiben aufsetzen. Nicht, weil viele von ihnen sich durch die Tatsache, dass sie den gleichen Pass wie der Täter hätten, dazu verpflichtet fühlten. Vielmehr gehe es darum, ehrliches Mitgefühl auszudrücken.

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