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Frankfurt : Ein Gottesacker soll nicht zum Spielplatz werden

Ruhepol: Blick auf den Frankfurter Hauptfriedhof Bild: Wohlfahrt, Rainer

Die Frankfurter wollen alle ihre 36 Friedhöfe behalten. Neuen Nutzungen stehen sie skeptisch gegenüber. Das hat eine Umfrage ergeben.

          Die große Mehrheit der Frankfurter weiß gar nicht, dass die Stadt 36 Friedhöfe betreibt, in nahezu jedem Stadtteil einen. Und fast jeder dritte Teilnehmer einer repräsentativen Umfrage hat noch nie einen Fuß auf einen der städtischen Leichenäcker gesetzt. Dennoch hat mehr als die Hälfte der Befragten angegeben, sie seien überzeugt, dass man auch noch in hundert Jahren städtische Friedhöfe brauche und möglichst in jedem Stadtteil einen haben solle. Die Umfrage war vom Umweltdezernat 2013 im Zusammenhang mit der Bürgerbefragung beim Statistikamt in Auftrag gegeben worden. Jetzt sind die Resultate veröffentlicht worden.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Die Grünen) zeigen die Ergebnisse, dass Friedhöfe auch für Menschen, die sie selten aufsuchen, noch eine große Bedeutung haben. „Der Friedhof bleibt ein besonderer Ort, dessen Wert sich nicht über den Immobilienmarkt bestimmt.“ Heilig ist nun überzeugt, dass „die Frankfurter Friedhöfe eine Zukunft haben, trotz aller Veränderungen in der Bestattungskultur“.

          Viele wählen eine Urne im Wald

          Anlass der Umfrage war, dass die Friedhofsgebühren, die die Stadt einnimmt, seit einigen Jahren nicht mehr die Kosten decken. Grund ist eine veränderte Bestattungskultur. Statt des Friedhofs wählen viele den Friedwald oder entscheiden sich für eine Seebestattung. In Frankfurt ist deshalb die Zahl der Beisetzungen während der vergangenen 15 Jahre stark zurückgegangen: 1999 erhielten noch 6220 Menschen auf den städtischen Friedhöfen ein Grab, 2011 waren es 4770. Und von denjenigen, die ihre letzte Ruhestätte in Frankfurt finden, wird heute nur noch ein Drittel in Särgen beigesetzt. Für die anderen wählen die Angehörigen die kleineren und damit preiswerteren Urnengräber.

          Damit bleiben der Friedhofsverwaltung viele freie Flächen, die nicht mehr genutzt werden, aber trotzdem Pflege brauchen. Deshalb ist im Gebührenhaushalt seit 2011 bis zu Beginn dieses Jahres ein Defizit von 4,4 Millionen Euro aufgelaufen. Als ersten Schritt hat Heilig zum 1. Januar die Friedhofsgebühren um durchschnittlich 25 Prozent erhöht. Außerdem hat sie vor einem Jahr auf einem Symposion das Gespräch mit Bürgern und Kommunalpolitikern aufgenommen, um über die Zukunft der Frankfurter Friedhöfe zu diskutieren.

          Ein Kasseler Landschaftsarchitektenbüro wurde beauftragt, unter dem Stichwort „Friedhof 2020“ einen Entwicklungsplan auszuarbeiten. Er soll Vorschläge dazu enthalten, ob die Stadt möglicherweise einzelne Friedhöfe schließen soll oder wie andernorts die mittlerweile freien Flächen genutzt werden könnten. Auf dem Hauptfriedhof etwa werden nach ersten Schätzungen rund 40 Prozent des Areals nicht mehr für Gräber benötigt.

          Die Idee, Teile etwa des Hauptfriedhofs zu entwidmen und für Wohnhäuser zu nutzen, stößt bei den Frankfurtern auf wenig Zustimmung. Nur 13 beziehungsweise 15 Prozent der Befragten können sich eine Wohnbebauung oder die Errichtung von Kindertagesstätten auf ehemaligem Friedhofsgelände vorstellen. Skeptisch werden auch Kulturveranstaltungen auf Friedhöfen beurteilt, und noch kritischer wird die Schaffung von Spielplätzen gesehen.

          Stärker gärtnerisch gestalten

          Ein Trauercafé an einem solchen Ort zu eröffnen, halten dagegen 42 Prozent für eine gute Idee, während sich ein Viertel der Befragten mit dieser Vorstellung nicht anfreunden kann. Mehr als ein Drittel würde es stören, wenn ein Friedhof auch als Bestattungsort für Tiere genutzt würde.

          Dass sich die Bestattungskultur weiter verändern wird, es immer mehr Urnenbestattungen und weniger Beisetzungen im Sarg geben wird, das erwartet die Mehrheit der Befragten. Auch nehmen viele an, dass Friedwälder als Bestattungsorte weiterhin gefragt bleiben und sogar noch begehrter werden.

          Die Mehrheit wünscht sich, dass die Friedhöfe künftig stärker gärtnerisch gestaltet und als Parks genutzt werden können. Die Bereitschaft, selbst an der Pflege der Anlagen mitzuwirken, hält sich dagegen in engen Grenzen. Die meisten sehen in den Friedhöfen Orte, die wichtig sind zum Trauern, die Ruhe ausstrahlen und „ein Park für die Seele“ sein sollen. Nur für ein Drittel der Umfrageteilnehmer haben Friedhöfe auch einen kulturellen Wert.

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