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Online-Gottesdienst : Gemeindegründung im Internet

  • -Aktualisiert am

Netz-Pfarrer: Rasmus Bertram. Bild: Wolfgang Eilmes

Warum jeden Sonntag in die Kirche zum Gottesdienst, wenn man diesen auch online feiern kann? Ein Pfarrer arbeitet an einer „neuen Kultur des Gottesdienstes“ und muss dafür manche Hürde nehmen.

          Drei Jahre hat Rasmus Bertram Zeit. Dann entscheidet sich, ob seine Kirche sein Projekt fördert oder nicht. „Der Erfolgsdruck ist schon extrem“, sagt der Frankfurter Pfarrer. Zugleich aber ist er zuversichtlich, dass sein Vorhaben Erfolg haben wird. Bertram will eine Gemeinde aufbauen, die per Internet regelmäßig Gottesdienst feiert. Nicht so, dass man dem Pfarrer nur zuschaut, sondern mit der Chance, sich direkt zu beteiligen. „Das ist eine völlig neue Kultur des Gottesdienstes und eine große Bereicherung“, sagt Bertram.

          Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hat ihn für das Projekt mit einer halben Stelle freigestellt, um die Finanzierung musste sich Bertram allerdings selbst kümmern. Der Geldgeber für drei Jahre ist der kirchennahe, ökumenische Verein Andere Zeiten. Mit der zweiten halben Stelle ist Bertram Pfarrer der Auferstehungsgemeinde in Kriftel, wofür er regulär aus Kirchenmitteln bezahlt wird. Die EKHN sieht in Bertrams Internet-Arbeit ein „spannendes Experiment“, wie ein Sprecher sagt. Knapp drei Monate kümmert sich der Pfarrer nun intensiv um das Projekt, in das er aber schon einige Erfahrungen mitbringt. Als Pfarrer in der Frankfurter Jugendkulturkirche St. Peter begann er vor gut vier Jahren, dieses Format zu entwickeln. Fanden bisher nur zwei Feiern dieser Art im Jahr statt, soll es nun in Etappen bis zu einem wöchentlichen Angebot gehen.

          Sofortiges Feedback zum Gottesdienst

          Auch die Zahl der Gottesdienst-Teilnehmer soll steigen. Das bedeutet auch, eine neue Software zu entwickeln, mit deren Hilfe sich möglichst viele mit ihren Beiträgen beteiligen können. Zum Beispiel mit Gedanken zum Thema des jeweiligen Gottesdienstes. Bisher haben das 100 bis 150 Menschen genutzt. Ein Redaktionsteam liest die Mitteilungen und gibt eine Auswahl an Bertram und seinen Pfarrer-Kollegen Mickey Wiese weiter, so dass sie darauf reagieren können. Beispiele dafür sind auf der Internet-Seite www.sublan.tv zu sehen.

          Das verlangt von den beiden in den live übertragenen Gottesdiensten viel Flexibilität, anders als es von Pfarrern in einem herkömmlichen Gottesdienst gefordert ist. Außerdem können die Teilnehmer im Internet auch anklicken, ob ihnen die Feier gerade gefällt oder sie langweilt. Für Bertram ebenfalls ein wichtiges Feedback, auf das er sofort reagieren kann und will. Je nachdem, welchen Schwerpunkt der Gottesdienst innerhalb des vorgegebenen Themas bekommt, wird von den vorher aufgezeichneten Bibellesungen jene eingespielt, die am besten passt.

          Suche nach einem Studio schwierig

          Der große Vorteil dieses Gottesdienstformats ist für Bertram, dass die Mitfeiernden „persönlich wahrgenommen“ würden und ihre Erfahrungen mitteilen könnten. Die Teilnehmer können auch Gebetsanliegen schreiben, die, so sie das wollen, vorgetragen werden. Ein anderes Team von Mitarbeitern steht den Gläubigen in einem Seelsorge-Chat zur Verfügung. In dieser Form der Beteiligung sieht Bertram ein wichtiges protestantisches Prinzip realisiert: das Priestertum aller Gläubigen. Als Pfarrer wolle er den Menschen und ihren Anliegen „Raum geben“.

          Zum Kernteam Bertrams gehören acht Mitarbeiter, die sich auch um die technische Realisierung des Projekts kümmern. Insgesamt wirken an einem Gottesdienst rund 40 Personen mit. Die Feiern wurden bisher aus der Jugendkulturkirche St. Peter übertragen, wofür jedes Mal ein eigenes Studio eingerichtet werden musste. Nun ist Bertram auf der Suche nach einem Raum, in dem das technische Equipment bleiben kann. Noch hat seine Suche keinen Erfolg gehabt, auch die nach einer weiteren finanziellen Unterstützung nicht. Eigentlich wollte Bertram zu Ostern einen Gottesdienst im Netz anbieten, doch ohne einen geeigneten Raum geht das nicht. Er und sein Team würden lieber heute als morgen damit beginnen weiterzumachen. Es ist schon fast ein Jahr her, dass der letzte Gottesdienst dieser Art gefeiert wurde.

          Kein Ersatz für die herkömmliche Feier

          Nach Frankfurt war Bertram mit der Anstellung in St. Peter gekommen. 2005 war das. Dort war er für Gottesdienste zuständig, nicht nur für jene im Internet. Aufgewachsen ist er in Sachsen-Anhalt, hat Schauspiel und Theologie studiert. Er war unter anderem Jugendpfarrer im Kirchenkreis Eisleben und als Schauspieler in Leipzig tätig.

          So sehr sich der Einundfünfzigjährige für seine Form der Internet-Feier engagiert, so wenig sieht er ihn als Ersatz für die herkömmliche Art des Gottesdienstes. Er schätzt es durchaus, als Pfarrer in Kriftel für einen Gottesdienst „zusammenhängend an einem Thema arbeiten zu können“. Dennoch fehlt ihm in der Kirche die „Bereicherung, dass die Leute mit ihren Beiträgen etwas draufsetzen können“. Und noch aus einem weiteren Grund findet er die Internet-Gottesdienste wichtig. „Wir fischen in den 97 Prozent der Gläubigen, die sonntags nicht in die Kirche gehen.“ Tatsächlich besuchen nach einer Statistik der Evangelischen Kirche in Deutschland in der Regel 3,5 Prozent der Kirchenmitglieder einen Gottesdienst, sieht man einmal von Heiligabend ab, wenn es 36 Prozent sind.

          Fraglich, wie Abendmahl ablaufen kann

          Dass die Gottesdienste, die Bertram und sein Team bisher angeboten haben, zu wortlastig sind, weiß der Pfarrer - und arbeitet daran, das zu ändern. Etwa mit Hilfe von Videos, die mehr Sinne ansprechen sollen, wie er sagt. Solche Clips herzustellen ist aufwendig. Deswegen ist Bertram froh, dass er sein Büro im Medienhaus der EKHN hat, das in Frankfurt steht, und die Kompetenz seiner Kollegen nutzen kann. Offen ist noch, inwieweit rituelle Vollzüge wie die Feier des Abendmahls gut per Internet gefeiert werden können.

          Die Gottesdienste, für die es Bertram zufolge keine Vorbilder gibt, sieht er nicht nur als ein Angebot für Jugendliche. Sehe man einmal von älteren Menschen ab, habe heute nahezu jeder ein Mobiltelefon, über das man die Feier auch verfolgen und sich an ihr beteiligen könne, sagt der Pfarrer. „Das ist etwas für jeden, der sich öffnen will.“

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