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Textverständnis : Schluss mit der schweren Sprache

  • -Aktualisiert am

Buchstabensalat: Vielen Menschen fällt es schwer, komplizierte Texte zu erfassen. Bild: dpa

40 Prozent der Deutschen haben Probleme mit komplizierten Texten, so eine Studie der Universität Hamburg. Eine Firma aus Frankfurt will diese Texte übersetzen - in leichte Sprache.

          Mehr als 20 Millionen Bürger in Deutschland könnten diesen Text nicht verstehen – Kinder und Jugendliche nicht eingerechnet. Seine Sätze sind zu lang, er enthält zu viele Fremdwörter, für manchen Leser ist die Schrift zu klein und das Aussehen des Texts zu unübersichtlich. Glaubt man einer Studie der Uni Hamburg, können 40 Prozent der Deutschen im arbeitsfähigen Alter nicht richtig lesen und schreiben.

          Vieles verstehen sie nicht, seien es Briefe von Behörden oder Botschaften von Unternehmen. „Wir müssen uns eingestehen, dass viele Texte, die die Öffentlichkeit prägen, an den Menschen vorbeigehen“, sagt Wolfgang Rhein. Der Geschäftsführer der Praunheimer Werkstätten will das ändern. Die neu gegründete Firma „Capito Frankfurt“ bietet unter anderem Übersetzungsdienste an – von komplizierter Sprache in leichte Sprache. Gedacht ist diese Dienstleistung etwa für Unternehmen und Behörden.

          Korrekt, aber nicht banal

          Schwierig daran sei vor allem, die Sprache so zu vereinfachen, dass sie nicht banal werde und den Inhalt noch korrekt wiedergebe, sagt Rhein. Wie der Text gestaltet sein müsse, hänge entscheidend von der Zielgruppe ab. Deshalb muss jede Capito-Übersetzung fortan einen Test überstehen: Eine Prüfkommission entscheidet, ob er verständlich ist. Geht es etwa um eine Bedienungsanleitung, die auch Senioren helfen soll, prüfen Ältere den Text. Wenn Rhein demnächst die Verträge für die geistig behinderten Klienten der Werkstätten überarbeiten lässt, werden auch sie erst diesen Test bestehen müssen.

          Zwar sind laut der Hamburger Studie nur rund 300.000 Deutsche Analphabeten, doch kommen allein sieben Millionen funktionale Analphabeten hinzu. Sie scheitern daran, längere Texte zu verstehen. Weitere gut 13 Millionen Erwachsene erreichen nicht das Lese- und Schreibniveau, das sie eigentlich am Ende der Grundschule haben sollten. Ausgedrückt im internationalen Verständnisniveau für Sprachen, erreichen neun von zehn Erwachsenen nicht mehr als die Stufe B2. Dafür sind aber knapp 70 Prozent aller Texte von Firmen und Behörden auf dem höheren Niveau C1 geschrieben.

          Probleme oft im Arbeitsleben

          Zwar fördert die Bundesregierung eine Kampagne für die Alphabetisierung von Erwachsenen. Doch Rhein meint, dass man auch von der anderen Seite ansetzen müsse. Man könne einem Einbeinigen schließlich auch nicht ständig sagen, er solle endlich laufen lernen. „Ein Aufzug hilft ihm viel mehr.“ Barrieren in der Kommunikation abzubauen sei essentiell, vor allem in einer Demokratie. „Sonst schließen wir einander aus.“

          Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld hat die Gründung von Capito unterstützt. Die CDU-Politikerin glaubt, dass die Zahl derjenigen, die auf Texte in leichter Sprache angewiesen sind, eher noch steigen wird. So hätten Flüchtlinge in der Regel nur Anspruch auf Sprachkurse bis zur Stufe B1. Vor allem im Arbeitsleben seien sie daher zunächst mit vielen Texten überfordert. Birkenfeld sagt: „Wenn Menschen sich untereinander nicht verstehen, ist das ein Ausschluss von Teilhabe.“

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