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Abschied von Frankfurt : Ein Adieu an die Stadt ohne Mitte

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Da lacht der Mülleimer: Frankfurt hat sich gemacht, aber es gibt noch Optimierungspotential – wie hier am Mainufer. Bild: Helmut Fricke

Wie lange dauert es, bis man Frankfurt lieben lernt? 15 Jahre sagen einige. Ganz schön lang für eine Stadt, die eigentlich keine Zeit hat.

          Wenn in Restaurant-Küchen etwas auf den Boden fällt, greift die Fünf-Sekunden-Regel – wenn im Nordend ein Restaurant seine Pforten schließt, greift die 20-Prozent-Regel. Die besagt: Bald öffnet hier ein neues Restaurant. Das Essen dort wird um 20 Prozent teurer sein als im Vorgänger. Also ungefähr.

          Was aber nicht heißt, dass das Essen auch um 20 Prozent leckerer ist. Beispiel gefällig? Kurz oberhalb des Friedberger Platzes im Nordend liegt ein kleines Ecklokal. In den vergangenen sechs Jahren hat drei Mal der Betreiber gewechselt. Aus einer etwas ungemütlichen Äppler-Schänke wurde ein beliebiger Italiener, wurde ein furchtbarer „Pub“, wurde ein hippes asiatisches Restaurant. Die Deko hat gewechselt, hier und da wurde renoviert. Und jetzt ist es dort vielleicht etwas leckerer, aber eben auch viel teurer als vor sechs Jahren.

          Es geht doch immer nur um das Geld

          Ach, Frankfurt, warum muss es dir eigentlich immer ums Geld gehen, merkst du nicht, dass das nicht glücklich macht? Wer anders denkt, sollte wochentags in eine der After-Work-Absturzbuden im Zentrum gehen. Selbst die Escortdamen blicken dort traurig ins schummrige Licht angesichts der verkoksten, besoffenen, missmutigen Anzugträger. Aber vielleicht ist es auch nicht das Geld, dass die Leute dort so unglücklich macht, sondern der Bierpreis.

          Nein, Frankfurt macht es einem nicht leicht, es zu mögen. Mein Kollege Carsten Knop hat neulich geschrieben, dass es bis zu 15 Jahre dauern kann, bis man Frankfurt endlich lieben lernt. Ganz schön lange für eine Stadt, in der laut Statistik die Hälfte der Bevölkerung alle sechs oder sieben Jahre zur Hälfte wegzieht und durch Neubürger ersetzt wird. Für eine Stadt, die so tut, als hätte sie keine Zeit.

          Die, die diesen kritischen Zeitraum durchmessen haben, sind oft voll des Lobes für die Stadt: Das Mainufer ist schöner geworden; Autofahrer geben viel besser Acht auf Radler als früher; in der Innenstadt ist jetzt auch abends was los. Toll! Und traurig, wie es früher gewesen sein muss.

          Frankfurt bewegt sich. Manchmal wirkt die Stadt dabei aber wie ein Esel, der einer Möhre hinterherrennt, die ihm der Reiter vor die Nase hält. Immer was Neues bauen. Aber bald wieder abreißen. Und was Neues bauen. Im einen Hochhaus stehen Büros leer. Trotzdem werden neue Büros gebaut. Frankfurt ist immer unfertig und unfertiger als andere Städte. Unter den Baustellen leiden die Leute, die in der Nähe wohnen oder dort vorbeiwollen. Wer mit dem Rad an der Riesenbaustelle am Güterplatz oder auf der Mainzer Landstraße Richtung Opernplatz fährt, weiß, was gemeint ist: Jahrelang nur prekäre Radwege, geteilt mit armen Fußgängern. Wer diesen kleinen Nadelstichen auf die Lebensqualität der 20-Prozent-Regel entgegenhält, dem fällt die Sache mit der Frankfurt-Liebe eher schwer.

          Die modernste Stadt Deutschlands bietet ihren Bürgern viel Abwechslung – sofern man es sich leisten kann.

          Wer in Frankfurt glücklich werden will, darf nicht zu sehr am Jetzt hängen. Was einem heute gefällt, ist morgen schon weg. Der Autor dieser Zeilen mochte zum Beispiel den rauhen Industrie-Charme Frankfurt im Übergang zu Offenbach. Die Laufstrecke am Main führte dort noch vor wenigen Jahren an einem rustikalen Holzzaun vorbei, graffitibesprüht und wetterfest. Wer dort joggte, rechnete jeden Moment damit, dass der Fernsehdetektiv Josef Matula mit quietschenden Reifen in seinem Alfa um die Ecke biegen würde.

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