https://www.faz.net/-gzg-9jy0b

Muttermilch-Spenden : Notwendige Hilfe für Frühchen und kranke Neugeborene

  • Aktualisiert am

Etikettiert und versiegelt: Babyflaschen mit lebensnotwendiger Milch für die Neugeborenen. Bild: dpa

Schon vor 100 Jahren kam eine Kinderärztin in Magdeburg auf die Idee, überschüssige Muttermilch zu sammeln und für Babys aufzubewahren, deren Mütter nicht stillen können. In Hessen wird die Idee jetzt umgesetzt. Auch andere Bundesländer haben Nachholbedarf.

          2 Min.

          In Frankfurt entsteht die erste Muttermilchbank Hessens. Mütter, die zu viel Milch haben, können sie spenden und damit Frühchen helfen, deren Mütter nicht stillen können. „Die Planungen laufen. Wir hoffen, mit der Umsetzung im März oder April beginnen zu können“, sagt Prof. Erhard Seifried, der Leiter des DRK-Blutspendedienstes Hessen. Wenn das System in Frankfurt etabliert ist, soll es auf ganz Hessen ausgeweitet werden.

          Die Muttermilchbank ist ein Gemeinschaftsprojekt der Frankfurter Universitätsklinik und des Blutspendedienstes. In der Uni-Kinderklinik sollen die Milchspenden entnommen und später wieder verwendet werden. Für alles dazwischen ist der Blutspendedienst zuständig. Dazu gehören nicht nur Portionieren und Einfrieren, sondern auch umfangreiche Tests. „Muttermilch ist zwar eher ein Lebensmittel als ein Arzneimittel, aber wir setzen alle Sicherheitsanforderungen so hoch, als wären es Blutspenden“, sagt der Transfusionsmediziner.

          Die Spenderinnen bekämen kein Geld, betont der Mediziner, und die Spenden seien ausschließlich für Frühchen reserviert. „Die Immunabwehr ist bei Frühchen noch nicht so entwickelt. Wenn sie Muttermilch bekommen, haben sie eine wesentlich bessere Prognose“, begründet Seifried die Initiative. Die Mengen, die die Winzlinge bräuchten, seien sehr gering, die Mitarbeiter der Kinderklinik seien zuversichtlich, dass genug Spenden zusammenkommen.

          Seit 100 Jahren Frauenmilchsammelstellen in Deutschland

          Seit 2018 gibt es eine bundesweite Frauenmilchbank-Initiative. Neonatologen (Ärzte, die sich speziell um Neugeborene kümmern), Kinderärzte, Pfleger, Stillberater und Wissenschaftler haben den Verein gegründet. Er setzt sich dafür ein, dass mehr solcher Banken in Deutschland gegründet werden. Ziel: Spätestens 2023 soll kein Bundesland mehr ohne Milchbank sein.

          „Weniger als zwei Dutzend von über 200 Perinatalzentren in Deutschland haben Zugang zu gespendeter Muttermilch aus einer Frauenmilchbank, obwohl menschliche Milch gerade für Frühgeborene überlebenswichtig sein kann“, argumentiert der Verein. Der Bedarf an Spendermilch liege „weit über dem, was die Frauenmilchbanken aktuell anbieten können“.

          Die meisten Muttermilchbanken gibt es in den neuen Bundesländern. 1919 - vor genau 100 Jahren - wurde in Magdeburg die erste „Frauenmilchsammelstelle“ gegründet wurde. Die westlichen Bundesländer ziehen erst langsam nach. In fünf Bundesländern ist die Landkarte weiß: Neben Hessen gibt der Initiative zufolge auch in Rheinland-Pfalz und dem Saarland sowie Schleswig-Holstein und Bremen keine Muttermilchbank.

          Flächendeckendes Versorgungsnetz für Frühgeborene

          Der Bundesverband „Das frühgeborene Kind“ begrüßt den Aufbau weiterer Frauenmilchbanken, „um ein möglichst flächendeckendes Versorgungsnetz für Frühgeborenen und kranke Neugeborene zu etablieren“, wie Barbara Mitschdörfer sagt, Vorstandsvorsitzende und selbst Frühchen-Mutter. „Es ist hinreichend belegt, dass Frauenmilch einen beachtlichen Mehrwert gegenüber industriell gefertigter Säuglingsnahrung hat.“

          „Noch förderlicher ist allerdings die Milch der leiblichen Mutter“, gibt sie zu bedenken. Früher sei es die Ausnahme gewesen, dass Frühchen-Mütter stillen konnten. Heute wisse man: Wenn Kliniken konsequent Hautkontakt zwischen Mutter und Kind förderten, könne man „beeindruckende Stillraten“ erreichen. Frauenmilchbanken seien gut - so lange die Stillförderung darüber nicht vernachlässigt werde.

          Weitere Themen

          150 Euro mehr für Ärmere

          Sozialhilfe : 150 Euro mehr für Ärmere

          Der Lockdown hat besonders arme Menschen hart getroffen. Jetzt erhalten in Frankfurt Empfänger von Sozialleistungen eine Einmalzahlung. Ein Antrag ist dafür nicht nötig.

          Misstöne statt Harmonie in Frankfurt

          Koalitionsverhandlungen : Misstöne statt Harmonie in Frankfurt

          Eine Zielgerade kann sehr lang werden: Die künftigen Koalitionäre können sich vor allem beim Personal noch nicht einigen. Bald ist die selbstgesetzte Frist verstrichen.

          Mit Paketklebeband an Pfeiler gebunden

          Entführung : Mit Paketklebeband an Pfeiler gebunden

          Das Opfer sagt im Prozess um die Entführung in Bad Soden-Salmünster aus. Offenbar hat es Streit um Geld gegeben. Doch das Gericht muss noch eine andere Tat aufklären.

          Topmeldungen

          Marokkanische Migranten am 18. Mai bei der Ankunft in Ceuta

          Migration aus Marokko : Ansturm auf Ceuta

          Tausende Menschen sind innerhalb eines Tages in die spanische Exklave Ceuta geströmt. Die politische Botschaft aus Rabat: Ohne Marokko lässt sich der Kampf gegen die illegale Migration nach Europa nicht gewinnen.
          Brennpunkt Jerusalem: Palästinenser am Tempelberg im Straßenkampf mit israelischen Sicherheitskräften.

          Gewalt in Nahost : Wo Frieden nicht möglich ist

          Der neue Gewaltausbruch in Nahost birgt für Israel Gefahren. Nun stehen sich auch jüdische und arabische Israelis gegenüber. Jerusalems heilige Stätten sind der Kern des Konflikts.
          Transparente gegen den Verkauf des Hauses und für die Ausübung des Vorkaufsrechts durch den Bezirk in der Anzengruberstraße in Berlin-Neukölln

          Wohnungspolitik : Neukölln wehrt sich

          Immer mehr Mietshäuser werden in Eigentumswohnungen aufgeteilt, vor allem in Großstädten wie Berlin. Ein Bezirk in der Hauptstadt nimmt nun den Kampf gegen ein großes Immobilienunternehmen auf – und betritt damit Neuland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.