https://www.faz.net/-gzg-9s9cg

„Frankfurt allein überfordert“ : Ein großer Bogen gegen den Wohnungsmangel

Fingerzeig: Al-Wazir (rechts), hier mit Offenbachs OB Schwenke vor einem Neubauvorhaben, sieht im Großen Frankfurter Bogen ein Potential von bis zu 200.000 Wohnungen Bild: Lucas Bäuml

Frankfurt sieht sich einem ungebremsten Zuzug gegenüber. Minister Al-Wazir schaut indes auf ein von ihm als Großer Frankfurter Bogen bezeichnetes Gebiet. Und er bietet Kommunen Hilfe bei Wohnungen und Baugebieten an.

          3 Min.

          Was hat die Gemeinde Mühltal im Landkreis Darmstadt-Dieburg gemein mit der Rheingau-Taunus-Gemeinde Niedernhausen? Und was verbindet den Groß-Gerauer Stadtteil Dornheim mit der Stadt Hanau? Alle vier Kommunen sind in weniger als 30 Minuten mit dem Zug vom Frankfurter Hauptbahnhof aus zu erreichen. Für Wohnungsbauminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) sind diese vier und weitere 50 Kommunen entlang der Regional- und S-Bahn-Achsen im engeren Rhein-Main-Gebiet ideale Standorte für neue Wohnungen und attraktive Neubaugebiete. Auch, um die Großstädte der Region, allen voran Frankfurt, von dem enormen „Druck“ zuziehender Menschen zu entlasten. Al-Wazir sieht in dem von ihm als Großer Frankfurter Bogen (siehe Karte) bezeichneten Gebiet ein Potential von bis zu 200.000 Wohnungen. Die Hälfte könnte in den Städten entstehen, die andere außerhalb in Neubaugebieten.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Frankfurt kann den starken Zuzug in die Region nicht allein bewältigen. Auch wenn Hessens größte Stadt derzeit täglich 25 Neubürger aufnimmt. „Die Fläche Frankfurts ist begrenzt“, sagt Al-Wazir. Allerdings sei die Initiative keinesfalls als Gegenentwurf zu Frankfurter Wohnungsbauplänen gedacht, so der Grünen-Politiker. Im Gegenteil: Frankfurt ist wie Offenbach, Darmstadt und Wiesbaden Teil des Gebiets Großer Frankfurter Bogen. Mit der Initiative, die Al-Wazir erstmals im Juni vorstellte, will er den Blick über die Gemarkungsgrenzen hinaus öffnen – der Wirtschaftsraum Rhein-Main solle als Region wahrgenommen werden.

          Treffen mit Vertretern aus dem Bogen

          Für Donnerstag hat Al-Wazir die mehr als 50 Bürger- und Oberbürgermeister im Bogen sowie Vertreter der Kommunalverbände und Darmstadts Regierungspräsidentin Brigitte Lindscheid (Die Grünen) zum Auftaktgespräch in das hessische Wirtschaftsministerium eingeladen. Al-Wazir will den Vertretern der Kommunen erläutern, welche Unterstützung das Land speziell diesen 54 Städten und Gemeinden beim Bau von Wohnungen und bei der Entwicklung ihrer Baugebiete anbieten will. Die konkreten Offerten will der Minister erst am Donnerstag bekanntgeben.

          „Jedes neue Baugebiet bedeutet den Bau von mindestens einem neuen Kindergarten“, sagt Thomas Horn, Direktor des Regionalverbands Frankfurt/Rhein-Main. In dieser Kalkulation sieht er einen der zentralen Gründe, warum so viele Kommunen im Ballungsraum die Entwicklung von Bauland scheuen. Eine Umfrage unter den 75 Städten und Gemeinden im Verbandsgebiet hatte diese Einschätzung bestätigt. Als größtes Hemmnis für Neubaugebiete hatten diese die Eigentumsverhältnisse genannt und politische Unstimmigkeiten. Als drittes Hemmnis führten sie die hohen Kosten für die soziale Infrastruktur an. Auch Frankfurt hatte erst kürzlich mitgeteilt, dass das anhaltend starke Wachstum die Stadt vor große Herausforderungen stelle, „weil wir zum Beispiel Plätze an Schulen bereitstellen müssen“.

          Bauland entwickeln

          Für Horn schlägt das Land Hessen „den richtigen Weg ein“, wenn es den Kommunen Hilfen anbiete, um Bauland zu entwickeln und vor allem die Kosten für die soziale Infrastruktur zu tragen. Seiner Ansicht nach sei das ein „hochwirksamer Hebel“, sagte Horn, allerdings auch der einzige, den das Land ansetzen könne, um Städte und Gemeinden zur Ausweisung von Neubaugebieten zu veranlassen. Das weiß auch Al-Wazir. Die Bauleitplanung, das Ausweisen von Bauland, „das ist der Kern kommunaler Selbstverwaltung“, sagt er. Keine Landesregierung könne eine Stadt oder Gemeinde zwingen, ein Baugebiet zu entwickeln.

          An dem Willen der Kommunen, Neubaugebiete zu schaffen, hat es in den vergangenen Jahren insbesondere im Kern des Ballungsraums gemangelt. Dabei sind die Flächen vorhanden. Von den im aktuellen regionalen Flächennutzungsplan vorgesehenen Arealen für neue Wohngebiete auf der grünen Wiese sind in den vergangenen acht Jahren nur knapp 20 Prozent abgerufen worden. Allerdings hat es nach den Worten Horns in der Region in der Vergangenheit noch große Konversionsflächen gegeben – etwa ehemalige Kasernen der Amerikaner in Darmstadt, Butzbach, Friedberg und Hanau, wo dieser Tage der Magistrat beschlossen hat, die letzte große Konversionsfläche, den Pioneer Park, zu einem modernen Wohngebiet für 5000 Menschen zu entwickeln.

          Dass Al-Wazir die 54 Kommunen im Großen Frankfurter Bogen wegen ihrer Schienenanbindung bevorzugen will, findet ebenfalls die Zustimmung Horns. Der Bau von Wohnungen in der Region müsse im Zusammenspiel mit den Verkehrsangeboten gesehen werden, sagt er. Die Region müsse bei ihrer Entwicklung auf die Schiene setzen, sonst drohe der Kollaps auf den Straßen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.