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Frankfurt - die wachsende Stadt : In Frankfurt wird jeder Gläubige fündig

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Nachbarschaft: Der Bau der Hazrat-Fatima-Moschee an der Straße Am Industriehof geht nach langer Pause weiter. Dahinter die russisch-orthodoxe Kirche. Bild: Kaufhold, Marcus

Frankfurt wächst, aber die Mehrheit ist nicht mehr katholisch oder evangelisch. Die beiden großen Kirchen sind Teil einer enormen religiösen Vielfalt, die sich im Stadtbild mehr und mehr niederschlägt.

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          An Frankfurt führt gelegentlich auch für geistliche Oberhäupter kein Weg vorbei. So wie neulich, als sich zwei Männer quasi die Klinke in die Hand gaben: Kaum war Bartholomaios I., Patriarch von Konstantinopel und Repräsentant aller orthodoxen Christen, wieder weg, kam der Dalai Lama zu Besuch. Eine große Ehre für die jeweiligen Gastgeber – die griechisch-orthodoxe Gemeinde und das Tibethaus – und typisch für die Stadt, die eine große Vielfalt religiöser Gemeinschaften hat.

          Die Jüdische Gemeinde vereint orthodoxe, konservativ-religiöse und liberale Juden und zählt mit ihren mehr als 7000 Mitgliedern zu den vier großen Gemeinden in Deutschland. Sie unterhält etliche Einrichtungen, ihr Mittelpunkt ist die WestendSynagoge. Die katholische und evangelische Kirche haben jeweils mehr als 50 Gotteshäuser und betreiben etliche weitere Zentren, zum Beispiel ihre Akademien. Daneben aber gibt es mittlerweile rund 100 christliche Zuwanderergemeinden: Anglikaner, Protestanten, Pfingstgemeinden, fast 40Freikirchen mit Christen aus aller Welt, rund 25 katholische und zehn orthodoxe Gemeinden. Die muslimische Community hat rund 45 Gemeinden. Buddhisten finden in fast 20 unterschiedlich geprägten Gemeinschaften zusammen, Hinduisten in fünf, Sikhs in zwei.

          Erleuchtet: Der Innenraum der Westend-Synagoge.
          Erleuchtet: Der Innenraum der Westend-Synagoge. : Bild: Patrick Slesiona

          Es dürfte keinen Gläubigen geben, der in Frankfurt nicht fündig wird. Spiegelbild jener Vielfalt ist der 2009 gegründete Rat der Religionen. Eines seiner Ziele ist, zu einem friedlicheren Zusammenleben in der Stadt beizutragen. Derzeit ist er aber vor allem mit sich selbst beschäftigt. Die Jüdische Gemeinde hatte im Verhalten zweier muslimischer Ratsmitglieder im Zusammenhang mit dem Gaza-Krieg einen Anlass für den Austritt gesehen. Sie fordert vom Rat zu entscheiden, ob Äußerungen der beiden Männer oder solche, mit denen sie sich identifizieren, als antisemitisch zu werten seien oder nicht. Wie es mit dem Rat weitergeht, ist offen. Dieser Monat wird zeigen, ob Vermittlungsversuche gelingen – gefragt sind nicht zuletzt Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg (Die Grünen), die das Gremium mit aus der Taufe gehoben hatte, und der Ratsvorsitzende Khushwant Singh, der zur Gemeinschaft der Sikhs gehört.

          Sprecher: Khushwant Singh, ein Sikh, führt den Rat der Religionen.
          Sprecher: Khushwant Singh, ein Sikh, führt den Rat der Religionen. : Bild: Sick, Cornelia

          Mehr Fusionen von Pfarreien

          Die Zahl der Protestanten und Katholiken ist in den vergangenen Jahren immer kleiner geworden. Zuletzt stellten sie im Jahr 2000 mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Jüngst verzeichnet die katholische Kirche einen kleinen Zuwachs, der vor allem auf Zuwanderer aus katholisch geprägten Ländern wie Polen und Spanien zurückgeht. Das macht die Katholiken in Frankfurt durchschnittlich etwas jünger als im Bistum Limburg. Der größte Teil von Frankfurt gehört zu dieser Diözese, kleinere Gebiete im Norden und Nordosten zählen zu den Bistümern Mainz und Fulda.

          Nach den jüngsten Angaben der Stadt leben etwas mehr als 157.000 Katholiken in Frankfurt. 149.000 gehören zu Gemeinden des Bistums Limburg, wie die Diözese mitteilt. Von ihnen haben 46.000 eine andere Muttersprache als Deutsch. 2028 werden es nach Prognosen des Bistums noch insgesamt 121.000 Katholiken sein. Berücksichtigt sind dabei die Altersentwicklung und Kirchenaustritte, aber nicht die für Frankfurt entscheidende „Wanderungsbewegung“. Zur Anzahl der Protestanten gibt es leicht variierende Angaben – die Stadt zählt gut 135.000, die Kirche selbst rund 132.000. Sie schätzt, dass diese Zahl bis zum Jahr 2028 auf 114.000 zurückgeht.

          Auf die Veränderungen, die schon lange spürbar sind, reagieren die Kirchen. Katholische Pfarreien werden zu großen Gebilden zusammengefügt. Fusionen gibt es auch in der evangelischen Kirche. Sie hat zudem ein verbindliches Konzept im Umgang mit ihren Immobilien. Zu diesem gehört die Abgabe von Kirchen – der prominenteste, noch nicht gelöste Fall dürfte die Matthäuskirche an der Messe sein –, aber auch der Umbau von Kirchen und der Bau neuer Gemeindezentren. Ein Beispiel dafür ist ein neues Gemeindehaus am Westhafen, für das die nahe gelegene Gutleutkirche aufgegeben wurde.

          Präsenz im neuen Stadtteil: Links die evangelische Kirche der Riedberggemeinde, davor, im Bau, das katholische Edith-Stein-Zentrum.
          Präsenz im neuen Stadtteil: Links die evangelische Kirche der Riedberggemeinde, davor, im Bau, das katholische Edith-Stein-Zentrum. : Bild: Kaufhold, Marcus

          Die Baupläne der Kirchen

          Sicher finanziert sind die evangelischen und katholischen Kirchen in der Innenstadt: Für deren Unterhalt kommt nämlich die Stadt auf. Laut dem Dotationsvertrag aus dem Jahr 1830, einer Folge der Säkularisation, gehören der Kommune acht Gotteshäuser in der City, die nicht zuletzt wichtiger Ausdruck des reichen historischen Erbes der Stadt sind. Das finanzielle Engagement der Stadt ist beträchtlich – allein für die derzeitige Innensanierung der Leonhardskirche sind rund acht Millionen Euro veranschlagt.

          Erste Moschee: Das 1959 gebaute Gebetshaus der Ahmadiyya-Gemeinde
          Erste Moschee: Das 1959 gebaute Gebetshaus der Ahmadiyya-Gemeinde : Bild: Fabian Fiechter

          Jenseits der Innenstadt ist eine für die Kirchen wichtige Frage, wie sie sich in Neubaugebieten engagieren. So hat die evangelische Kirche auf dem Riedberg eine neue Gemeinde gegründet und eine Kirche mit Gemeindehaus gebaut. Nach einer unrühmlich langen Planung hat im Juni auch die katholische Kirche mit Bauarbeiten begonnen: Bis Frühjahr 2015 soll das Edith-Stein-Zentrum fertig sein, das als offenes Haus mit Kapelle konzipiert ist. Das einzige Gotteshaus, das das Bistum Limburg in jüngerer Zeit in der Stadt errichtet hat, ist die 2005 geweihte Kirche Allerheiligste Dreifaltigkeit am Frankfurter Berg. Wie sich die beiden Kirchen im Europaviertel engagieren, ist offen – vielleicht gibt es ein gemeinsam getragenes Haus. Außerhalb der Pfarreien hat die katholische Kirche vor allem mit dem Haus am Dom einen Akzent gesetzt, die evangelische Kirche mit der Jugendkulturkirche St. Peter. Zu den baulichen Aktivitäten der Christen zählt auch die Vergrößerung und Neugestaltung der griechisch-orthodoxen Kirche unweit des Westbahnhofs.

          Skepsis gegenüber Islamschule

          Das Engagement der Religionsgemeinschaften verändert das Stadtbild zusehends. Das gilt nicht zuletzt für die Muslime, was mitunter Konflikte mit sich bringt. Aus kleinen Verhältnissen in Griesheim in eine repräsentative Moschee nach Hausen umziehen will die Hazrat-Fatima-Gemeinde. Nach langer Pause wegen Geldmangels geht der Bau seit kurzem weiter. Wenn alles nach Plan läuft, soll das Gebäude, das den Platz in der Nachbarschaft der russisch-orthodoxen Kirche prägen wird, in etwa einem Jahr fertig sein. Der Grundstein wurde 2009 gelegt. Zwei Jahre zuvor waren die Planungen bekanntgeworden und hatten zu Protesten geführt; die Stadt stellte sich hinter das Projekt. Von nur geringer öffentlicher Aufmerksamkeit begleitet wird hingegen der Neubau der Taqwa-Moschee im Gutleutviertel, ebenfalls ein großes Projekt, das schrittweise vorangeht. Mehr Platz für ihre sozialen Aktivitäten will auch die Moscheegemeinde im Gallus haben; sie erwägt, einen Teil ihrer Niederlassung an der Kriegkstraße aufzustocken, und ist darüber mit der Stadt im Gespräch.

          Der Wandel der Religionszugehörigkeit in Frankfurt
          Der Wandel der Religionszugehörigkeit in Frankfurt : Bild: F.A.Z.

          Vorerst nicht gelungen ist der Plan der Ahmadiyya-Gemeinde, eine Moschee in Nied zu errichten. Der vorgesehene Bauplatz war letztlich dafür nicht geeignet. Die Gemeinschaft sucht aber weiter, weil ihren Angaben zufolge rund 1000 Mitglieder im Westen der Stadt kein adäquates Gebetshaus haben. Die Ahmadiyya-Gemeinde hatte 1959 die erste Moschee in Frankfurt errichtet. Sie steht in Sachsenhausen. Im Norden Frankfurts hat die Gemeinschaft ihre Deutschland-Zentrale. In Hessen ist sie gemeinsam mit dem Ditib-Landesverband Partner des Landes bei der Erteilung des islamischen Religionsunterrichts in Schulen.

          Der Wandel der Religionszugehörigkeit in Frankfurt
          Der Wandel der Religionszugehörigkeit in Frankfurt : Bild: F.A.Z.

          Ausdruck einer Etablierung des Islam ist auch das Zentrum für Islamische Studien an der Goethe-Universität, das sich aus einer Partnerschaft zwischen der Hochschule und der türkischen Religionsbehörde entwickelt hat. Auf Skepsis stößt das neue Europäische Institut für Humanwissenschaften im Ostend, eine Islamschule, die laut hessischem Verfassungsschutz von den Muslimbrüdern geprägt ist. Die Einrichtung wehrt sich gegen den Vorwurf, sie strebe einen Gottesstaat an. Wie dem auch sei: Die Entwicklung des Instituts sollte aufmerksam verfolgt werden.

          Neue Gebäude für Buddhisten

          Die Zahl der Frankfurter Muslime schätzt das Bürgeramt Statistik und Wahlen auf rund 98.000. Das entspricht einem Anteil von etwa 14 Prozent an der Gesamtbevölkerung. 2005 waren es 75.000, knapp zwölf Prozent. Diese Zahl kann nur geschätzt werden, da Muslime keine Kirchensteuer entrichten und somit nicht im Melderegister aufgeführt sind.

          Grundlage der Schätzung sind die Ausländer und Deutschen mit Migrationshinweis, die im Melderegister ohne Angabe zur Religionszugehörigkeit erfasst sind und deren Herkunftsland Mitglied der Organisation der Islamischen Konferenz ist. Zu ihr gehören rund 60 Länder. Von den rund 98.000 Muslimen sind 53.000 Deutsche und 45.000 Ausländer. Mit erfasst werden dabei allerdings auch solche Frankfurter, die ihre Wurzeln zwar in einem muslimischen Land haben, sich aber selbst nicht als religiös verstehen.

          Der Wandel der Religionszugehörigkeit in Frankfurt
          Der Wandel der Religionszugehörigkeit in Frankfurt : Bild: F.A.Z.

          Auch andere Gemeinschaften sind nicht untätig. Zum Beispiel eröffnete 2010 das dem tibetischen Buddhismus zugehörige Zentrum Sakya Kalden Ling in Griesheim direkt neben der katholischen Kirche eine Niederlassung. Das Tibethaus in Bockenheim sucht angesichts der Nachfrage nach Veranstaltungen ein größeres Domizil. Etwas Neues bauen möchte die hinduistische Gemeinde auf ihrem Grundstück in Rödelheim.

          Trio: Der Dalai Lama und Ministerpräsident Volker Bouffier im Mai vor dem Tibethaus, links dessen spiritueller Leiter Dagyab Rinpoche.
          Trio: Der Dalai Lama und Ministerpräsident Volker Bouffier im Mai vor dem Tibethaus, links dessen spiritueller Leiter Dagyab Rinpoche. : Bild: Helmut Fricke

          Wege für interreligiösen Dialog

          In der Stadt gibt es viele Bemühungen für einen besseren interreligiösen Austausch. Der Rat der Religionen ist – mit den Problemen, die er derzeit hat – nur ein Beispiel dafür, wenn auch ein prominentes. Mit religiöser Vielfalt umzugehen ist tägliche Herausforderung für Lehrer in Schulen und für Erzieherinnen in Kindertagesstätten. Hilfreich ist, wenn es für sie Kooperationspartner gibt wie das Bibelmuseum oder die „abrahamischen Teams“ des Interkulturellen Rats in Deutschland, die Schulen besuchen.

          Ein weiteres Beispiel ist der Interreligiöse Chor Frankfurt, der sich derzeit vor allem dem jüdisch-christlichen Dialog widmet. Demnächst beginnt er ein neues Projekt, das von mehreren evangelischen Institutionen, der Jüdischen Volkshochschule und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit gefördert wird. Auch die kirchlichen Akademien laden zu Veranstaltungen zum interreligiösen Dialog ein. Zu den Angeboten zählen auch der Tag der offenen Moschee oder Veranstaltungen der Interkulturellen Wochen. Das Tibethaus greift in einem neuen Studienprogramm einen Impuls des Dalai Lamas auf, für den er sich im Mai in Frankfurt starkgemacht hatte: Er wirbt für eine „säkulare Ethik“, die Religionen könnten nicht alle Menschen erreichen. Mitgefühl, Vergebung und Toleranz, die „Essenz des Säkularismus“, fänden sich auch in den Hauptbotschaften der religiösen Traditionen wieder.

          Die Stadtverwaltung hat Entwicklungen religiöser Gemeinschaften im Blick. Im Amt für multikulturelle Angelegenheiten gibt es eigens eine Mitarbeiterin, die sich damit befasst und derzeit dabei ist, die Neuauflage des nützlichen Handbuchs „Religionen der Welt“ vorzubereiten. Das Amt ist Integrationsdezernentin Eskandari-Grünberg zugeordnet.

          Mittel gegen den Salafismus

          Mit dem wachsenden Problem des Salafismus sieht sie sich schon seit längerem konfrontiert. Frankfurt hat eine der aktivsten salafistischen Szenen in Deutschland. Seit kurzem aber fühlt sich dadurch auch Kirchendezernent Uwe Becker (CDU) herausgefordert, vor allem als mahnende Stimme für Moscheegemeinden, sich deutlich von dieser Art des Fundamentalismus zu distanzieren. Der Gruppierung Herr zu werden ist nicht leicht, sie „trifft“ sich nicht zuletzt im Internet. Vor allem müssen Jugendliche davor bewahrt werden, sich zu radikalisieren. Diesem Zweck dient das neue hessische „Präventionsnetzwerk gegen Salafismus“. Die Stadt bietet, koordiniert vom Amt für multikulturelle Angelegenheiten, gerade Schulungen für Pädagogen an.

          Diese Strömung wird eine Herausforderung bleiben. Auch für den Umgang mit ihr gilt eine Vorgabe des Integrationskonzepts. Im Abschnitt über Religionen steht, dass sich die Stadt „mit allen rechtlichen und politischen Mitteln“ dafür einsetzen werde, „dass Gruppen aller Art keine weltanschaulichen Trennlinien zu unserer Gesellschaft aufbauen“. Das ist eine klare Selbstverpflichtung.

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