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Frankfurt - Die wachsende Stadt : Die kleine Stadt und der große Markt

Wachsende Wirtschaft Frankfurts: Mit einem Branchenmix empfiehlt die kleine Großstadt sich für alle konjunkturellen Jahreszeiten. Bild: dpa

Ein Oscar für Frankfurt! Wer hätte das gedacht? Doch zur Wirtschaft der Mainmetropole zählen eben nicht nur der Finanzplatz und der Flughafen, wenn auch darauf aller Wohlstand gründet.

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          Die jüngste Meldung ist erst drei Tage alt. Der Spielehersteller Nintendo verlagert seine Europa-Zentrale vom unterfränkischen Großostheim nach Frankfurt. Zuletzt war im vergangenen Jahr DB Schenker gekommen. Die Frachtsparte der Deutschen Bahn hat in einem neuen Hochhaus am Flughafen die Beschäftigten mehrerer Standorte zusammengezogen; an die 600 Arbeitsplätze hat das für Frankfurt gebracht. Und dann ist da noch die neue europäische Bankenaufsicht, die gerade aufgebaut wird und zunächst im Japan-Center an der Neuen Mainzer Straße unterkommt: 1000 gutbezahlte Stellen entstehen dort fast auf einen Schlag.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Boomtown Frankfurt. Weder das Ende der Metallgesellschaft und der Degussa noch die Pleite von Neckermann oder andere Geschichten des Niedergangs haben den seit Jahren anhaltenden Stellenaufbau stoppen können. Von 2000 bis 2014 hat sich die Zahl der Erwerbstätigen von gut 600 000 auf mehr als 660 000 erhöht (siehe Grafik). Die schwere Rezession nach der Finanzkrise 2008: In der Beschäftigungsstatistik der Mainmetropole ist sie kaum auszumachen. Frankfurts Wirtschaft scheint vielmehr gut für alle Jahreszeiten. Seit etwa der Beschäftigungsaufbau bei den Banken schwächelt, weil sie sich in eine Krise globalen Ausmaßes manövriert haben, wächst eben die Zahl der Bankenaufseher. „Frankfurt: Finanz- und Aufsichtsmetropole“, so überschreibt die Landesbank Hessen-Thüringen eine Studie über die zahlreichen Behörden, die inzwischen die Banker in Schach halten.

          Börse in vorindustrieller Zeit gegründet

          Man muss in die Geschichte zurückschauen, um den jüngsten Aufschwung zu verstehen. Wie bei kaum einer anderen Stadt ist im Falle Frankfurts mit einem Blick zu erkennen, warum sie zunächst zu einer Wirtschaftsmetropole geworden ist und seitdem immer weiter wächst. Nur wegen der zentralen Lage in Deutschland und Europa war Frankfurt seit alters Messe- und bald auch Börsenplatz, und nur deshalb wurde die Stadt in modernen Zeiten wie von selbst Verkehrsknoten der Eisenbahn wie des Luftverkehrs. Dass in Frankfurt nach dem Zweiten Weltkrieg ein Finanzplatz von Rang erwuchs, verdankt es zwar vorderhand der deutschen Teilung, derentwegen die Großbanken Berlin verließen. Aber dass sich als Alternative zur geteilten Stadt nicht etwa Düsseldorf, sondern Frankfurt als einziger Finanzplatz Deutschlands von Rang etablierte, lag dann doch wieder an der zentralen Lage. Nur deshalb war der Ort vorübergehend informelle Hauptstadt der westlichen Besatzungszonen, was 1948 die Gründung der Bank deutscher Länder mit sich brachte, aus der später die Bundesbank erwachsen sollte, was wiederum noch viel später zur Ansiedlung der Europäischen Zentralbank beitrug. Zudem hatte die frühe Gründung der Börse schon in vorindustrieller Zeit zur Entwicklung namhafter Banken wie derer der Metzlers und Bethmanns geführt, so dass die großen Institute wie die Deutsche Bank oder die Dresdner Bank nicht in ein Niemandsland kamen. Frankfurt mochte leiden, weil es nicht Bundeshauptstadt geworden war - aber dass das wirtschaftliche Zentrum der jungen Bundesrepublik am Main lag, war rasch unbestritten.

          Rote Farbe für Ferraris aus Höchst

          Wirtschaftshistoriker mögen sich daran freuen, wie lange solche Festlegungen fortwirken. Finanzplatz und Flughafen sind bis heute die Grundlage allen Wohlstands in Frankfurt. Um beides herum haben sich ganze Wirtschaftszweige angesiedelt, die ihnen zuarbeiten, große Kanzleien und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften hier, Logistiker aller Art dort; auch das Florieren der Messe, nach wie vor die wichtigste in Deutschland, hängt von dem nahen Flughafen ab, und an der Messe wiederum hängen Tausende Stellen in den Hotels. Kennzeichen der Frankfurter Wirtschaft war stets, dass sie weit ausstrahlte, dass der Verkehr und die Geldgeschäfte sie mit allen Kontinenten verbanden. Die kleine Stadt und der große Markt: So hat der frühere Leiter des Instituts für Stadtgeschichte, Dieter Rebentisch, einmal einen Bericht zur Lage der Stadt zusammengefasst. Nichts ist treffender.

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