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Bau-Zertifikate in Frankfurt : Die Hauptstadt der grünen Immobilien

  • -Aktualisiert am

Nachhaltige Bau-Richtlinien: Der Omniturm und der Global-Tower (rechts) Bild: Lucas Bäuml

Misst man Nachhaltigkeit in Bau-Zertifikaten, dann liegt Frankfurt in Deutschland vorne. Doch Unternehmen nutzen die begehrten Auszeichnungen für ihr Image – und es gibt sogar Täuschungsversuche.

          Von der künftigen Dachterrasse des 108 Meter hohen Global-Towers an der Neuen Mainzer Straße sieht das Frankfurter Häusermeer so aus: graue Dächer, weiße oder beige Wände, die Glasfassaden der Wolkenkratzer tragen ein paar Blau- und Silbertöne bei, an manchen Ecken sticht Rot ins Auge. Grün sind aus der Vogelperspektive eigentlich nur die Bäume und Parkanlagen. Um zu beweisen, dass Frankfurt dennoch die „Green-Building“-Hauptstadt Deutschlands ist, haben Vertreter von BNP Paribas Real Estate und der German Estate Group (GEG), die den Global-Tower derzeit für gut 270 Millionen Euro umbaut, auf das Gebäudedach in luftiger Höhe geladen.

          Doch selbst dort oben scheint das einzige Grün weit und breit der Garten im Inneren des benachbarten Commerzbank-Turms zu sein. Das eigentliche, das symbolische Grün - sprich: die Nachhaltigkeit - liege vor allem in der Gebäudetechnik, sagt José Martínez von BNP Paribas Real Estate. „Nur Pflanzen aufzuhängen schafft noch keine Nachhaltigkeit“, meint der Immobilien-Ökonom. Er macht Umweltfreundlichkeit stattdessen an den Zahlen fest: 260 gewerbliche Gebäude in Frankfurt sind mit einem Nachhaltigkeits-Zertifikat ausgezeichnet oder werden derzeit nach den Richtlinien um-oder neugebaut, sprich sind auf dem Weg zum Gütesiegel. Das sind weitaus mehr als in München (188), Hamburg (187) und Berlin (182). Bundesweit haben bereits 1800 Bauten ein Zertifikat erhalten, weitere dürften bald folgen.

          Morgan Stanley macht einen Strich durch die Rechnung

          Der Global-Tower, der ehemalige Hauptsitz der Commerzbank, ist so ein Gebäude, das beim Umbau den Richtlinien des am meisten verbreiteten Zertifikats, des DGNB-Siegels, folgt. Besonders nachhaltig seien dort etwa die intelligenten Heiz-Kühl-Decken und eine mechanische Lüftung, durch die das Haus kaum Wärme abgebe, sagt Martínez. Außerdem würden weniger Ressourcen verbraucht, weil ein Großteil des Bestandsgebäudes erhalten bleibe. Im Vergleich zu Neubauten dieser Größenordnung werde der CO2-Verbrauch bereits in der Bauphase um etwa 50 Prozent reduziert. Ein weiteres Zertifikat - Wired Score genannt - bescheinigt dem Hochhaus eine Senkung der Emissionen durch die Haustechnik. „Beim Global-Tower ist die Revitalisierung eindeutig einem Neubau vorzuziehen“, fasst Martínez zusammen.

          Abgrund: Der Global Tower wird derzeit nach besonders nachhaltigen Bau-Richtlinien revitalisiert.

          Deutlich weiter ist der Baufortschritt beim benachbarten Omniturm. Das 190 Meter hohe Gebäude auf dem früheren Gelände des Bankhauses Metzler ist bezugsfertig, schon in der Planung lief alles DGNB-konform. Auch anhand dieses Hauses wollten Martínez und Horster bei ihrem Rundgang ursprünglich deutlich machen, wie nachhaltiges Bauen funktioniert – Morgan Stanley macht ihnen dabei einen Strich durch die Rechnung: Die amerikanische Investmentbank bezieht derzeit die neuen Räume, Besucher stehen da nur im Weg. „Zum Einzug wird jeder Aufzug-Slot gebraucht“, erläutert Martínez und hebt dann hervor, dass auch der Omniturm den höchsten Standards genüge, etwa durch Regenwassernutzung und LED-Beleuchtung.

          Um an die prestigeträchtigen Zertifikate zu gelangen, muss nicht immer gleich ein Neubau oder eine Totalsanierung her. Auch die Nachrüstung eines Bestandsgebäudes kann ausreichen. Die Mehrzahl der ausgezeichneten Gebäude in Frankfurt hat die Verifizierung nach einer Sanierung erhalten, bei der besonders auf Aspekte der Nachhaltigkeit geachtet wurde.

          „Der grüne Onkel aus Hamburg“

          Dass ein umweltfreundliches Image Unternehmen guttut, ist nicht erst seit Beginn der "Fridays for Future"-Bewegung bekannt. Die Nachfrage nach den Zertifikaten steige konstant, berichtet Hermann Horster, Sustainability-Chef von BNP Paribas Real Estate, der sich als „grüner Onkel aus Hamburg„ vorstellt. Was er danach sagt, klingt schon ernsthafter: Weil die Bau-Auszeichnungen begehrt sind, wurden schon Ankündigungen von Zertifizierungen dafür verwendet, sich gut darzustellen und dadurch Mieter und Investoren  für eine Immobilie zu bekommen – nicht aber das Zertifikat selbst. Unternehmen hätten also behauptet ein Siegel anzustreben, um Kunden zu gewinnen, ohne tatsächlich nach den Richtlinien zu handeln. Namen oder Standorte möchte Horster aber nicht verraten.

          Ein Grund für diese Täuschung ist der Wert der Gütesiegel für Unternehmen. „Gerade große Player, in Frankfurt etwa in der Finanzbranche, wollen durch die Gebäudeverifizierung ihrer Standorte ein nachhaltiges Image ausdrücken. Wie sollen sie es auch sonst tun? Nur noch mit Öko-Papier drucken oder grüne Autos fahren?“, so der Nachhaltigkeits-Manager. Von reiner Imagepflege, einem Hype oder gar Green-Washing könne aber keine Rede sein. Dafür seien die absoluten Zahlen bei den nachhaltigen Gebäude dann doch zu niedrig. „Ginge es nur um das Image, würden es ja alle machen“, meint Horster. Jeder große Umbau berge auch ein Risiko - vor allem finanziell. „Ich wünschte, es würden mehr Unternehmen nach den Zertifikaten streben.“

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