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Eritreer verschenken Geld : Deutschland hat wieder Helden

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Er und andere Flüchtlinge haben Geld in Frankfurt versteckt, über einen Twitter-Kanal gab er Tipps, wo es sich befand: Zerai Abraham. Bild: Norbert Müller

Zerai Abraham hat als „HannsM“ monatelang 50-Euro-Scheine in der Stadt Frankfurt versteckt. Jetzt will er für Flüchtlinge Geld sammeln.

          Blond und groß, so stellten sich die Schatzsucher HannsM vor, den anonymen Spender, der seit Weihnachten in der Stadt Geld versteckte. Als sie so darüber philosophierten, wie der anonyme Spender so sein könne, stand er direkt vor ihnen: nicht ganz so groß, dunkle Haare, schwarze Haut. Zerai Kiros Abraham amüsiert es bis heute, wenn er davon erzählt.

          Die kleine Anekdote zeigt, wie gut seine Idee funktioniert hat. Monatelang hat er 50-Euro-Scheine in der Stadt versteckt und auf Twitter Hinweise gegeben, wo sie zu finden sind. „Vor einiger Zeit hatte ich das große Glück, bei einer Erbschaft begünstigt zu werden“, schrieb HannsM über sich selbst, und dass das womöglich nicht stimmen könnte, dämmerte vielen schon früh.

          Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung löste das Rätsel schließlich auf. Abraham und andere, zum Teil ebenfalls aus Eritrea geflüchtete Menschen, hatten das Geld versteckt. „Wenn die Menschen im reichen Deutschland schon für fünfzig Euro stundenlang durch die Kälte laufen, dann müssen sie doch verstehen, dass wir uns auf den Weg nach Europa machen, wenn unser Leben und unsere Freiheit bedroht sind“, lautete Abrahams Botschaft am Ende.

          Geldverstecke mit Bedeutung

          Zerai Abraham, 38 Jahre alt und mit Backenbart, ist ein mitreißender Erzähler. Er holt nur in Notfällen Luft, wenn er über seine Projekte spricht. Abraham engagiert sich im Projekt Moses für Flüchtlinge, organisiert dort zum Beispiele Nachhilfe, hat ein Rennradteam aus Eritrea zusammengetrommelt („Das ist dort Nationalsport“), und er plant mit einer Gruppe von Mitstreitern ein „Haus der Begegnung“ für Flüchtlinge nahe der Konstablerwache. Dafür soll noch in diesem Monat eine Crowdfunding-Aktion beginnen, mit der Abraham das Startkapital einsammeln will. Später soll sich das Ubuntu-Haus, so wird das Zentrum an der Schönen Aussicht heißen, selbst tragen. Über ein Café, das ein bisschen so sein soll, wie das Moloko, in dem Abraham an diesem Morgen über seinem Kaffee sitzt und erzählt und erzählt.

          Seine digitale Verkleidung als HannsM, die monatelange Rätselei, wer wohl die Geldscheine in Frankfurt verstecke, hätte sich auch eine Werbeagentur ausdenken können, so logisch ist die Aktion von ihrem Ende her betrachtet. Auf einmal machen all die Plätze Sinn, an denen HannsM alias Zerai Abraham sein Geld versteckte. Das ägyptische Konsulat wählte er, um auf den illegalen Handel mit Organen aus dem Land aufmerksam zu machen. Die Ludwig-Erhard-Anlage, weil die Schatzsucher dort im Wortsinne übers Wasser gehen mussten, um an das Geld zu gelangen. So, wie es Tausende Flüchtlinge tun, wenn sie in Libyen ein überfülltes Schlepperboot in Richtung Lampedusa besteigen.

          Begegnungsstätte für Flüchtlinge geplant

          Das Siemens-Gelände in Rödelheim wurde zum Versteck, weil die Sucher dort einen Zaun überwinden mussten. Das war auch eine Anlehnung an Hans Conrad Schumann, den Volkspolizisten der DDR, der am Tag des Mauerbaus den Stacheldraht in Berlin übersprang. Für Abraham war er ein Held, so wie all die Flüchtlinge von heute, weswegen seine Twitter-Aktion nicht allein ein Lehrstück gewesen ist, sondern auch eine große Wir-Botschaft. „Deutschland hat wieder Helden“, heißt das in den Worten von Zerai Abraham.

          Jetzt arbeitet Abraham an seiner Idee einer Begegnungsstätte für Flüchtlinge. Ubuntu heißt das Projekt, nach dem Zulu-Wort für Menschlichkeit. Ubuntu soll ein Café sein, ein Ausstellungsraum, ein Ort für Workshops und Nachhilfestunden. In dem Haus sollen Flüchtlinge Arbeit finden, in der Küche zum Beispiel. Das soll ein Problem lösen, das viele haben, wenn sie in Deutschland ankommen: Sie dürfen nicht arbeiten. Solange das so ist, kommt das Geld dem gemeinnützigen Ubuntu-Haus zugute. Später behalten sie, was sie verdienen. Ubuntu, sagt Abraham, soll kein Ort des Mitleids werden, sondern einer zum Anpacken. Er habe eine Menge Ideen für Existenzgründungen, so gebe es zum Beispiel kaum Fotografen, die sich damit auskennen, wie man große afrikanische Familien gut in Szene setze. „Ich kann Leute gut zusammenbringen“, sagt Abraham.

          Will nicht das politische System ändern

          Abraham kam als 13 Jahre alter Junge nach Deutschland. Seine Mutter hat ihn gegen seinen Willen aus seinem Heimatland Eritrea über Sudan nach Europa gebracht. Er sagt, er habe seinen Frieden mit sich gemacht, mit seiner Heimat Deutschland, mit der „Aufnahmegesellschaft“, wie er es nennt. Sein ganzes Engagement richtet sich an diese Gesellschaft, an ein Miteinander. Es geht ihm nur am Rande um das politische System. So hat er nicht die Änderung der Asylgesetze im Sinne. Das überlasse er anderen Organisationen und Parteien, sagt er. Ihm geht es mehr um einen Spirit, auch um den der Flüchtlinge. Als Abrahams Familie 1990 nach Deutschland kam, wollte seine Mutter arbeiten, damit ihre Kinder eine gute Schule besuchen können. „Keiner in Eritrea weiß, dass man hier Sozialhilfe bekommt“, sagt Abraham. „Das können wir uns gar nicht vorstellen, dass der Staat einfach so Geld gibt.“

          Abraham hat lange gebraucht, bis er sich eingefunden hat in Deutschland. Er war gut in der Schule, nur mit dem Schreiben haperte es. Wegen der vielen roten Striche in seinen Diktaten verweigerte er sich der deutschen Schrift irgendwann, obwohl es mit dem Sprechen immer besser klappte. Er bereut seinen Trotz heute, Schreiben kann er immer noch nicht perfekt. „Aber mein Handicap ist meine Stärke geworden“, sagt er. Er will jungen Flüchtlingen die Unterstützung geben, die er sich für sich selbst gewünscht hatte.

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