https://www.faz.net/-gzg-861y9

Das Verbraucherthema : Der Handel entdeckt die Sofortlieferung

Noch am selben Tag ins Haus: Auch in Frankfurt gibt es erste Geschäfte, die eine Sofortlieferung anbieten, allerdings zu unterschiedlichen Konditionen. Bild: Michael Kretzer

Einkaufen und liefern lassen noch am selben Tag - das bieten auch in Frankfurt die ersten Geschäfte an. Viele nutzen das Kurier-Netzwerk der Liefer-Factory. Doch der Service kostet, und der Handel muss noch lernen. Das Verbraucherthema.

          Ein orangefarbenes Vögelchen verleiht der Frankfurter Geschäftswelt Flügel. „Wir liefern heute“ steht auf dem kleinen Aufsteller, der an der Kassentheke der Deko-Kette Depot an der Neuen Kräme in Frankfurt den Kunden signalisiert: Wenn du willst, bringen wir deinen Einkauf in nur 90 Minuten oder in deinem Wunschzeitfenster zu dir nach Hause. 7,13 Euro würde das im Fall der Kundin, die im Nordend wohnt, kosten. So viel verlangt der Filialist im gesamten Stadtgebiet (siehe Tabelle).

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die taggleiche Lieferung - im Fachenglisch der Branche auch Same Day Delivery - ist das neueste Thema im Einzelhandel. Und ein Aufregerthema insofern, als Spekulationen über den Einstieg des Online-Händlers Amazon in das Liefergeschäft auf dem deutschen Markt die Einzelhändler in der Innenstadt weiter unter Druck setzen - abgesehen von der Tatsache, dass auch die Post-Tochter DHL ein großes Problem hätte, sollte Amazon zum Paketlieferanten werden. Denn Amazon ist der größte Kunde von DHL.

          Amazon treibt die Händler dazu an

          In einigen Städten in Amerika experimentiert der Online-Händler bereits mit Sofortlieferungen für Premiumkunden. Sollte dieser Service auch in Deutschland eingeführt werden, fehlte der Geschäftswelt ein weiteres Argument, warum Verbraucher noch in die Stadt kommen sollten, um einzukaufen. Online-Kunden müssten dann nicht mehr ein, zwei Tage auf das bestellte Paar Schuhe warten. Es gibt also gute Gründe für den stationären Einzelhandel, sich Gedanken zu machen.

          „Amazon ist der Treiber auf dem Markt und der Grund dafür, dass sich viele Einzelhändler jetzt mit dem Thema auseinandersetzen“, sagt Franz-Joseph Miller, Mitgesellschafter der auf die taggleiche Zustellung spezialisierten Liefer-Factory GmbH. Das Frankfurter Unternehmen ist zurzeit kräftig dabei, Händler für seinen Service „Liefery“ einzusammeln. Erst vor zwei Jahren ist das Start-up-Unternehmen aus dem Expressdienstleister für die Industrie, Time Matters, hervorgegangen und bedient in Kooperation mit 2500 Kurieren bereits in 54 deutschen Städten Kunden wie Sportscheck, My Müsli, Mövenpick Wein und eben die Kette Depot. Auch Online-Händler wie My Müsli profitieren. Aus dem stationären Geschäft im Skyline Plaza lässt sich der Kunde mit der Wunsch-Müslimischung schneller beliefern als aus dem Zentrallager des Unternehmens in Passau.

          Service steckt noch in den Kinderschuhen

          In Frankfurt zählt der Logistikdienstleister nach eigenen Angaben um die 100 Kunden. Darunter sind Agenturen und Unternehmensberatungen, aber auch Gastroketten wie die Burrito Bande. Der Einstieg der zur Otto-Gruppe gehörenden Logistiktochter Hermes dürfte das Geschäft weiter beflügeln. So liefert auch das Einkaufszentrum Skyline Plaza, das von der Otto-Tochter ECE betrieben wird, inzwischen mit der Liefer-Factory. Der Filialist Sportscheck, der frisch dabei ist, gehört ebenfalls zu Otto.

          Doch steckt der Service noch in den Kinderschuhen. Danach gefragt, was es kostet und wie es funktioniert, schrecken die meisten Verkäuferinnen und Verkäufer erst einmal auf. Da war was, sagt der Gesichtsausdruck, aber wie funktioniert das noch einmal?

          Bei Sportscheck in Frankfurt gibt es Hinweise zum neuen Sofort-Lieferservice nur in den Umkleidekabinen. Wer an der Kasse nach den Konditionen fragt, muss einen Mitarbeiter in der Bademodeabteilung aufsuchen. Im Kaufhof an der Hauptwache - das Warenhaus organisiert die Auslieferung im Haus - muss der Kunde eine Etage tiefer den Bestellservice aufsuchen und bekommt dort auch nur vage Informationen. Ärgerlich: Auf der allgemeinen Homepage der Warenhauskette werden andere Konditionen beschrieben, als in der Frankfurter Filiale gelten.

          Marktforscher sehen große Zukunft

          Die Konditionen der Liefer-Factory-Kunden Sportscheck, Depot, Skyline Plaza sind in Bezug auf das Liefergebiet dieselben: Der Einstiegspreis gilt 15 Kilometer rund um den Bestellpunkt, womit - anders als etwa in Berlin - in Frankfurt das Stadtgebiet weitgehend abgedeckt ist. Jeder Kilometer danach kostet einen Euro extra. Unterschiede gibt es bei den Preisen. Mit drei Euro für „alles, was eine Person auf einmal tragen kann“, ist das Skyline Plaza der günstigste Lieferant. Das Depot verlangt mit 7,13 Euro den höchsten Tarif, ist aber immer noch günstiger, als wenn der Kunde einen Kurier für den Transport direkt über die Liefery-App bestellt (10,30 Euro). Auch das ist möglich.

          Kunden können über die Liefery-Smartphone-App oder auch über das Internet einen Kurier direkt in ein Geschäft bestellen, um dort etwa einen schweren Einkauf abholen zu lassen. Sie nutzen dabei dasselbe System wie die Händler, die Partner der Liefer-Factory sind. Grundsätzlich 10,30 Euro kostet die über die App gebuchte Lieferung in Frankfurt. Der Transport für diesen Preis ist auf 150 Kilogramm begrenzt. Aber auch Transporte darüber hinaus sind möglich. Nur geht das dann nicht über die App. Dort etwas auszufüllen braucht im Übrigen zunächst etwas Übung und Zeit. An der Technik wird mit Hochdruck gefeilt, wie es bei der Liefer-Factory heißt.

          Gleichwohl: Marktbeobachter sagen der Sofortlieferung eine große Zukunft voraus. Bisher werden in Westeuropa erst weniger als ein Prozent aller Pakete an Privathaushalte noch am selben Tag zugestellt. Nach einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey könnten es in fünf Jahren bereits 15 Prozent sein. Allein der Markt in Deutschland wird auf 810 Millionen Euro geschätzt.

          Die Geschäftsführer des Dienstleisters Liefer-Factory Jan Onnenberg, Nils Fischer und Franz-Joseph Miller (v. l.)

          Die Schnellen aus Neu-Isenburg

          Die Liefer-Factory GmbH ist auf die Sofortlieferung im Einzelhandel spezialisiert. Das Unternehmen, das in diesen Tagen von Neu-Isenburg ins Frankfurter Bahnhofsviertel umzieht, ist 2013 aus der Lufthansa-Cargo-Tochter Time Matters hervorgegangen - ein weltweit erfolgreicher Expressdienstleister für die Großindustrie. Die Liefer-Factory wurde inzwischen aus Time Matters herausgekauft. Gesellschafter sind die beiden Geschäftsführer Nils Fischer und Jan Onnenberg - beide kommen von Time Matters - sowie der Vorstandsvorsitzende von Time Matters, Franz-Joseph Miller. Über ihren Logistikdienstleister Hermes ist inzwischen die Otto-Gruppe mit 28,5 Prozent bei der Liefer-Factory eingestiegen.

          Weitere Finanzinvestoren werden gesucht, da das Unternehmen schnell und international wachsen will. Denn das Geschäft lebt vom Volumen. „Am Ende geht es darum, möglichst viele Sendungen beim Händler abzuholen und zuzustellen“, sagt Geschäftsführer Nils Fischer. Das Logistikunternehmen muss sich beeilen, da der Online-Händler Amazon offenbar schon in den Startlöchern steht für eine Sofortlieferung auf dem deutschen Markt.

          Die Liefer-Factory profitiert nach eigenen Angaben wegen der Nähe zu Time Matters von einem dichten Netzwerk von inzwischen 2500 Kurieren in 54 Städten und der passenden Technologie. 16 Handelsketten und 800 stationäre Geschäfte haben sich für den Sofort-Lieferservice registriert. Ein besonderes Augenmerk richten die Logistiker auf die sogenannte letzte Meile. Kunden können die Lieferung online verfolgen und kennen ihren Zusteller sogar mit Foto.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Steinbach und der Fall Lübcke : „Du trägst Mitschuld an seinem Tod“

          Nach dem Mord an Walter Lübcke hat der frühere CDU-Generalsekretär Peter Tauber seinen Vorwurf gegenüber seiner früheren Parteifreundin Erika Steinbach wiederholt. Steinbach sieht darin eine Diffamierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.