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Frankfurt : Das Gallusviertel steht vor dem Wandel

Baureif: Allein die Brache an der Lahnstraße vor dem neuen Frankfurter Ordnungsamt bietet Platz für mehrere hundert Wohnungen. Hier will das Unternehmen Hochtief Formart ein Quartier mit Miet- und Eigentumswohnungen entwickeln. Bild: Eilmes, Wolfgang

Auf fünf Grundstücken in dem Stadtteil soll Wohnraum für bis zu 3000 Frankfurter entstehen. Die Stadt hofft, dass das Viertel davon profitieren wird.

          Auf der Rückseite des Frankfurter Firmengeländes von Holz Fiedler haben sich Ünal, Abdul und Vitalis mit Sprühdosen verewigt. „Vanessa, Du Hure“, hat jemand an die Wand der Werkhalle im Gallusviertel gesprüht. Auf der anderen Seite, an der wegen der vielen Autohäuser und Gebrauchtwagenhändler auch „Automeile“ genannten Mainzer Landstraße, ist ein Firmen-Schriftzug schon verblasst. „Fiedle - für ein schöneres Zuh“, ist nur noch zu lesen.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein schöneres Zuhause, das wünschen sich viele im Gallus. Seit Jahren wird der Wandel des Stadtteils vorhergesagt, der trotz seiner Nähe zur Innenstadt als Wohnquartier für sozial benachteiligte Schichten gilt. 41Prozent der 27000 Einwohner haben ausländische Wurzeln. Bisher ist vom Wandel wenig zu sehen. Das könnte sich bald ändern. Durch zahlreiche neue Bauvorhaben können mehr als 1500 Wohnungen entstehen - Wohnraum für rund 3000 Frankfurter.

          Miet- und Eigentumswohnungen

          Ehemals gewerblich oder industriell genutzte Flächen werden durch den Wohnungsbau neu genutzt. Baurechtlich ist das relativ einfach möglich, weil im Gallus oft keine Bebauungspläne gelten. Seit mindestens acht Jahren war das Gelände von Holz Fiedler auf dem Markt. Doch lange hat niemand zugegriffen, bevor Bewegung in die Sache kam. Jetzt hat das Unternehmen Opera One, eine Tochtergesellschaft des Investors Franconofurt, das Gelände gekauft und will dort 300Wohnungen bauen, wie der Vorstandsvorsitzende Ralph Jerey sagt. Eine Bauvoranfrage sei positiv beschieden worden. Derzeit nutzt der Schluckspecht-Markt die Hallen für den Getränkeverkauf. „Bis Ende des Jahres können wir noch bleiben“, sagt der Mann an der Kasse.

          Direkt dahinter an der Lahnstraße bietet eine Brache am neuen Ordnungsamt Platz für mehrere hundert Wohnungen. Das Gelände hat die Hochtief-Tochter Formart erworben. „Ein neues Wohnquartier mit Miet- und Eigentumswohnungen“ wolle man dort errichten, sagt eine Sprecherin. Noch in diesem Jahr soll die Vermarktung beginnen. Schließlich steht gegenüber von Holz-Fiedler an der Mainzer Landstraße auch das alte Opel-Autohaus leer. Die Pläne des Bauherrn Patron für eine neue Nutzung hat das Architekturbüro KSP schon vor einiger Zeit im Planungsausschuss vorgestellt. Jetzt soll endlich Bewegung in die Sache kommen, für ein Wohn- und Geschäftshaus mit Einzelhandel gibt es eine Bauvoranfrage.

          Neubauwohnungen sind naturgemäß teuer

          Am weitesten gediehen sind die Pläne für die „Adlerquartiere“ auf einem Areal neben den Adlerwerken an der Kleyerstraße. Nach jahrelangem Stillstand sollen dort im Oktober die Bagger rollen. 430Wohnungen will der Düsseldorfer Projektentwickler PDI dort errichten. Die 240Wohnungen schließlich, die die Unternehmensgruppe Frank Heimbau in einem Block zwischen Frankenallee, Kriegkstraße und Flörsheimer Straße errichtet, sind schon bald fertig. Am 22.August wird Richtfest gefeiert, im Februar soll der Neubaukomplex mit Eigentums-, Miet- und geförderten Seniorenwohnungen fertig sein. Die Eigentumswohnungen sind schon komplett verkauft.

          Neubauwohnungen sind naturgemäß teuer. Wie verträgt sich der Bauboom mit einem Viertel, dessen Bewohner eher zu den Geringverdienern gehören? Und wie verdaut das Gallus seinen neuen Nachbarn, das hochpreisige Europaviertel? Nach Meinung der Stadtplaner kann eine Aufwertung dem Viertel nur gut tun. Stadtplanungsamtsleiter Dieter von Lüpke spricht von einer „sinnvollen Konversion“, das Europaviertel sei für das Gallus eher eine Chance als eine Gefahr. Er hält die Gefahr der Gentrifizierung, also des Austauschs der Bevölkerung infolge des Preisanstiegs, für überschaubar, weil das Viertel sehr groß und von vielen Sozialwohnungen geprägt sei. Ohnehin sei ein erheblicher Teil des geplanten Wohnungsbaus nicht hochpreisig, sondern habe einen „reduzierten Standard“. „Wir haben hier nicht die Standortqualität wie im Westend.“ Der Projektentwickler Martin Wentz fände eine „rasante Entwicklung“ des Gallus gut. „Das Gegenteil wäre Pauperisierung.“ Wentz prognostiziert: „In drei Jahren werden wir über die Gentrifizierung des Gallus sprechen.“

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