https://www.faz.net/-gzg-764g5

Frankfurt-Buch von Genazino : Neues vom Nachtleben der Mäuse

Aufmerksamer Beobachter seiner Stadt: Wilhelm Genazino unterwegs in Frankfurt Bild: Röth, Frank

Wilhelm Genazino hat ein Frankfurt-Buch herausgebracht. „Tarzan am Main - Spaziergänge in der Mitte Deutschlands“ handelt vom Flanieren und Schreiben.

          Hässlich, abstoßend, ordinär, spießig. Wilhelm Genazino hält gewissenhaft fest, wie Frankfurt gerne genannt wird, die seltsame Scheinriesenstadt, die vom Flugzeug aus erst in Wiesbaden und Hanau zu enden scheint, deren Wolkenkratzermitte sich nach der Landung aber in wenigen Minuten durchqueren lässt. Wie es anders geht, zeigt der Schriftsteller in „Tarzan am Main“. Sein neues, seit gestern erhältliches Buch hat Genazino zu seinem siebzigsten Geburtstag in der vergangenen Woche vorgelegt, am 4. Februar präsentiert er es von 19.30 Uhr an im Literaturhaus. In den prägnanten Skizzen dieser „Spaziergänge in der Mitte Deutschlands“ hat auch Genazino selbst einiges zu sagen zur „Problemzone“ Hauptwache und zur Zeil, für ihn „Frankfurts vielleicht heikelstes Kapitel“, einst „eine Art Abstellplatz für ältere Kaufhäuser“, mittlerweile aufgehübscht, aber noch immer nicht schön. Und daher bestes Beispiel für die These des Autors, die Dynamik des Kapitals führe zwar zum fortlaufenden Stadtumbau, sei aber nicht darauf angelegt, zu gefallen.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für den Schriftsteller ist die Stadt gerade darum geeignetes Terrain. „Das Umhergehen in vollständig kommerzialisierten Umgebungen macht uns zu Minimalisten des Sehens, die sich schon mit kleinen Entdeckungen zufriedengeben müssen.“ Das Buch vom ästhetisch genügsamen, aber entdeckungsfreudigen Spaziergänger durch Frankfurts Baustellen erlaubt es diesem zurückhaltenden Schriftsteller daher auch, ein wenig von sich selbst und seinem Schreiben zu sprechen, ohne davon viel Aufhebens machen zu müssen.

          Von Baum zu Baum

          Sich selbst beobachtet Genazino so genau wie seine Stadt. Der Tarzan des Titels ist er selbst, der als zehn Jahre alter Junge im zerstörten Mannheim mit dem unmittelbar bevorstehenden Ausbruch des nächsten Krieges rechnet, vorher auswandern will und in den Comics seines Freundes Günter täglich davon liest, wie Tarzan sich an langen Lianen von Baum zu Baum schwingt. „Das wollte ich im Dschungel genauso machen. Wir würden uns eine Baumhütte bauen, dort würden wir den Krieg überleben.“

          Wilhelm Genazino in seiner Wohnung im Frankfurter Westend

          Später zieht der Schüler, der sich einen Stock als Waffe schnitzt, wegen eines Redakteurspostens bei der Satirezeitschrift „Pardon“ nach Frankfurt, kein Herr des Großstadtdschungels, sondern Angestellter in der typischen Angestelltenstadt, der darüber nachdenkt, einen Roman über seinen Vater zu schreiben, den Arbeiter, den er seit dem Krieg nur noch verängstigt und anpassungsbereit erlebt hat. „Der Angestellte dagegen spekuliert, spintisiert und illusioniert, er lebt öfter in Möglichkeiten als in Realitäten.“ Damit ist er verwandt mit dem Romanautor, der die Gegebenheiten der Wirklichkeit ebenfalls umherrückt und neu verbindet. In ihn verwandelt sich Genazino endgültig, nachdem er entlassen worden ist und sich einige Jahre als freier Autor für den Hessischen Rundfunk durchgeschlagen hat.

          Weitere Themen

          Streit um eine Straße in Frankfurt

          F.A.Z.-Leserbriefe : Streit um eine Straße in Frankfurt

          Ist es klug, dass die Stadtregierung den Autoverkehr entlang des Mains auf dessen Nordseite versuchsweise verbietet? Kein Thema wird zurzeit in Frankfurt mit größerer Leidenschaft diskutiert. Wie aber sehen es F.A.Z.-Leser? Wir haben nachgefragt.

          Topmeldungen

          Brexit-Debatte : Schottland droht mit neuem Unabhängigkeitsreferendum

          Die schottische Ministerpräsidentin Sturgeon hat ein Unabhängigkeitsreferendum für das kommende Jahr angekündigt, sollte es zu einem No-Deal-Brexit kommen. EU-Kommissionspräsident Juncker will konkrete schriftliche Vorschläge von Premierminister Johnson.

          Series 5 im Test : Wie gut ist die neue Apple Watch?

          Am Freitag kommt die neue Smartwatch von Apple in den Handel. Die dunkle Anzeige im Ruhemodus ist damit Vergangenheit. Das Display der Series 5 ist immer eingeschaltet. Aber es gibt ein Problem.
          Hefte raus, wir schreiben Abitur: Gymnasium im oberbayerischen Kirchseeon

          Bildungspolitik : Das Abi ist ungerecht

          Jedes Land hat seine eigenen Aufgaben für die Prüfungen. Aber für alle Schüler gilt an der Uni der gleiche NC. Da muss sich was ändern.

          Kabinettsbeschluss : Mietspiegel soll neu berechnet werden

          117 Millionen Euro sollen Mieter durch diesen Kabinettsbeschluss sparen. Ob das so kommt, ist aber ungewiss – der Mieterbund hält die Maßnahme für nicht ausreichend. Mietern schaden könnte auch noch etwas anderes.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.