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Frankfurt Bockenheim : Früher frei für die Bombenentschärfung

Kollateral: Die Gebäude von American Express (rechts) und R+V (links) liegen direkt an der betroffenen Baustelle. Bild: Röth, Frank

Wenn am Montag in Bockenheim die dritte Weltkriegsbombe innerhalb weniger Wochen entschärft wird, haben viele Beschäftigte der umliegenden Unternehmen früher Feierabend.

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          Bei American Express hat sich schon eine gewisse Routine in Sachen Bombenwarnung eingespielt. Die Deutschlandzentrale des Kreditkartenunternehmens liegt unmittelbar neben der Baustelle am Katharinenkreisel, auf der nun schon die dritte Weltkriegsbombe innerhalb weniger Wochen gefunden wurde. „Beim ersten Mal war noch ein bisschen Aufregung dabei“, sagte eine Sprecherin gestern, inzwischen reagierten die Mitarbeiter aber sehr gelassen. Da manche Abteilungen auch sonntags arbeiten, mussten sich die Mitarbeiter schon auf die vorangegangenen beiden Entschärfungen einstellen. Dieses Mal wird wegen des Wolkenkratzer-Festivals am Montagnachmittag entschärft, so dass alle 500 Angestellten an dem Standort ihren Arbeitsplatz verlassen müssen. Freinehmen müssen sie sich dafür nicht. Wenn Mitarbeiter bis 13.30 Uhr arbeiteten, gelte das als Vollarbeitstag, sagte die Sprecherin.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          So hält es auch die R+V-Versicherung, deren Frankfurter Filiale ebenfalls an das Bomben-Grundstück grenzt. Bis spätestens 14 Uhr müssen alle 550 Mitarbeiter das Gebäude verlassen haben, sagte ein Sprecher. Die Telefone würden dann zu Kollegen an anderen Standorten weitergeleitet. Ausfallende Arbeitszeit werde den Mitarbeitern gutgeschrieben.

          Gleicher Notfallplan wie bei Feueralarm

          Sowohl American Express als auch eine amerikanische Bank, die nahe der Bombe einen Standort mit 350 Mitarbeitern betreibt, haben ihre Mitarbeiter gebeten, wenn möglich von zu Hause aus zu arbeiten. „Zeitkritische Aufgaben“ der Bank, die nicht namentlich genannt werden will, würden von einem Ausweichbüro außerhalb Frankfurts erledigt, sagte ein Mitarbeiter.

          Auch bei einem Kreditkartenunternehmen kann nicht einfach alles stehen und liegen gelassen werden. So gibt es bei American Express ohnehin einen „Business-Continuing-Plan“, der zum Beispiel auch bei Feueralarm greift, wie die Sprecherin weiter erläutert. Dann übernehmen Kollegen an anderen Standorten in Deutschland oder im englischen Brighton die Geschäfte. Da es dieses Mal viel Vorlauf gegeben habe, sei alles „minutiös durchgeplant“.

          Alle drei Finanzunternehmen liegen im sogenannten roten Kreis um die Bombe, haben also sehr strenge Vorgaben von Polizei und Feuerwehr erhalten. Etwas freier sind die Unternehmen, die sich innerhalb des blauen Kreises befinden, wie die ING Diba an der Theodor-Heuss-Allee und die Mainova an der Solmsstraße.

          Bei der Mainova müssen Mitarbeiter fehlende Arbeitszeit ausgleichen

          Der Energieversorger werde seine Zentrale samt Betriebskindergarten bis spätestens 14.45 Uhr räumen, sagte ein Sprecher gestern. Da niemand wisse, wie lange die Entschärfung dauere, sei dann auch Feierabend. „Unkalkulierbare Überschreitung der Arbeitszeit“ ist der Fachbegriff. Nur noch die Sicherheitszentrale und die Leitwarte blieben besetzt. Wer mit Stechkarte arbeite, müsse ganz normal ausstechen und die restlichen Stunden ein andermal nacharbeiten. Allerdings hat der Versorger den Beginn der Rahmenarbeitszeit an dem Tag vorverlegt. Wer also einen vollen Tag arbeiten wolle, könne schon um sechs Uhr ins Büro kommen, so der Sprecher.

          Die ING Diba macht es andersherum. Von 15 Uhr an müssen alle im Haus bleiben, bei geschlossenen Fenstern und Türen. Wer absehen könne, dass er in der Zeit der Entschärfung das Bürogebäude verlassen müsse, solle das vorher individuell mit seinem Vorgesetzten absprechen, sagte ein Sprecher. Allerdings sind viele der Mitarbeiter ohnehin schon aus der Gefahrenzone gezogen - 700 ING-Diba-Angestellte haben bereits das neue Domizil nahe der Festhalle bezogen, das offiziell im Juni eröffnet wird.

          Dass nun schon das dritte Mal in kurzer Zeit die Gegend geräumt werden muss, und dieses Mal auch noch an einem Montag, dafür zeigen die meisten Verständnis. „Für die Unternehmen ist das natürlich schon ein Riesen-Bock, alle Mitarbeiter um halb zwei nach Hause zu schicken“, sagte etwa der Mitarbeiter der amerikanischen Bank. „Aber für Frankfurt wäre das Chaos am Sonntag noch viel größer.“ Allerdings ist er skeptisch, ob die Arbeiten und somit auch die Sperrung der wichtigen Ausfallstraße A648 rechtzeitig zum abendlichen Berufsverkehr beendet sind. Zwar ist die Entschärfung für 15 Uhr angesetzt. Die Erfahrung habe aber gelehrt, dass es noch zwei Stunden dauere, bis wirklich das ganze Gelände geräumt sei. Die Sprecherin von American Express zeigt schon ein bisschen Galgenhumor: „Drücken wir mal die Daumen, dass am Dienstag noch alle Fenster drin sind.“

          Möglicherweise anfallende finanzielle Einbußen können die Unternehmen wohl kaum jemandem in Rechnung stellen. Ein solcher Einsatz gilt generell als „höhere Gewalt“. Die Evakuierung und Entschärfung wird letztlich von Steuermitteln gezahlt. Die Polizei spricht von Gefahrenabwehr.

          Evakuierungen und Sperrungen

          Aus Sicherheitsgründen hat die Polizei wiederum eine Evakuierungszone eingerichtet, die Anwohner und Beschäftigte ansässiger Firmen am Montag bis 15 Uhr verlassen müssen. Von 14 Uhr an sammeln sich die Betroffenen an den Haltestellen Voltastraße/An der Dammheide und am Römerhof/Leonardo-da-Vinci-Allee. Von dort werden sie mit Bussen zum Messegelände gebracht. Anwohner, die im weiteren Umkreis („blaue Zone“) wohnen, dürfen in ihren Häusern bleiben, müssen aber Fenster und Türen geschlossen halten. Die Straßen in der Evakuierungszone sind von 15 Uhr an gesperrt. Die Feuerwehr richtet unter 21 27 00 01 wieder ein Bürgertelefon ein. Über diese Nummer können auch Transporte für hilfsbedürftige oder bettlägerige Menschen organisiert werden. Auch der öffentliche Nahverkehr wird für die Zeit der Bombenentschärfung
          unterbrochen. Betroffen sind die Straßenbahnlinie 17 und die Buslinien 34 und 50 sowie die S-Bahn-Linien 3, 4 und 5. Sie verkehren gar nicht oder nur eingeschränkt; einige Bahnen werden umgeleitet.
          Nähere Auskünfte gibt es im Internet unter www.traffiq.de und über das Traffiq-Servicetelefon unter der Nummer 01801/069960. (isk.)

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