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Nahverkehr in Frankfurt : Bahnen verschmutzen wieder die Luft

Auch von Kohlestrom angetrieben: U-Bahn in Frankfurt Bild: Cornelia Sick

Die VGF hat sich von der Emissionsfreiheit verabschiedet. Ihre Bahnen werden mit „schmutzigem“ Steinkohlestrom angetrieben. Verkehrsdezernent Oesterling will nun zurück zum Ökostrom.

          Vor vier Jahren hat die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) eine „Eintracht-Straßenbahn“ vorgestellt. Der Slogan lautete: „Natürlich zur Eintracht! Klimaneutral hin, mittendrin und zurück.“ Zwei Jahre zuvor, also 2011, hatte sich die VGF sogar gerühmt, ihre U-Bahnen führen jetzt nur noch mit Ökostrom aus dem österreichischen Wasserkraftwerk Ypps, also emissionsfrei. Dank der Umstellung auf „grünen Strom“ lag denn auch 2012 und 2013 die Kohlendioxid-Emission von Straßen- und U-Bahnen bei null.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mittlerweile hat sich das völlig geändert. Wie man im Nachhaltigkeitsbericht der VGF von 2016 nachlesen kann, haben die Schienenfahrzeuge 2015 und 2016 fast 90.000 Tonnen Kohlendioxid emittiert. Auch in diesem Jahr dürfte es zu ähnlich hohen Belastungen der Atmosphäre kommen. Der Grund dafür liegt darin, dass zum 31. Dezember 2014 der Vertrag mit der Mainova über den Bezug von Ökostrom ausgelaufen ist. Seither bezieht die VGF laut Verkehrsdezernat etwa die Hälfte ihres Fahrstroms aus Steinkohle-Energie. Sie produziert diesen „schmutzigen“ Strom sogar selbst, denn das städtische Verkehrsunternehmen hat im Juli 2014 mit der Mainova einen Pachtvertrag für einen Teil des Frankfurter Heizkraftwerks West im Gutleutviertel abgeschlossen und ist damit als Mitbetreiber des Kraftwerks ihr eigener Energieerzeuger.

          Zur Hälfte mit Strom aus Kohle

          „Unerfreulich“ hat Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) den Umstand genannt, dass die Frankfurter Bahnen zur Hälfte mit Strom aus Kohle fahren. Schließlich werbe der Öffentliche Personennahverkehr in Deutschland mit seiner Umweltfreundlichkeit für sich. Deshalb soll nach dem Willen Oesterlings nach dem Auslaufen des Pachtvertrags im Jahr 2019 das Abkommen nicht verlängert werden. „Wir müssen unabhängig werden vom Kohlestrom“, sagte der Stadtrat. Er werde die VGF-Geschäftsführung bitten, nach anderen Bezugsquellen für Strom zu suchen.

          Wie der frühere Verkehrsdezernent Stefan Majer (Die Grünen) auf Anfrage erläuterte, war der Vertrag von 2014 zwischen VGF und Mainova „aus der Not“ geboren. Damals sei wegen der Explosion der Defizite bei der VGF der steuerliche Querverbund innerhalb der Stadtwerke Holding, über den die Verluste der VGF ausgeglichen werden, gefährdet gewesen. Um schmerzliche Einschränkungen bei den Verkehrsangeboten zu vermeiden, habe man damals über besagten Kohlestrom-Vertrag die Energiekosten gesenkt.

          VGF soll Emissionszertifikate kaufen

          Auf eine vorzeitige Kündigung des Vertrages mit der Mainova will Oesterling jetzt nicht drängen. Eine solche sei rechtlich schwer möglich, sagte er. Stattdessen wird er die VGF bitten, Emissionszertifikate zu kaufen und Emissionsrechte zu tauschen. Die Ironie der Angelegenheit besteht darin, dass Oesterling einst selbst als damaliges Mitglied des Mainova- und des VGF-Aufsichtsrates dem Pachtvertrag zugestimmt hat. Wie zu hören ist, haben sowohl das Aufsichtsgremium der Mainova wie auch das der VGF 2014 einstimmig für das Vertragswerk votiert – einschließlich der Vertreter von CDU, SPD und der Grünen. Man habe sich damals aus Ersparnisgründen für die Pachtlösung und den Strom aus Steinkohle entschieden, sagte Oesterling. Es sei um einen jährlichen Betrag im unteren einstelligen Millionenbereich gegangen. Fast komisch müsse es auf die Öffentlichkeit wirken, wenn die Stadt jetzt fünf teure E-Busse anschaffe. Denn diese würden an den Aufladestationen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Strom tanken, der aus Kohle erzeugt worden sei.

          Um wie viel sich der Betrieb der U- und Straßenbahnen nach einer Wiedereinführung von Ökostrom verteuert, lässt sich laut Oesterling schwer sagen. Das hänge von den Energiepreisen nach 2019 ab und von den politischen Rahmenbedingungen bei der Energieerzeugung, über die zur Zeit bei den Jamaika-Verhandlungen gerungen werde.

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