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Frankfurt : Alt, aber sauber

Das Wohnheim an der Ginnheimer Landstraße in Frankfurt sieht trist aus, ist jedoch in ordentlichem Zustand Bild: F.A.Z. - Nedden

Der erste Gedanke: Ghetto. Doch wer hier eintritt, muss nicht alle Hoffnung fahren lassen: Das Wohnheim an der Ginnheimer Landstraße.

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          Der erste Gedanke: Ghetto. Zwei graue Betonburgen aus den siebziger Jahren, die im fahlen Winterlicht noch düsterer wirken. An den Hauseingängen die Briefkastenwände mit vielen hundert Schlitzen und die Klingelwände, groß wie Schalttafeln in einem Kraftwerk. Hier zum Namensschild werden, zu einer vierstelligen Zimmernummer? Manchem Studenten, der mit seinen Koffern auf dem kleinen Platz zwischen den Wohnkolossen steht, wird es mulmig werden bei dieser Vorstellung.

          Sascha Zoske
          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ja, von außen sei der Anblick schon „schrecklich“, gibt Elena Metallidis zu. Seit vier Jahren hat die angehende Wirtschaftsjuristin ein Zimmer im Haus Ginnheimer Landstraße 40. Zehn Quadratmeter für Bett, Schrank und Schreibtisch, dazu eine fensterlose Sanitärzelle, die sie sich mit einer Mitbewohnerin teilt. Christiane Neuenfeld, Studentin der Zahnmedizin, wohnt gegenüber in Nummer 42, mit 445 Mietern das größte Heim des Frankfurter Studentenwerks. Auch sie hat sich auf zehn Quadratmetern eingerichtet. „Mein Nachbar ist Jurist, er meint, Sträflinge hätten wohl mehr Platz als wir hier“, sagt sie und lacht.

          Keine ernsthaften Konflikte

          Wie im Gefängnis fühlen sich die jungen Frauen aber keineswegs. Metallidis ist voll des Lobes über die Hausmeister, die immer rasch zur Stelle seien, wenn irgendwo mal ein Schalter repariert oder eine Glühbirne ausgetauscht werden müsse. „Alt, aber sauber“ seien die Gebäude, fasst Neuenfeld zusammen. Der Augenschein bestätigt ihr Urteil: Flure und Aufzüge sind in ordentlichem Zustand, das Höchstmaß an Anarchie scheint im Keller von Nummer 40 erreicht, wo ein Scherzbold aus der Waschküche per Türschild eine „Haschküche“ gemacht hat. Hausmeister Rüdiger Kohl ist sehr zufrieden mit dem Benehmen seiner Mieter, die er „zu 95 Prozent“ mit Namen kenne. Ernsthafte Konflikte habe es in den 18 Jahren, in denen er hier arbeite, noch nie gegeben. Ein-, zweimal im Jahr müsse man wegen Ruhestörung einschreiten - das sei auch schon alles.

          Wie es scheint, lässt es sich leben in den Wohnheimen des Studentenwerks, wenn man keine allzu hohen Ansprüche an den Komfort stellt. Aber das tun die Mieter, zu 35 Prozent Ausländer, ohnehin nicht. „Die sind froh, überhaupt einen Platz bekommen zu haben“, meint Katharina Schmidt, Sozialreferentin beim AStA der Goethe-Universität. Dass Wohnheimplätze ein gefragtes Gut sind, bestätigt Gerd Zoller, zuständiger Abteilungsleiter beim Studentenwerk. 1645 Studenten kann er in seinen Häusern unterbringen, zu Mietpreisen zwischen 152 Euro für ein kleines Zimmer und 337 Euro für eine 40-Quadratmeter-Wohnung. Wer sich um einen Platz bewirbt, muss Geduld mitbringen. Nach Zollers Angaben stehen derzeit 300 Interessenten auf der Warteliste, ein knappes Vierteljahr müssten sie sich im Schnitt gedulden. Mike Josef, stellvertretender AStA-Vorsitzender der Universität, hat auch schon anderes gehört: „Mir selbst wurde gesagt, es kann ein bis anderthalb Jahre dauern, bis man an die Reihe kommt.“

          Schutzgitter im kahlen Treppenhaus

          Begehrt sind vor allem Appartements, weshalb das Studentenwerk laut Zoller eifrig neue baut. 165 entstehen derzeit im ehemaligen Schwesternwohnheim auf dem Medizinercampus in Niederrad, das zum Wintersemester eröffnet wird, 50 sollen in knapp zwei Jahren in einem Haus an der Fachhochschule bezugsfertig sein. „Die Trends im Wohnheimbau wechseln immer wieder“, sagt der Abteilungsleiter. Mitte der neunziger Jahre zum Beispiel waren vor allem Wohngruppen gefragt, wie sie in dem Heim an der Kleinen Seestraße zu finden sind. 25 Studenten bietet der nüchterne Bau in Bockenheim Unterkunft.

          Die Schutzgitter im kahlen Treppenhaus wecken wieder Gefängnis-Assoziationen, aber in den Räumen von Diana Bernstein und Stefanie Plobner umfängt spätalternativer WG-Charme den Besucher. Die beiden Germanistikstudentinnen fühlen sich wohl in ihrer Sechsergruppe, der Platz ist ausreichend, sogar einen Wintergarten gibt es. Für das vergleichsweise familiäre Ambiente müssen die Seestraßenleute allerdings auch etwas mehr zahlen als Einzelzimmerbewohner in den großen Blocks an der Ginnheimer: Zwischen 236 und 247 Euro warm werden hier fällig.

          Die Verträge, die das Studentenwerk schließt, sind jeweils auf ein Jahr befristet, wie Zoller erklärt. Mehr als vier Jahre darf ein Mieter nur in Ausnahmefällen bleiben, zum Beispiel dann, wenn nur noch wenige Monate bis zum Examen fehlen wie bei Elena Metallidis. Ende Mai wird sie aus Nummer 40 ausziehen. Die Liegewiesen an den Sportinstituten auf der anderen Straßenseite wird sie vermissen, auch den guten Hausmeisterservice. Und sogar ihr winziges Zimmer. „Am liebsten“, schwärmt sie, „würde ich die Wohnung kaufen.“

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