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Frank Walter im MMK : Auf der Suche

Karibische Avantgarde: Das Museum für Moderne Kunst zeigt von Samstag an eine Retrospektive auf das Werk von Frank Walter.

          2 Min.

          Diese Kunst ist schwer zu fassen. Die herkömmlichen stilistischen Kategorien versagen, der Mann hat einfach zu viel gemalt und gezeichnet, was sich einer Einordnung widersetzt und den üblichen kunsthistorischen Begrifflichkeiten entgegensteht. Das liegt gewiss auch daran, dass diese in Europa und Nordamerika geprägt wurden. Dabei ist auch er ein Sohn der westlichen Moderne, was sich schon allein in seiner originellen Verbindung abstrakter und gegenständlicher Elemente auf ein und demselben Gemälde zeigt. Gewiss hat er Farben, Formen und Motive seiner karibischen Heimat verwendet, wurde inspiriert von der dortigen Alltagskunst wie der Schildermalerei oder der Verzierung von Fassaden. Und in einigen Werken scheint er sich auch auf die afrikanischen Wurzeln der einheimischen Kultur zu besinnen. Es kann aber auch sein, dass die Beschäftigung mit vermeintlich ursprünglichen Ausdrucksweisen schon vermittelt war durch die primitivistische Avantgarde, die Kultobjekte vom Schwarzen Kontinent wie aus Ozeanien oder Südamerika wegen ihrer unmittelbaren Kraft und unverstellten Emotionalität pries.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Frank Walter, dem das Frankfurter Museum für Moderne Kunst jetzt eine große Retrospektive widmet, wurde 1926 auf Antigua geboren, einer Insel der Kleinen Antillen, die damals britische Kolonie war. Wie so viele Bewohner der Karibik hatte er weiße Plantagenbesitzer und Kolonisatoren ebenso zu Vorfahren wie schwarze Sklaven und Tagelöhner. Sein OEuvre lässt sich auch als permanente Suche nach der eigenen Identität verstehen. Dabei vermischen sich reale genealogische Erkenntnisse mit phantastischen Vorstellungen von der adeligen Größe einzelner Ahnen. Ein Teil seiner Familie stammte aus Deutschland, was den Namen erklärt, ein anderer aus Großbritannien. Er war umfassend gebildet, ein ausgezeichneter Lateiner und wurde 1948 als erster Schwarzer Manager im Antiguan Sugar Syndicate.

          Umfassendes OEuvre

          Walter hatte fortschrittliche soziale Ideen, wollte die Modernisierung in der Zuckerindustrie vorantreiben und sich in Europa fortbilden. 1953 brach er zusammen mit seiner Cousine auf, sie reisten über Frankreich und Italien nach England, wo ein Onkel sich über die Verbindung zwischen beiden mokierte. Walter führte ein wechselhaftes Leben zwischen einfachen Jobs im Bergbau und wissenschaftlichen Studien, er dichtet, schreibt philosophische Essays, eine Geschichte Antiguas, er malt, er zeichnet. Ende der fünfziger Jahre kommt er nach Westdeutschland, er hat zunehmend mit Halluzinationen zu kämpfen, kehrt nach England zurück, wo er sich über rassistische Anfeindungen beklagt, 1961 geht es wieder in die Karibik, er bebaut auf Dominica ein zehn Hektar großes Stück Land, beginnt mit der Produktion von Holzkohle. Und die ersten Holzskulpturen entstehen. 1967 kehrt er nach Antigua zurück, Antigua und Barbuda erlangen die volle innenpolitische Autonomie, er gründet eine Partei, kandidiert 1971 bei der Wahl zum Premierminister. Er führt den Eisenwarenladen seiner Familie und arbeitet als Fotograf, von 1973 an verstärkt der Tausendsassa seine künstlerischen Aktivitäten. 2009 starb er.

          5000 Gemälde, 600 Holzskulpturen, 50.000 Seiten Prosa, Lyrik, Dramen, historische, philosophische, politikwissenschaftliche, kunsttheoretische, genealogische Texte hat er unter anderem hinterlassen. Dazu 450 Stunden Tonbandaufzeichnungen. Ein Leben als Gesamtkunstwerk: Das spiegelt sich auch in seiner Kunst wider, die in einer geradezu romantischen Zusammenschau aller möglichen Sujets und Gestaltungsmittel einen ungeheuren Perspektivenreichtum entfaltet.

          Dreizehn künstlerische Positionen werden in der MMK–Schau den Werken Frank Walters beigesellt, gleich zu Beginn öffnen die Kentia-Palmen der von Marcel Broodthaers 1974 entworfenen Installation „L’Entrée de l’Exposition“ einen Bedeutungshorizont, in dem Kolonialismus und Exotismus, das wirklich Fremde und dessen Aneignung in den bürgerlichen Salons des 19. Jahrhunderts aufgerufen werden. Die mächtigen Pflanzen flankieren den Weg zum Werk eines Mannes, dessen Suche nach Ausdruck und Form eine erstaunliche künstlerische Freiheit zur Konsequenz hatte. Alles scheint möglich. Und zum Bild zu werden.

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