https://www.faz.net/-gzg-79dx5

Fotowettbewerb „Literaturland Hessen“ : Bilder der Romantik

Als hätte Caspar David Friedrich zur Kamera gegriffen: Ruinen, Bäume, Nacht, Nebel und einsame Naturbetrachter haben unsere Leser und Hörer uns eingesandt. Vorigen Sommer riefen die Frankfurter Allgemeine Zeitung, der Hessische Rundfunk und das Photokontor Gerd Kittel unter dem Motto „Romantik - Eine Spurensuche“ zum Fotowettbewerb „Literaturland Hessen“ auf.

          Die Fotografie gab es noch nicht, als die Romantik sich entwickelte. Ehe die Wiedergabe der Wirklichkeit auf einem lichtempfindlichen Bildträger dem Realismus auf die Sprünge half, hatte die Romantik ein paar Jahrzehnte Zeit, mit Wörtern und Bildern Gemälde der Natur und der Seele zu malen, deren Empfinden und Ausdruck über alle Grenzen hinausging, die sich das christliche Abendland bis dahin auferlegt oder im Zeitalter der Aufklärung als Fesseln erkannt hatte.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mit der aus Empfindsamkeit und Sturm und Drang entstandenen Bewegung, die sich in den späten neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts in Deutschland und England herausbildete und nach und nach ganz Europa erfasste, hat Hessen mehr zu tun als gemeinhin bekannt. Der in Frankfurt aufgewachsene Clemens Brentano war als einer der beiden Autoren der Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ einer der maßgeblichen Verbreiter romantischer Ideen, seine Schwester Bettine heiratete den zweiten Autor der Sammlung, Achim von Arnim, und schuf selbst ein umfangreiches Werk.

          Spuren romantischer Künstler in Hessen

          Dass das Leben der Geschwister lange Zeit ebenso eng mit dem Rhein-Main-Gebiet verknüpft war wie das von Bettines viel zu früh gestorbener Dichterfreundin Karoline von Günderrode, rückt in der Heimat der drei erst seit einiger Zeit wieder stärker ins Bewusstsein, ebenso wie das Schaffen der Maler und Zeichner der Rheinromantik, die sich einer allem Anschein nach wilden und unverbrauchten Landschaft zuwandten, an der sich bald ganz Europa künstlerisch und touristisch abarbeitete.

          Die Spuren der Brentanos, der Günderrode und ihrer Weggefährten finden sich an vielen hessischen Orten, ganz abgesehen vom Freien Deutschen Hochstift, das im Keller des Frankfurter Goethe-Hauses eine Handschriftensammlung der Romantik bewahrt, die in ihrem Umfang und in ihrer Zusammensetzung einzigartig ist und im geplanten, aber noch nicht vollends finanzierten Romantikmuseum ausgestellt werden soll.

          Teilnehmer sind eifrige Brentano-Leser

          „Die Welt muss romantisiert werden“, schreibt Novalis, dessen Nachlass fast vollständig im Keller von Goethes Elternhaus liegt, „so findet man den ursprünglichen Sinn wieder.“ Es ist ein Ausspruch, den sich das Hochstift auf den Faltblättern zu eigen gemacht hat, mit denen es um Spenden für das Museum wirbt. „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es“, heißt es bei Novalis weiter.

          Seinem Vorgehen scheinen auch die Teilnehmer unseres Wettbewerbs folgen zu wollen, die sich im Übrigen als eifrige Leser Bettine Brentanos erweisen. Viele Einsendungen waren mit Zitaten aus ihren Werken versehen. Thomas Ulrich dachte beim Sonnenaufgang über dem Edersee an die folgenden Zeilen: „Wer sich nach Licht sehnt, ist nicht lichtlos, denn die Sehnsucht ist schon Licht.“ Und Bettina Mechler erinnerte sich beim Fotografieren an diese Worte: „Wenn ich die Augen zudrücke mit beiden Daumen und stütze den Kopf auf, dann zieht diese große Naturwelt an mir vorüber, was mich ganz trunken macht.“ Trunken von Natur und Sehnsucht, das scheint es noch immer zu geben, auch wenn man für ein Foto die Augen aufmachen muss und Bilder heute meist elektronisch gespeicherte Datenmengen sind. Die Welt will auch weiterhin romantisiert sein.

          Die Fotos der ersten drei Sieger sehen Sie in der heutigen Ausgabe (26. Mai 2013) der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Weitere Themen

          Wieder mehr Honigbienen

          Bienenpopulation in Hessen : Wieder mehr Honigbienen

          Die Zahl der Imker und ihrer Völker in Hessen steigt. Doch die wildlebenden Arten bereiten Naturschützern nach wie vor Sorgen. Wie steht es um die Zukunft der „fleißigen Bienchen“?

          Autofahrer werden es spüren

          Fahrradwege in Darmstadt : Autofahrer werden es spüren

          Darmstadt will zu einer Musterstadt für den Radverkehr werden. 16 Millionen Euro stehen die nächsten vier Jahre für diese Politikwende zur Verfügung. Damit ist die Stadt Vorreiter auf dem Gebiet.

          Topmeldungen

          Spitzenfrauen : Harmonie auf Zeit

          Nachdem die Personalien geklärt sind, geht es politisch bald ans Eingemachte: Mindestlohn, Arbeitslosenversicherung, Rüstungsexporte. Die mächtigsten Frauen Europas – Kramp-Karrenbauer, von der Leyen und Merkel – könnten sich dabei in die Quere kommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.