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Fotoprojekt zur RAF-Geschichte : Schauplätze der Gewalt

Heusenstamm, einstiges Erdlager der Roten Armee Fraktion Bild: Olaf Jahnke

Die Terroristen der RAF wollten einst Frankfurt zu ihrem Hauptquartier machen. Der Fotograf Olaf Jahnke ist für ein Buchprojekt ihren Spuren in der Region gefolgt.

          6 Min.

          An der Ecke Bockenheimer Landstraße und Unterlindau sitzt der Fotograf Olaf Jahnke. Im Schatten, auf einem kleinen Mäuerchen, unter einem alten Baum, hat er Platz genommen und erzählt nun davon, was hier, an dieser Straßenkreuzung, vor mittlerweile mehr als 50 Jahren passierte.

          Alexander Jürgs
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein Kriminalobermeister aus Bonn hatte damals, am 10. Februar 1971, gegen 21.15 Uhr, zwei Terroristen der RAF, der Roten Armee Fraktion, erblickt, Astrid Proll und Manfred Grashof. Als er und ein zweiter Beamter, ein Verfassungsschützer, die beiden stellen wollten, kam es zum Schusswechsel. Diese Schießerei im Frankfurter Westend war die erste direkte Konfrontation zwischen den Linksterroristen und der Polizei. Gefangen genommen wurden Proll und Grashof an dem Abend nicht. Bei der Verfolgungsjagd gelang ihnen die Flucht in die dunkle Nacht.

          Olaf Jahnke hat diesen Ort fotografiert, von der gegenüberliegenden Straßenseite aus und so sachlich wie nur möglich. Herbstbäume sieht man auf seinem Bild, wie gemalt wirkende Wölkchen, eine prächtige Gründerzeitvilla, einen modernen Büroklotz in Grau. Und die verwischten Spuren von Fußgängern, Radfahrern und einem weißen Auto.

          Berlin, Hamburg und das Rhein-Main-Gebiet

          Jahnke, 58 Jahre alt, hat viele solche Bilder gemacht. Der Fotograf aus Kelkheim hat die Orte im Rhein-Main-Gebiet aufgesucht, die in der Geschichte der RAF eine Rolle gespielt haben, Schauplätze von Gewalt, von Toden, von Festnahmen. Die Garagen im Frankfurter Stadtteil Dornbusch, Hofeckweg 2-4, an denen im Juni 1972 Andreas Baader, der Kopf der ersten RAF-Generation, Jan-Carl Raspe und Holger Meins, der hochbegabte Filmstudent aus Berlin, der die Akademie verließ, um in den bewaffneten Kampf zu ziehen, und sich im Gefängnis später zu Tode hungerte, verhaftet wurden, hat er genauso fotografiert wie das Café Voltaire, in dem Baader im April 1968 prahlte, dass er und seine Komplizen in zwei Kaufhäusern auf der Zeil Feuer gelegt hatten, oder das Rathaus in Langgöns, in dem die Terroristen eine große Menge an Blankopersonalausweisen erbeuteten.

          „Beschreiben, nichts überhöhen“: Olaf Jahnke über sein Fotobuch mit RAF-Orten.
          „Beschreiben, nichts überhöhen“: Olaf Jahnke über sein Fotobuch mit RAF-Orten. : Bild: Maximilian von Lachner

          Die Bushaltestelle im Bad Homburger Seedammweg, an der Alfred Herrhausen, der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, ermordet wurde, hat er mit seiner Kamera eingefangen, ein Waldstück bei Heusenstamm, in dem die Terroristen in einem Erddepot Waffen gehortet hatten, und einige der Wohnhäuser, in denen sie sich versteckt hielten. Drei Dutzend Orte hat Jahnke für sein Projekt, das er eine Topographie nennt, dokumentiert. In einer Galerieausstellung hat er seine Bilder gezeigt. In einem Fotobuch, das er über seine eigene Website vertreibt, hat er sie zusammengefasst, mit kurzen Texten, in denen er beschreibt, was sich an den abgebildeten Orten ereignete.

          Wie ist er darauf gekommen? Was hat den Fotografen, der auch als Kameramann für den Hessischen Rundfunk arbeitet, angetrieben? Am Anfang, sagt Olaf Jahnke, sei es vor allem die Irritation darüber gewesen, dass kaum jemand davon weiß, welche Bedeutung das Rhein-Main-Gebiet für die RAF hatte. Denken die Menschen an den Linksterrorismus der Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahre, dann kommen ihnen meist Berlin und Hamburg in den Sinn. Oder das Gefängnis in Stuttgart-Stammheim, in dem sich Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe das Leben nahmen, nachdem ihren Nachfolgern nicht gelungen war, sie durch die Entführung von Hanns Martin Schleyer freizupressen.

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