https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/fotoprojekt-zur-raf-geschichte-schauplaetze-der-gewalt-17576778.html

Fotoprojekt zur RAF-Geschichte : Schauplätze der Gewalt

Hat sich sein Blick auf die RAF durch seine Arbeit verändert, sieht er heute mit anderen Augen auf die Terroristen? „Ja“, antwortet Olaf Jahnke. „Dass die RAF sehr brutal vorgegangen ist, das war mir auch schon vorher klar, doch dieser Eindruck hat sich noch verstärkt. Die enorme Brutalität der Gruppe ist mir noch viel bewusster geworden.“ Geschockt habe ihn auch das „Erpressungssystem“ innerhalb der RAF, die Härte der Terroristen gegeneinander. „Dass man einem einfachen Metallbauer, der nicht mehr mitmachen will, dann kurzerhand die Pistole an den Kopf hält, das ist schon krass.“

Bis heute noch immer Sympathisanten

Nachdem die Ausstellung seiner Bilder eröffnet hatte, haben sich viele Menschen, die die damalige Zeit miterlebt haben, bei ihm gemeldet. Vor allem Polizisten hätten ihm geschrieben oder ihn angerufen, erzählt Jahnke. Wie bedrohlich sie die damalige Lage wahrgenommen haben, welche Ängste sie hatten, haben sie ihm berichtet. „Die Polizisten fürchteten wirklich um ihr Leben“, sagt der Fotograf.

Wissen war nie wertvoller

Lesen Sie jetzt F+ 30 Tage kostenlos und erhalten Sie Zugriff auf alle Artikel auf FAZ.NET.

JETZT F+ LESEN

Irritiert hat ihn der Anruf eines Betreibers einer Wiesbadener Kneipe. Warum Jahnke sein Lokal nicht auch für sein Projekt ausgewählt habe, wollte der Anrufer wissen. Schließlich sei der Terrorist Wolfgang Grams bei ihm doch ein und aus gegangen, bevor er in den Untergrund abtauchte.

Dieses Kokettieren mit der Nähe zu gewalttätigen Extremisten hat Jahnke erschreckt. Es zeigt aber auch, dass es wohl bis heute noch immer Sympathisanten der mordenden Revoluzzer gibt, dass sie noch immer Faszination ausüben. Trotz allem, was man über das brutale Vorgehen der Terroristen mittlerweile weiß.

Wie Geister erscheinen

Die letzte Station des Spaziergangs mit Jahnke ist der Westend-Campus der Goethe-Universität. Über die grüne Wiese geht er zum Casino des Gebäudekomplexes, den einst der Architekt Hans Poelzig entworfen hat. Von 1930 an Firmensitz des Chemiekonzerns I.G. Farben (der die Konzen­trationslager der Nazis mit dem todbringenden Gas Zyklon B belieferte), wurde es nach Kriegsende zum Hauptquartier des amerikanischen Militärs in Europa. Am 11. Mai 1972 explodierten drei Bomben am Eingang zum und im Offizierskasino des Gebäudes. Der Oberstleutnant Paul A. Bloomquist, zweifacher Familienvater, kam bei dem Anschlag, zu dem sich das „Kommando Petra Schelm“ bekannte, ums Leben.

Jahnke hat das ikonische, aus Cannstatter Travertin erbaute Gebäude für sein Projekt in einer Abendstimmung aufgenommen. Das Licht im Inneren des Casinos lässt das Bauwerk leuchten, Langzeitbelichtung sorgt dafür, dass auch bei dieser Fotografie die Person und ein Hund, der vor dem Gebäude entlangstrolcht, wie Geister erscheinen.

Auch zu dieser Aufnahme erhielt Jahnke eine Reaktion, einen Anruf. Ein Bekannter meldete sich, den Jahnke aus Künstlerkreisen kannte. Der Mann, der surreale Bilder malt, hat viele Jahre bei der Polizei gearbeitet. Genau am 11. Mai 1972 hatte er seinen ersten Einsatz bei der Kriminalpolizei. Kurz nachdem die Bomben am Offizierskasino explodiert waren, wurde er an den Tatort gerufen. Der amerikanische Soldat, der bei dem Attentat das Leben verlor, sei damals in seinen Armen gestorben, erzählte er nun dem Fotografen.

Weitere Themen

Topmeldungen