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Fotoprojekt zur RAF-Geschichte : Schauplätze der Gewalt

Viele Akten immer noch geheim gehalten

Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet dagegen bleiben Leerstellen. „Doch das ist falsch“, sagt Olaf Jahnke. Und erzählt, wie Andreas Baader schon kurz nach der Gründung der RAF darauf bestand, das ihm zu eng und gefährlich gewordene Berlin zu verlassen. Stattdessen wollte er Frankfurt zum „Hauptquartier der RAF“ machen. Dann steht der ganz in Schwarz gekleidete Fotograf auf und läuft los, die Unterlindau entlang, in Richtung Westend-Campus. An der Hausnummer 28 hält er an. Auch diesen Wohnblock hat er für sein Projekt fotografiert. In einer der Wohnungen in dem Gebäude hatten die Terroristen Quartier bezogen. Als die Polizei in das Versteck eindrang, fanden die Beamten dort Waffen, Munition, Werkzeuge zum Aufbrechen von Pkws und eine komplett ausgestattete Fälscherwerkstatt, aber keine Terroristen.

Gleich um die Ecke, in der Oberlindau 67, im Hinterhof eines unscheinbaren Hauses, hat Anfang der Siebzigerjahre ein Metallbauer seine Werkstatt betrieben. Holger Meins kannte ihn noch aus seiner Zeit als Filmstudent in Berlin. Der Terrorist bat den Mann, ein kleines Werkzeug herzustellen, angeblich für ein Filmprojekt, tatsächlich wurden damit schon wenig später Autos geknackt. Mit immer neuen Aufträgen kamen die RAF-Terroristen zu dem Metallbauer. Der ahnte längst, dass er keine Utensilien für Dreharbeiten, sondern Zubehör für den bewaffneten Kampf anfertigte und wollte aussteigen. Doch die Terroristen machten ihm klar, dass er sein Leben verlieren würde, sollte er sich weigern, weiter für sie zu arbeiten.

Frankfurt, Dornbusch: Festnahmen Baader, Meins, Raspe
Frankfurt, Dornbusch: Festnahmen Baader, Meins, Raspe : Bild: Olaf Jahnke

Olaf Jahnke kennt viele solcher Geschichten, er hat sich in die Details vertieft. An Informationen zu gelangen sei oft nicht einfach gewesen, sagt er, weil viele der Akten aus der damaligen Zeit noch immer geheim gehalten werden. Beim Bundeskriminalamt blitzte er ab, als er nach Hintergründen fragte. In den Zeitungsarchiven hatte er mehr Erfolg. Adressen von Tatorten oder Verstecken wurden damals in den Artikeln präzise benannt und beschrieben. Seine allerbeste Quelle aber sei am Ende immer „Der Baader-Meinhof-Komplex“ von Journalist Stefan Aust gewesen. „Dieses Buch wird nicht umsonst Standardwerk genannt“, sagt Jahnke.

Werden aus mordenden Terroristen Ikonen?

Dass Künstler sich mit der RAF ausein­andersetzen, ist keine Seltenheit. Gerhard Richter hat aus Fotos, die die Toten von Stammheim zeigen, großformatige, düstere Malereien geschaffen, Joseph Beuys widmete ihnen auf der Documenta eine Performance, der Filmregisseur Uli Edel verwandelte Austs „Baader-Meinhof-Komplex“ in Popcorn-Kino. Bei all diesen Werken, und nun auch bei den Fotos von Jahnke, muss man sich auch die Frage stellen: Glorifizieren sie den Terror? Machen sie aus den mordenden Terroristen Ikonen?

Bad Homburg, Seedammweg: Tatort Alfred Herrhausen
Bad Homburg, Seedammweg: Tatort Alfred Herrhausen : Bild: Olaf Jahnke

„Ich wollte nur beschreiben, nichts überhöhen“, sagt der Fotograf Jahnke. Darum habe er die Orte so nüchtern eingefangen, „ganz ohne Dramatisierung, ohne schräge Linien, so neutral, wie es eben geht“. Und darum habe er in seine Texte zu den Fotografien auch keine Gerüchte aufgenommen, habe nichts erwähnt, was nur durch Hörensagen zu ihm gelangt ist. Die Wirklichkeit abbilden, dokumentieren, was passiert: Diese Journalistentugend soll für sein Projekt gelten.

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