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Fotograf aus Offenbach : Aufmerksam durch die Welt gehen

  • -Aktualisiert am

Empfindet beim Fotografieren eine große Ruhe: Florian Albrecht-Schoeck in seinem Offenbacher Atelier Bild: Francois Klein

Er beschäftigt sich mit Deutschland, was ihn aber nicht um den Schlaf bringt. Florian Albrecht-Schoeck ist gelassen. Weil Fotografieren für ihn das Glück bedeutet.

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          Es ist eine ehrliche Ansage. Florian Albrecht-Schoecks Instagram-Account ist mit dem Satz „I just post cell phone photos from my everyday life here“ überschrieben. Die Szenerien, die er beiläufig mit der Handykamera festhält und fast täglich in das soziale Netzwerk hochlädt, schwanken zwischen erdrückender Tristesse und unerwartet aufblitzender Poesie.

          Da wächst vor einem betongrauen Bürogebäude ein zartes Bäumchen aus einem überdimensionalen Kübel. Vor einem gesichtslosen Wohnhaus haben sich mehrere Abfalltonnen, ein Verkehrszeichen und ein Rollator ineinander verkeilt. Die nicht enden wollende Alltagsmonotonie birgt bisweilen auch utopisches Potenzial. „Alles verändern!“ ist auf einer grauen Betonsäule zu lesen, die Albrecht-Schoeck fotografiert hat.

          Alltägliche Schnappschüsse

          Auch wenn sie, wie der Künstler beteuert, eigentlich nicht Teil seines Werks seien, vermitteln die Instagram-Schnappschüsse einen guten Eindruck von Albrecht-Schoecks Zugang zur Fotografie. „Mir geht es darum, mit alltäglichen Situationen und ganz einfachen, unspektakulären Dingen ganz komplexe Dinge zu erklären“, sagt er. Die Fotografie begreift Albrecht-Schoeck als ein Mittel zum Zweck: „Ich versuche zu verstehen, wie diese Welt da draußen funktioniert.“

          Von seinem Atelier aus gesehen, wirkt die Außenwelt nicht allzu majestätisch. Albrecht-Schoeck arbeitet in einem beengt anmutenden, mit allerlei Material beladenen Raum im Offenbacher Atelierhaus „Zollamt Studios“. Aus dem Fenster eröffnet sich ein prosaischer Blick auf den trüben Himmel über den Dächern der Stadt.

          An einer Atelierwand hängen, mit Magneten befestigt, Kontaktabzüge einer noch im Entstehen begriffenen Fotoreihe. Er finde es angenehmer, ausgedruckte Kontaktkopien anzugucken als Bilddateien am Monitor, sagt Albrecht-Schoeck. Im Gespräch wirkt er selbst dann heiter und humorvoll, wenn er sein Selbstverständnis als politischer Künstler und Mensch erläutert. Es gehe ihm nicht darum, schöne Bilder zu machen. „Mein Bestreben ist, ein Bild zu machen, mit dem ich etwas erkläre, was mir wichtig ist“, sagt Albrecht-Schoeck.

          Bilder als kritischer Kommentar

          Geschickt fängt er im Alltag Spuren gesellschaftlicher Stimmungen ein. Irgendwo stieß Albrecht-Schoeck auf einen ohnehin schon einschüchternden Porsche-Geländewagen, dessen Motorhaube schwarz-rot-gold lackiert und mit dem Frakturschriftzug „Deutschland“ versehen ist. In einer Dorfstraße fotografierte er ein an sich unauffälliges Haus mit einem unübersehbar schwarz-rot-goldenen Fassadenanstrich.

          Solche Bilder lassen sich als kritischer Kommentar zum vielerorts anschwellenden Nationalismus lesen. Auch einige großformatige Prints aus einer früheren Serie, die Albrecht-Schoeck in seinem Atelier präsentiert, legen diese Lesart nahe. Ein trostloser Betonbau ist auf einem Bild zu sehen. Davor steht ein deplatziert und unwirklich anmutender Baum. Ein surrealer Schriftzug prangt auf der Hausfassade: „Parkhaus Vaterland.“

          Vor einem Waldstück hielt der Künstler eine eingezäunte Hütte fest, auf die jemand „Refugees Welcome“ gesprüht hat. Das Bild könnte dazu einladen, über die behauptete Offenheit und tatsächliche Abschottung Europas nachzudenken. Albrecht-Schoecks Fotografien sind aber nicht bloß Träger politischer Botschaften. Sie offenbaren einen präzisen Blick für die Anonymität und Gleichförmigkeit des Alltäglichen. In den Aufnahmen sind nie Menschen zu sehen, was den Eindruck von Gesichtslosigkeit steigert. „Die Orte, an denen ich die Bilder mache, spielen nie eine Rolle“, sagt der 1980 geborene Künstler.

          „Ich gehe aufmerksam durch die Welt“

          Die Fotos entstehen zumeist spontan, wenn Albrecht-Schoeck unterwegs ist: „Ich gehe aufmerksam durch die Welt, beobachte viel.“ Immer habe er seine digitale Mittelformatkamera dabei. Sein Werk sei nicht konzeptuell, betont Albrecht-Schoeck, im Gegenteil: „Ich brauche die Realität.“

          Als Anstoß für seine fotografische Arbeit nennt Albrecht-Schoeck Edgar Reitz‘ „Heimat“-Trilogie. Das Filmepos sah er in einem Kurs an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG), wo er bei Martin Liebscher studierte. 2008 habe er angefangen, mit einer analogen Mittelformatkamera zu arbeiten, erinnert sich Albrecht-Schoeck. Damals sei er durch Deutschland, Polen und etliche Länder gereist, um zu fotografieren. „Ich habe die Filme unterwegs im Schlafsack entwickelt“, sagt der HfG-Absolvent. Über fast zehn Jahre habe er nur schwarzweiß und analog gearbeitet.

          Erst vor etwa drei Jahren beschloss Albrecht-Schoeck, auf digitale Farbfotografie umzusteigen. Nun konnte er deutlich mehr Bilder aufnehmen. Die meisten habe er hinterher löschen müssen, sagt Albrecht-Schoeck. Das erste Bild sei immer gut gewesen. Also passte er seine Arbeitsweise an: „Ich mache mittlerweile ein Foto, dann noch eins, und dann war’s das.“

          Florian Albrecht-Schoeck möchte seinen wachen Blick beibehalten. „Mir gehen die Themen nicht aus beim Betrachten dessen, was draußen gesellschaftlich und politisch passiert“, sagt er. Es gehe ihm nicht um das Land an sich, beteuert Albrecht-Schoeck. Und doch ist seine Beschäftigung mit Deutschland, zumindest anhand einiger im Atelier gezeigten Fotografien, unbestreitbar. Wer so intensiv an Deutschland denkt, könnte, wie einst der Dichter Heinrich Heine, um den Schlaf gebracht werden. Albrecht-Schoeck wirkt indes nicht verbissen. Er verrät das Geheimnis seiner Gelassenheit: „Wenn ich fotografiere, bin ich der ruhigste und glücklichste Mensch auf diesem Planeten.“

           

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