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Fotografie Forum : Die Transiträume fotografischer Schöpfung

Das Bild im Blick: Self-Portrait at Light Table, 1984. Bild: Michel Campeau

Das Fotografie Forum Frankfurt zeigt Arbeiten von Michel Campeau. Es ist die bisher größte Einzelschau des 71 Jahre alten Frankokanadiers aus Montreal in Deutschland.

          Sie gehören zwar zur selben Familie Equidae, doch ist ein Esel selbstverständlich kein Zebra. Oder doch? Auf einer Fotografie, die in den fünfziger Jahren in der mexikanischen Grenzstadt Tijuana entstanden ist, sieht man jedenfalls eine amerikanische Touristenfamilie auf einem Fuhrwerk sitzen, das von einem Esel gezogen wird, dem allerdings die Streifen eines Zebras aufgemalt wurden. Fake News? Ein Spiel mit der Illusion? „Das Bild zeigt vor allem, das eine Fotografie nicht die Wirklichkeit ist, denn ein Esel ist nun mal kein Zebra“, sagt der kanadische Fotograf Michel Campeau, aus dessen eigener Fotosammlung die Aufnahme stammt. Die ist nun im Fotografie Forum Frankfurt in einer Campeau gewidmeten Ausstellung zu sehen und hat auch deren Titel inspiriert: „The Donkey That Became A Zebra: Darkroom Stories“.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es ist die bisher größte Einzelschau des 71 Jahre alten Frankokanadiers aus Montreal in Deutschland. Sie zeigt ihn sowohl als Fotografen mit Beispielen aus einigen seiner wichtigsten Werkgruppen wie auch als passionierten Sammler. Neben nordamerikanischer Amateurfotografie gilt Campeaus Interesse ganz grundsätzlich dem Medium Fotografie in dessen analoger Hochzeit. Neben Werbebroschüren und Bedienungsanleitungen etwa für Kameras hat er Abbildungen von Gegenständen zusammengetragen, die in der analogen Fotografie gebräuchlich sind, seien es Kameras, Filmrollen oder Lichtmesser, sowie jene Utensilien, die es in den Dunkelkammern braucht, um Abzüge der auf Film gebannten Bilder herzustellen.

          Dunkelkammern in Havanna, Paris und Berlin

          Diese Gerätschaften und Utensilien sind mit der zunehmenden Digitalisierung in der Fotografie entsprechend seltener im Gebrauch oder fast schon vom Markt verschwunden, was mittlerweile auch für viele klassische Fotostudios gilt. Als hätte er dieses Verschwinden vorausgesehen, startete Campeau im Jahr 2003 mit seinem heute wohl bekanntesten Projekt: Er fing an, Dunkelkammern in aller Welt zu fotografieren, also jene Handwerkskammern der analogen Fotografie, in denen in einem Zusammenspiel aus Chemikalien und Licht auf geradezu magische Weise Bilder auf Papier sichtbar werden. Campeau hat dafür in Städten wie Havanna, Brüssel, Tokio, Niamey, Berlin, Toronto oder Paris klassische Fotolabore aufgesucht und eine Welt festgehalten, die heute selbst vielen professionellen Fotografen fremd geworden ist, arbeitet doch kaum noch jemand in der Dunkelkammer.

          Campeau übrigens auch nicht, wie er bei aller Faszination für diese Alchimistenküchen gesteht: „Ich habe zwar noch eine Dunkelkammer in meinem Haus, doch die nutze ich nicht mehr“, sagt er. Und obwohl er selbst erst spät mit der digitalen Fotografie begonnen hat, sind bezeichnenderweise die Motive der berühmt gewordene „Darkroom“-Serie, die etwa Filmrollen, Farbfilter, Leuchten oder Wannen für das Fixierbad zeigen, mit einer Digitalkamera aufgenommen worden. Und selbst diese hat in Campeaus Schaffen fast schon ausgedient. Heute fotografiert er mit dem Smartphone.

          Sammeln von Amateurfotografie

          Gleichwohl ist die Beschäftigung mit der analogen Fotografie zentral in seinem Werk, wie auch die Werkgruppe „Gestures And Rituals Of The Darkroom“ beweist. Für diese Serie hat der Sammler Michel Campeau Fotografien aus den vierziger Jahren zusammengetragen, die die Arbeit in damaligen Fotolaboren zeigen und vom Zauber, aber auch von der Willkür der Bildproduktion in diesen „Transiträumen fotografischer Schöpfung“ künden.

          Fotogeschichte: Rudolph Else reading technical book in the darkroom.

          Das Medium Fotografie, seine Gerätschaften und die Bildproduktion sind auch in Campeaus zweitem Sammlungsschwerpunkt allgegenwärtig. Vor einigen Jahren hat er begonnen, Amateurfotografie zu sammeln. Dabei ist er auch auf den Fotonachlass des deutschstämmigen, 1945 nach Amerika emigrierten Raketenforschers Rudolph Edse gestoßen, eines so begeisterten wie talentierten Hobbyfotografen. Edse hat vor allem in durchkomponiert wirkenden Aufnahmen sein Familienleben in der amerikanischen Vorstadt dokumentiert und dabei durchaus prominent seine fotografische Ausrüstung wie auch seine eigene Dunkelkammer in Szene gesetzt. Diese Fotografien hat Campeau neu zusammengestellt und damit den Edses eine alternative Familienbiographie verpasst, eine Biographie, wie er sie sich vorstellt.

          Dieses Prinzip wendet Campeau auch bei anderen Serien an, für die er fremde Aufnahmen mit eigenen Bildern kombiniert und so neue Geschichten konstruiert, die nebenbei auch noch Fotografiegeschichte erzählen. In allen Aufnahmen, die nun in Frankfurt ausgestellt sind, findet sich nämlich ein Hinweis auf das Medium selbst, oder es ist ein Aspekt der Fotografie virulent. Diese Leidenschaft, das Fotografieren immer wieder zu umkreisen und sich stets aufs Neue mit Fragen zu seinem Leibthema zu beschäftigen, zeigt der kanadische Künstler exemplarisch auf einem aus dem Jahr 1984 stammenden Selbstbildnis am Lichttisch, 35 Jahre später ist diese Leidenschaft ungebrochen.

          Die Ausstellung ist bis zum 22. September im Fotografie Forum Frankfurt, Braubachstr. 30–32 zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr, mittwochs 11 bis 20 Uhr.

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