https://www.faz.net/-gzg-9hc13

Fotografie-Ausstellung : An Europas Rändern

In der spanischen Exklave Melilla auf afrikanischem Boden stationiert: die legendäre Legión Bild: Stefan Enders / MSPT / Museum fü

Die EU ist nicht nur Brüssel, Berlin oder London. Man findet das geeinte Europa auch in der Peripherie. Die Fotografien von Stefan Enders beleuchten Menschen und Ansichten aus 28 verschiedenen Ländern.

          Menschen in Schwarzweiß, Bewohner unseres Kontinents, aber nicht in Berlin, Paris oder London aufgenommen, sondern an den Außengrenzen der Europäischen Union, an den Rändern der oft allein als Wirtschaftsraum wahrgenommenen Vereinigung von derzeit noch 28 Ländern, Ansichten „Weit weg von Brüssel“, wie der Titel der Ausstellung lautet. Sie ist von morgen an im Frankfurter Museum für Kommunikation zu sehen und zeigt Individuen, die mehr eint, als der allenthalben aufkeimende Nationalismus sich vorstellen kann. Es gibt sie, die Europäer. Das mag banal klingen. Meint aber in diesen Zeiten, in denen das Trennende gerne hervorgehoben wird und der Brexit tatsächlich Realität zu werden droht, schon ziemlich viel.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Mainzer Fotografieprofessor Stefan Enders war noch vor den unangenehmsten Entwicklungen in der EU im März 2015 zu einer sieben Monate währenden Reise aufgebrochen, um sich ein Bild zu machen von der konkreten Wirklichkeit in einem Staatenverbund, der oft nur als blutleeres bürokratisches Wesen in den Köpfen herumgeistert. Wie es einst kritische Theoretiker empfahlen, widmete er sich der Peripherie statt den Zentren, um Erkenntnisse über das Ganze zu gewinnen. Er hat mit mehr als 700 Bürgern des vereinten Europas gesprochen, und die allermeisten hatten ein Bewusstsein davon, zu einem gemeinsamen kulturellen, politischen und ökonomischen Gebilde zu gehören. Und manche waren gar stolz darauf.

          Holt das Wasser von Brunnen, weil er die Wasserrechnung nicht mehr zahlen konnte: Stefan Dimitrov aus Bulgarien

          Die Geschichte eines jeden und einer jeden Porträtierten wird in einem kurzen Text angerissen, und zwar – ein Novum – in fünf Sprachen. Neben Deutsch sind das Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch. Die Bildnisse sind so sachlich wie einfühlsam, die Dargestellten werden nicht vorgeführt, sondern zur Geltung gebracht, ob es sich um einen Köhler aus Polen oder ein Akademiker-Ehepaar aus Litauen handelt, einen Elitesoldaten der spanischen Legión, die der französischen Fremdenlegion in nichts nachsteht, oder eine portugiesische Krankenschwester. Enders brauchte mitunter etwas länger, um die eine oder den anderen davon zu überzeugen, ihm Modell zu stehen. Schließlich sind es keine Schnappschüsse, sondern perfekt ausgeleuchtete und wie mühelos wirkende, aber mit um so größerem Raffinement hergestellte Porträts.

          Weit weg von Brüssel: Lella Pennisi mit ihrem Sohn Okada Buluma

          Eine zweite Serie von Fotos ist in Farbe gehalten, sie geben Situationen wieder, wie sie für bestimmte Regionen typisch sein mögen. Aber es war immer auch Zufall im Spiel, etwas bot sich an, es ins Bild zu setzen. So durchmischen sich die Porträts, die freilich stets auch etwas von der Umgebung, von der Lebenswelt der Porträtierten verraten, mit szenischen, erzählerischen Bildern. Auch die Formate wechseln.

          Der Fokus liegt zwar nicht auf den Abgehängten und Außenseitern, aber die Fotografien zeigen auch ein Europa, das nicht von Brüsseler Zuwendungen profitiert. Das Gesamtbild ist vielschichtig. Was wie ein romantisches Stimmungsgemälde aussieht, entpuppt sich als Friedhof von Booten, auf denen Flüchtlinge nach Sizilien gekommen sind. Und Mister Harkins vom Firth of Forth, nach seiner Haltung zu Europa befragt, antwortet spornstreichs: „Ich bin Schotte.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Eine Art Ideologie, die zu Gräueln in der Historie unseres Planeten geführt hat“: So beschreibt ein ehemaliger Funktionär die Haltung der IAAF gegenüber der standhaften Caster Semenya.

          FAZ Plus Artikel: Fall Caster Semenya : Startrecht nach Kastration

          Die IAAF hat Caster Semenya nach ihrem Sieg in Berlin 2009 eine Operation nahegelegt zur Aufhebung ihrer Laufsperre. Vier Athletinnen unterzogen sich der Tortur. Ein früherer Funktionär spricht von einem Zwangssystem.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.