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Nachkriegsmoderne : Ehrenrettung für die Wohnburg

Baukunst mit Schwung: der Sachsenhäuser Sonnenring im Jahr 1976 Bild: © Klaus Meier-Ude, 1976

Eine Frankfurter Forschergruppe widmet sich der Architektur der Nachkriegsmoderne. Heutige Planer können von der Kreativität der damaligen Baumeister lernen – und einiges besser machen.

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          Maren Harnack wird fast wütend, wenn sie diesen Spruch hört: Reiche kann man stapeln, Arme muss man flachlegen. Das Argument vieler Planer, man dürfe Geringverdiener nicht in Hochhäusern unterbringen, weil das die Verwahrlosung fördere, erscheint der Städtebauforscherin „zynisch“. Weniger vermögenden Menschen werde damit unterstellt, sie könnten ihre Umgebung nicht in Ordnung halten. Das sei „infam“. Natürlich sei in einem Wohnturm die Eingangszone wegen des starken Durchgangsverkehrs intensiver beansprucht als in einem Haus mit nur wenigen Stockwerken. Aber das lasse sich in den Griff bekommen, etwa durch einen guten Hausmeister.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Harnacks Ansicht, dass auch Nichtmillionäre in großen Häusern gut untergebracht sein können, speist sich aus ihrer Anerkennung für die Architektur der Nachkriegsmoderne. Eine Wertschätzung, die vielen Laien fremd ist und die auch nicht alle Stadtplaner teilen. Dabei hat laut Harnack gerade Frankfurt etwa mit der vor 50 Jahren errichteten Nordweststadt oder der imposanten Wohnburg des Sonnenrings in Sachsenhausen gelungene Beispiele aus dieser Epoche vorzuweisen. Deren Qualität, verdunkelt von Klischees wie jenem von der „Betonwüste“, hat die Ingenieurin ihren Studenten schon bei Exkursionen vorgeführt: „Die waren total positiv überrascht – und schockiert von ihren eigenen Vorurteilen.“

          Solche Einsichten möchte die Professorin noch mehr Leuten bescheren. Zusammen mit ihren Kollegen an der Frankfurt University of Applied Sciences hat sie deshalb eine Forschungsgruppe gegründet. „Ressource Nachkriegsmoderne“ heißt sie und soll zeigen, wie sich der Bestand aus dieser Zeit an heutige Bedürfnisse anpassen lässt. Zudem widmen sich die Wissenschaftler der Frage, was die Planer der Gegenwart vom Siedlungsbau in den Jahren 1945 bis 1975 lernen können.

          Gespür für gute Architektur und Wohnqualität

          Etwa 20 Prozent der Frankfurter, schätzt Harnack, lebten in Großsiedlungen aus dieser Zeit. Die Nordweststadt etwa, konzipiert von Tassilo Sittmann und Walter Schwagenscheidt, findet die Forscherin „in Teilen denkmalwürdig“. Besonders gefallen ihr die vielen Grünflächen, die an den Wochenenden auch durchaus belebt seien. Gerade für Mieter mit kleinem Einkommen, die wenig Platz in der Wohnung hätten und nicht so oft verreisen könnten, seien Bäume und Rasen vor der Haustür wichtig.

          Michael Peterek, ebenfalls Professor für Städtebau, lobt die oft „sehr gut geschnittenen Grundrisse“ der Nachkriegswohnungen. Innerstädtische Altbauten, die in saniertem Zustand als wohnkulturell besonders wertvoll angesehen werden, schneiden verglichen damit in Harnacks Augen schlechter ab: Oft fehle zum Beispiel ein Balkon, oder er sei kaum nutzbar.

          Das Gespür für gute Architektur und Wohnqualität sei von 1950 bis 1970 besonders ausgeprägt gewesen. In den städtischen Ämtern hätten talentierte Planer gearbeitet, und private Investoren hätten den Mut gehabt, Neues zu wagen. Davon zeuge etwa der Sachsenhäuser Sonnenring. Auch in anderen Ländern habe der Wohnungsbau zu dieser Zeit in Blüte gestanden: „In den fünfziger und sechziger Jahren gingen in Großbritannien die besten Architekten zur Londoner Regionalregierung, um Wohnraum für breite Schichten der Bevölkerung zu entwerfen.“

          „Manches ist auch schiefgegangen“

          Natürlich seien die Gebäude in jenen Jahren nicht durchweg meisterlich geraten, sagt Hans Jürgen Schmitz, Direktor des Forschungsinstituts für Architektur, Bauingenieurwesen und Geoinformatik an der Frankfurt University. „Es wurde unglaublich viel gebaut, und manches ist auch schiefgegangen.“ Harnack beklagt, dass einige Siedlungen nicht fertiggestellt worden seien und es an Infrastruktur gefehlt habe; Peterek nennt als weiteres Problem die mancherorts fehlende soziale Durchmischung. Dass sich städtische Gesellschaften zu hundert Prozent auf sozialen Wohnungsbau konzentrierten, hält er denn auch nicht für sinnvoll.

          Wer sich heute als Planer an der Nordweststadt und ähnlichen Siedlungen orientieren will, muss nach Meinung der Professoren zudem die veränderten Bedürfnisse der Nutzer bedenken. Während die Wohnungen damals auf Familien zugeschnitten worden seien, würden heute mehr Quartiere für Singles und neue gemeinschaftliche Wohnformen gebraucht, erläutert Peterek. Barrierefreiheit müsse selbstverständlich sein. Und da die Wirtschaft in der digitalen Welt weniger Lärm und Dreck verursache als früher, spreche auch nicht mehr so viel dagegen, Wohnen und Arbeiten in einem Stadtteil zu vereinen.

          Zukunft der Wohnblöcke

          Gern beibehalten werden darf nach Ansicht der Forscher die großzügige Begrünung – schon mit Blick auf den Klimawandel. Als mögliche Ressourcen für Nachverdichtungen in bestehenden Siedlungen sehen Peterek und Harnack hingegen die Parkplätze. Zum einen setzten Wohnungsgesellschaften nun öfter auf neue Mobilitätsangebote wie E-Bikes und Carsharing, zum anderen gebe es inzwischen bessere Möglichkeiten, Autos unterzubringen: etwa in Tiefgaragen oder mehrstöckigen Stahlbauten, die, wenn nötig, rasch wieder abzubauen sind.

          Mehr Oase als Wüste: Die reichlich begrünte Nordweststadt

          Der eine oder andere Nachkriegsbau könnte sich auch noch aufstocken lassen. Schmitz empfiehlt, dabei „Symbiosen“ zu schaffen, von denen Alteingesessene und Neubewohner gleichermaßen profitierten: etwa durch Aufbauten, in denen außer Wohnungen noch Gemeinschaftsräume oder Appartements untergebracht sind, die jeder Hausbewohner für eine Weile als Gästezimmer reservieren kann.

          Mangel in Frankfurt

          Spürbar lindern lässt sich der Wohnungsmangel durch solche Projekte allerdings nicht; darin sind sich die drei Professoren einig. Es müssten neue Stadtteile entstehen, etwa im Frankfurter Norden an der A 5 oder neben dem Main-Taunus-Zentrum bei Sulzbach. Letzteres habe er schon vor zehn Jahren vorgeschlagen, sagt Peterek. Bei der Standortsuche ist Perfektionismus nach Harnacks Überzeugung nicht hilfreich. „In Frankfurt gibt es keine einzige Fläche mehr, die super geeignet wäre – denn die sind ja alle schon bebaut.“

          Dass ein neues Viertel zwischen Niederursel und Steinbach von der Autobahn durchschnitten würde, ist für Harnack ein lösbares Problem. Die A 5 könne man „großzügig überbrücken“. Womöglich lässt sich auch in dieser Hinsicht einiges von den Schöpfern der Nordweststadt lernen: An Fußgängerbrücken wurde dort nicht gespart.

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